1. Die positiven Auswirkungen einer internationalen Mobilitätserfahrung werden heute nicht mehr in Frage gestellt. Wie kann man junge Menschen davon überzeugen, sich auf dieses Abenteuer einzulassen?

In der Jugend sammelt man die meisten Erfahrungen, die für die Persönlichkeitsentwicklung und die Lebensplanung  wichtig sind. Internationale Mobilität ist eine Inspirationsquelle für junge Menschen - ganz unabhängig von ihrem Werdegang oder ihrer Herkunft. Egal ob es sich um ein Individual- oder Gruppenaustauschprojekt handelt, Mobilität geht immer mit Begegnung und Kontakt zum Anderen, zu einer anderen Sprache, Kultur und anderen Gepflogenheiten einher.

Mobilität heißt deshalb auch, über den eigenen Tellerrand zu schauen und neue Möglichkeiten und Lebensentwürfe zu erschließen.

2. Viele junge Menschen haben bereits an internationalen Austauschprogrammen teilgenommen. Gleichzeitig gibt es viele junge Frauen und Männer, die man noch nicht für eine grenzüberschreitende Begegnung gewinnen konnte. Wie können wir ALLEN jungen Menschen Zugang zu Mobilitätsmaßnahmen verschaffen? Jugendpolitikerinnen und -politiker sprechen sich immer häufiger für dieses Ziel aus. Ist es realistisch?

Es handelt sich um ein ehrgeiziges, aber ganz wichtiges Ziel. Jugendbegegnungen tragen wesentlich dazu bei, dass sich Staaten und Gesellschaften einander annähern. Ein gutes Beispiel ist das Erasmus-Programm, das die Hochschullandschaft in den vergangenen 30 Jahren maßgeblich geprägt hat.

Im September 2017 hat Präsident Macron in seiner Sorbonne-Rede darauf hingewiesen, dass 2024 die Hälfte aller jungen Menschen einer Altersklasse vor Vollendung des 25. Lebensjahres mindestens sechs Monate in einem anderen europäischen Land verbracht haben wird. 

Dies bedeutet, dass bereits bestehende Programme und Einrichtungen erneuert werden müssen. Gleichzeitig muss sich aber auch die Kultur ändern. All diejenigen, die mit jungen Frauen und Männern - seien es Schülerinnen und Schüler, Auszubildende oder Studierende - zu tun haben und sie in ihrem persönlichen und beruflichen Werdegang begleiten, müssen reflexartig an Mobilität denken, wenn es um den Bildungsweg junger Menschen geht. Das ist eine große Herausforderung für das französische Bildungswesen, vor allem für weiterführende Schulen. 

Besonders viel Bewegung herrscht an unseren Berufsschulen. Gemeinsam mit unseren deutschen Partnern wollen wir das Berufsschulwesen modernisieren und große international ausgerichtete Berufsbildungszentren mit integrierten Mobilitätsprogrammen ins Leben rufen. In Zukunft wird es also mehr Auszubildende, Berufschülerinnen und -schüler geben, die ihre Ausbildung im Nachbarland machen.

3. Gemeinsam mit Franziska Giffey haben Sie den Vorsitz des Verwaltungsrates des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW) inne. Was verbinden Sie mit dem DFJW?

Der historische Auftrag, mit dem das DFJW seit 1963 betraut ist, macht diese Institution einzigartig. Gleichzeitig blickt das DFJW immer wieder in die Zukunft. Die Arbeit des DFJW ist per se von Geschichte geprägt. Das DFJW gehört zu den Einrichtungen, die tagtäglich die deutsch-französische Aussöhnung leben. Diese Aussöhnung hat nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges begonnen und mündete im Elysée-Vertrag. Was das DFJW so besonders macht, ist seine Fähigkeit, junge Menschen in beiden Ländern zu begeistern. Mit seinen vielfältigen Programmformaten und -themen geht das DFJW auf die Interessen und Wünsche der jungen Generation ein. Folglich öffnen sich die Jugendlichen und erkennen, dass die Sichweise des Anderen eine Bereicherung sein kann. Ich habe mich selbst davon bei einer deutsch-französisch-polnischen Begegnung mit jungen Gehörlosen in Paris überzeugen können.

4. Am 5. Juli 1963 wurde das DFJW im Rahmen des Elysée-Vertrages gegründet. Was wünschen Sie dem DFJW für die nächsten 55 Jahre?

Mein Wunsch ist, dass das DFJW das 21. Jahrhundert überdauert, denn sein Auftrag ist zeitlos. Das DFJW trägt maßgeblich dazu bei, dass die deutsch-französische Freundschaft und der europäische Geist noch stärker gelebt werden und in den Bildungssystemen unserer beider Länder verankert sind.

 

Franziska Giffey, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und deutsche Amtskollegin von Jean-Michel Blanquer, wird in der nächsten Ausgabe des Newsletters das Wort an unsere Leserinnen und Leser richten.