Strukturiert oder prozessorientiert?
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Prof. Hans-H. Lenharde
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3. Identitätsstrukturen und pädagogisches Handeln
Die vorausgehend ausgewählten Fallbeispiele (aus einer Vielzahl hier unkommentiert belassener weiterer Ausschnitte des Praxisfeldes bi-nationaler Jugendkontakte) beleuchten schwerpunktmäßig Strukturebenen des Lebens und Zusammenlebens, die, weil erlebnisgebunden, intrasubjektiv sind - und als psychische Seinsebene häufig gegenüber der offensichtlichen Realiätsebene der objektiven Bedingungen und Handlungsabläufe unbeachtet bleiben. Jeder Kontakt mit den Objekten und Subjekten der Welt der Begegnungsgruppe hat jedoch immer unmittelbar eine Entsprechung auf der subjektiven Erlebnisebene. Wir fühlen und bewerten die Konsequenz jeder Begegnung, jeder Berührung; entweder sie ist angenehm oder unangenehm - und das je aufgrund des individuellen Wertsystems und der daraus resultierenden Stellungnahme.
Der Raum, der den Partnern im Leben der Begegnungsgruppen zur Verfügung steht, hängt davon ab, inwieweit diese subjektiven Impulse zugelassen werden; das ist eine Frage der Lebensmöglichkeiten, die den anwesenden Personen eingeräumt werden und gleichzeitig eine Frage nach den Machtverhältnissen, die belebend oder einschränkend wirken, d.h. die Frage nach den Freiräumen für individuelles Sein. Ohne die Möglichkeit, das zu sein, was in mir ist, habe ich wenig Gelegenheit, das, was in mir ist, was ich bin, kennenzulernen. Der Raum unzensierter, unvorschriftsmäßiger Aktionen, d.h. des spontanen Aus-sich-Herausgehens wird bedeutsam, wenn junge Leute ihre Eigenart und deren Konsequenzen für ein Zusammenleben mit anderen, anderen Gruppen und Kulturbereichen kennenlernen wollen - und wenn sie dann rückblickend und mit der Bewußtheit von dem, was sie sind, können und tun, zu entscheiden vermögen, was für die Zukunft für sie angemessen ist. Der Raum individuellen Lernens in diesem Sinne braucht Partner, die in ihrem Wertsystem dieses selbsterkundende (auch fehlermachende und konfliktträchtige) Bewältigen aller möglichen Situationen zu lassen. Die Bewußtheit als strukturelles Merkmal des Betreuerlebens ist also Voraussetzung für ein - auf grund von spontanem Selbstentwickeln und Selbsterproben - bewußtes Leben der Jugendlichen. Mit diesem Bericht soll ein Beitrag gegeben werden, um die Bewußtheit der Leiter im Hinblick auf die Konsequenzen ihrer Wertsysteme, ihres Machtgebrauchs, ihrer Moral i.w.S. zu erweitern und wieder einmal auf die Grenzen rationaler Informationsvermittlung hinzuweisen. Es bleibt der subjektiven Meinungsbildung überlassen und der Gewichtung dieser Daten, inwieweit im Feld zukünftiger Praxis die weitere spontane Aktivität ab und zu durch reflektive Erinnerungen unterbrochen wird, bzw. mit Bewußtsein alternative Möglichkeiten zur bisherigen Gewohnheit gelebt werden können; und es bleibt der Entscheidung der finanzierenden Machtinstanzen vorbehalten, durch gezielte Förderung von Projekten - mit entsprechender qualitativer Struktur - zu mehr Chancen für lebendige Lebensbereiche im bi-nationalen Jugendbegegnungsraum beizutragen. Die Perspektive: durch mehr Struktur mehr machbar zu machen, ist ausweglos - bezogen auf ein Ziel, das heißt, Menschen zum-miteinander-leben-lernen zu begleiten. Die Perspektive heißt auch nicht: Strukturlosigkeit als Ausweg aus dem Dilemma der Gefährdung der Menschlichkeit. - Mir scheint es wichtig, meinen eigenen Zuwachs an Problemsicht und wählbaren Möglichkeiten bei der Frage nach den Lebensvorgaben für andere als eine mögliche Konsequenz aus dieser Auseinandersetzung mit dem Untersuchungsthema zu sehen. Wenn die bi-nationale Ausbildung bei der Gestaltung der zukünftigen Lernräume vermehrt die Strukturbedürfnisse und Strukturfolgen im Bewußtsein hat, ist die Frage der Fixierung struktureller Bedingungen en détail eine Frage sekundärer Bedeutung. Leben-lernen im bi-nationalen Feld (Strukturraum für die Jugendbegegnungen) meint für mich: fähig werden, Strukturen zu erkennen und - i.S. der Bewertung ihrer Nützlichkeit bzw. Unsinnigkeit für meine Lebensvorstellungen - damit umgehen zu lernen; d.h. sie zu akzeptieren oder zu verändern. Veränderungsbereitschaft als antistrukturelle Kraft ist wichtig für die zu bestimmende Strukturform.
4. Nachwort Es ist mir wichtig, am Ende des Berichtes meinen eigenen Anschauungswandel im Hinblick auf bi-nationales Zusammenleben nochmals zu betrachten. Die meisten Anstöße zum Nachdenken und Überprüfen meiner Werte habe ich an den Orten bekommen, deren gelebte Wertrealität der meinen am weitesten entgegenstand. Meist fiel es mir anfangs am schwersten, diese Realität in ihrer großen Differenz zur mir entsprechenden Art des Lebens neugierig zu erkunden. Der immer wieder bemerkbare Mechanismus in den vereinfachenden Denk- und Lebenskategorien von richtig oder falsch ist ein wahres Hindernis bei dem Versuch des anerkennenden Erfahrens einer anderen Wirklichkeit. Mein Bild vom guten bzw. effektiven Jugend-Begegnungs-Leben hat ungeheuer viele neue Farben erhalten und beinhaltet eine für mich zu Beginn der Beobachtungsphase undenkbare, "auch mögliche" Vielfalt. Eines ist mir allerdings deutlicher als zuvor: Wenn dieser Raum als ein zweifelsohne bedeutsamer tertiärer Sozialisationsbereich "mehr" für ein verständnisvolles und koexistierendes multinationales und interindividuelles Zusammenleben bringen soll - und von der Wichtigkeit einer solchen Einrichtung bin ich, im Hinblick auf die Uberlebensaussichten aller, überzeugt - muß auch an dieser Stelle mehr für eine Verbreitung solcher Werte, die zu leben Voraussetzung für das Überleben ist - getan werden.
Da ich meine, wenig Konsequenzen für das Leben anderer vorformulieren zu wollen, stelle ich eine Reihe von persönlichen Bewertungen als zusammenfassende Stellungnahme ans Ende, die mein Bild vom deutsch französischen Begegnungslaben wiedergeben:
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