Strukturiert oder prozessorientiert?
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Prof. Hans-H. Lenharde
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Strukturelles Vorspiel
mehr Struktur macht Struktur zu mehr Macht - macht Struktur zur Machtstruktur.
Subjekt ist Subjekt weniger Subjektivität macht Subjekte zu Objekten - macht Subjekte objektivierbar.
Subjekt ist Struktur, ist Struktur mit Leben - macht: Struktur menschlich Machtstruktur problematisch.
1. Beobachter-Vorbemerkungen 1.1. Einführung Während der drei Jahre zahlreicher Praxisbesuche in deutsch-französischen Ferienzentren hat sich meine Aufmerksamkeit für die Einzelheiten des Lebens der Jugendlichen und der Teams geändert. Anfangs war es für mich wichtig, zu schauen, wie die objektiven Gegebenheiten eines Zentrums aussahen: die Wirklichkeit der Tagessätze, Gruppengröße, Komfortbedingungen und Programm- bzw. Verpflegungspläne - sowie der Architektur, Geographie und Sozial- bzw. Ökonomiestruktur des Rahmens. Die Sammlung von Daten, wie etwa die Anzahl der vorhandenen Sportgeräte einer bestimmten Art, dazu die Bestimmung eines Nutzungswertes i.S. der Feststellung pädagogisch empfehlenswerter Richtzahlen, die eine sinnvolle Materialausstattung quantifizierbar machen - kurz: eine objektorientierte Strukturanalyse war Ausgangspunkt meiner Untersucher-Aktivitäten. Dabei hat es - aus der Sicht eines daran Interessierten - allerlei Erkenntnisreichtum gegeben:
Eigenartigerweise und ohne direkt erkennbaren korrelativen Zusammenhang entwickelt sich darin - je mit ähnlich extremen Ausprägungen - viel unterschiedliches Leben. Da sind große Zufriedenheit/Unzufriedenheit, Kontakte/Isoliertheit bei Jugendlichen und auch Leitern in beiden Extrembereichen "sinnvoller" bzw. "problematischer" Zentrenstrukturen zu beobachten. - Anders ausgedrückt, die festgestellten angenehmen wie unangenehmen Erlebnisse, die positiv wie negativ bewerteten Lebensmöglichkeiten in den Zentren waren nicht eindeutig einer bestimmten materiellen Realität zuzuordnen; in unkomfortablen Scheunenunterkünften habe ich glückliche und in viel freudigem Kontakt lebende Jugendliche getroffen - in guten Raum- und Verpflegungsverhältnissen habe ich aggressiv nörgelnde Beziehungslosigkeit um Gruppenmitglieder gesehen und ebenso war Isoliertheit und Aggressivität in naturnaher "Einfachheit" - wie Zufriedenheit in modernsten Komfortbildungsstätten vorhanden. Diese unterschiedlichen Lebensabläufe - in z.T. ähnlichen Umgebungssituationen wie in sehr voneinander abweichenden Begegnungsprojekten - haben meine Aufmerksamkeit in eine Richtung orientiert, in der die Rolle der Subjekte und der subjektiven Bedürfnisse und Werte mehr Bedeutung hat; und dies auf Kosten einer Realitätsanalyse, die eindeutig determinierende Strukturmerkmale erkundet bzw. auf die Bestimmung eines "erfolgversprechenden Begegnungsrahmens" zielt. Dieser Bericht soll also die Dimension subjektiver, das Leben in den Ferienzentren stark prägender Einflüsse diskutieren, um mehr Beachtung auf die Erlebniswelt und Wertsysteme der beteiligten Menschen (als Strukturelemente) zu lenken. Es wird im Rahmen der - an die Beobachtungen anschließenden - Überlegungen nicht darum gehen, eine Strukturkonfiguration zu bestimmen, die Begegnungsabläufe optimal kanalisiert und prozessual aufbereitet. Es war und ist mir wichtig, Einsicht in die spezielle Eigenart eines solchen Bereiches des Zusammenlebens zu bekommen und zu vermitteln und auf der Basis des erworbenen und/oder vermittelten Bewußtseins über die besonderen Verhältnisse dazu beizutragen, deren Qualität besser zu erkennen. Die jeweils von einer Gruppe deutscher und französischer Jugendlicher verwirklichte Form des Miteinander-Lebens verstehe ich als Ergebnis eines Auseinandersetzungsprozesses der Beteiligten mit den Größen: materielle Bedingungen und subjektive, soziale Verhältnisse. Die gefundene Form wird durch den Beobachter - i.S. einer Betrachtung durch einen System-Fremden - erfaßt und im vorliegenden Bericht diskutiert. Diese System-Fremdheit des Praxis-erkundenden Forschers bedeutet einerseits eine Revisionschance für die in der Praxis weit verbreitete Form des sozialen Systems Jugendbegegnungsgruppe; andererseits liegt in ihr auch die Problematik eines unangemessenen Korrekturanspruchs einer Außeninstanz - aufgrund einer möglichen Wertdifferenz. Der Anspruch, verändernd - i.S. des Wertsystems des Praxisberaters bzw. erkundenden Forschers - zu wirken, ist meiner Meinung nach wichtig; die Bestimmung der Veränderungsrichtung wird in erster Linie vom politischen Machtpotential ausgehen. Dabei bleibt zu sehen, daß eine Veränderung der Realität des Austausches - mit mehr Raum für die nachfolgend diskutierten Lebensaspekte - nur mit jenen Mitarbeitern geschehen kann, die bereit sind, ihre eigene Praxis zu reflektieren und sich mit den hier angestellten Überlegungen und aufgezeigten Alternativen auseinanderzusetzen.
1.2 Die Subjektivität der Beobachtungsberichte Bei den Überlegungen, die Praxisfelder der deutsch-französischen Jugendbegegnungen zu erkunden, um Aussagen über deren Eigenart zu machen, stellt sich als ein wichtiges Problem die Frage des Aussagewertes meiner punktuellen Einblicke und Einsichten. Die Anzahl meiner Praxisbesuche in den letzten drei Jahren (je ca. vier drei- bis sechstägige Aufenthalte) reicht nicht aus, um repräsentative Verallgemeinerungen als Ergebnisse zu formulieren; meine Stellungnahmen - in Form bewertender Kommentare und/oder intervenierender beteiligter Handlungen - können allerdings zur Verdeutlichung charakteristischer Strukturmerkmale beitragen. Ihnen als Leser, wie mir als Schreiber, kann die Diskussion meiner Erfahrungen nur dann zu einer relativierten Einschätzung des Untersuchungsfeldes verhelfen, wenn immer wieder berücksichtigt wird, daß mein subjektives Wahrnehmungssystem (also das zu sehen, was i.S. meines Problemverständnisses und meines Sehen-Wollens auffallend ist) und mein dazugehöriges Bewertungssystem (d.h. meine Urteile von dem, was im Begegnungsprojekt mehr oder weniger wertvoll, sinnvoll für das Leben ist) diesen vorliegenden Bericht maßgeblich bestimmen. Der Wert der so gewonnenen Stellungnahmen zur Form der aktuellen Jugendbegegnungsarbeit ist nicht numerisch, quantifiziert beabsichtigt; die qualitative Analyse einiger Situationen des Lebens sich jugend-begegnender Menschen scheint mir mehr zum Verständnis bzw. zu aus der "Sache" resultierender Kritik beizutragen und Veränderungsenergie zu provozieren. So werde ich meinen Beitrag über die Wirklichkeiten des Lebens von Jugendlichen und Leitern im Rahmen binationaler Treffen durch den Filter meiner psychologischen Sicht vermitteln; ich gehe dabei von den in den Gruppen konkret angetroffenen Formen der Realitätsbewältigung aus, d.h. von den dort beobachteten Handlungen und Auseinandersetzungen, die zu einem Mehr oder Weniger an Befriedigung der Bedürfnisse im Leben der Gruppe führten. Ich will dabei vermeiden, von spekulativem Hineininterpretieren "eigentlicher" Interessen und Bedürfnisse der Beteiligten auszugehen. Zu oft habe ich festgestellt, daß dieser "methodische Kunstgriff" von Pädagogen genau dann verwendet wird, wenn deren eigenes Interesse von dem der Partner differiert und die Durchsetzung eigener Bedürfnis-, Interessens- oder Auftragspositionen in einer direkten Auseinandersetzung mit dem Partner, in der man ihn ernst nimmt, nicht mehr möglich ist. In solchen Situationen wird mit der Argumentation: "zum eigentlichen Wohle" oder im Hinblick auf die "eigentlichen Bedürfnisse und Motivationen" - quasi über den Partner hinweg - (und nur möglich durch den Einsatz von Macht) eine Lebensrealität geschaffen, die meist ausschließlich dem eigenen Bedürfnis dieser Pädagogen/Personen entspricht. Mir scheint es wichtiger, bei dem zu bleiben, was die Jugendlichen und Leiter als Subjekte des Geschehens in den Zentren wollen; das weitverbreitete Nicht-Ernst-Nehmen der menschlichen Bedürfnisse, Schwierigkeiten und Eigenarten vermeidet zwar die Wahrnehmung von Differenzen und Auseinandersetzungen und läßt Lebensharmonie scheinbar weit verbreitet deutlich werden. Wenn in meinem Bericht gerade der Aspekt der konflikthaften Begegnung vordergründig mehr auftauchen wird, dann, weil mitmenschliches Zusammenleben meiner Meinung nach primär aus dem Bewältigen von Auseinandersetzungen um die Andersartigkeiten je zweier unterschiedlicher Menschen besteht - in permanenter Folge; und weil die Momente der Übereinstimmung, des differenzenlosen Zusammenseins bei der Multidimensionalität unserer Lebensabläufe nur sehr selten die Wirklichkeit bestimmen.
Wenn ich das Leben in den Zentren i.S. eines Auseinandersetzungsmodells erlebt habe und hier darstellen will, dann tue ich das mit der ruhigen Gewißheit, daß diese Auffassung in den unterschiedlichsten Lebenssituationen der Begegnungsgruppen sichtbar wurde, in denen die Beteiligten ihre Differenzen zulassen und in offener Kommunikation klären und bearbeiten und bewältigen konnten. Da im Rahmen der mir bisher begegneten Diskussionen um Probleme und Möglichkeiten des deutsch-französischen Jugendaustausches der Aspekt der vordergründigen Handlungsabläufe (welche Programmaktivitäten führen zu wie "guten" Maßnahmen?) bzw. der Materialausstattungen (wieviel Jugendliche mit welchem Sportgerät in welchen Behausungen einen "optimalen" Begegnungsrahmen darstellen?) fast immer der ausschließliche Gesprächsgegenstand wer, will ich die intrapersonellen Faktoren als zentrales Strukturelement dieses Beitrages herausstellen. Dazu habe ich einige Lebenssituationen ausgewählt, an denen es mir möglich ist, die Bedeutung des subjektiven Faktors herauszuarbeiten. Es geht um Situationen von Minderheiten, um Außenseitertum, um Mitverantwortung bzw. Mitbestimmung, um Aussteiger und um Anteilnahme, also soziale Beziehung. So gesehen alles gesellschaftliche Alltagsprobleme, die weitverbreitet und nicht speziell binational sind. Und genau das ist meiner Meinung nach der bedeutendste Aspekt der deutsch-französischen Jugendarbeit: Ein Erfahrungsraum, der aufgrund der verschiedenen kulturellen Eigenarten besonders geeignet ist, diese Probleme zu verdeutlichen und die Chance beinhaltet, Bewußtsein für individuelle und soziale Phänomene zu vermitteln, die sowohl innergesellschaftlich, wie interkulturell Konsequenzen haben können. |