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Zu einer Zeit, da Deutschland Eingang in die politische Debatte Frankreichs gefunden hat, bewundern viele führende Politiker in Frankreich, an erster Stelle der französische Staatspräsident, die in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland durchgeführten Reformen wie das Erreichen eines ausgeglichenen Haushalts, die Wohnungsbaupolitik, die Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und die Ausbildung von Jugendlichen. Auch wenn einige Stimmen die Auswirkungen dieser Reformen kritisieren (Verarmung, Rückzug auf sich selbst) kommt man nicht umhin festzustellen, dass sich der Blick von Politik, Wirtschaft und Medien längst auf den deutschen Nachbarn richtet und ihn zum Vorbild macht. Diesem Beispiel folgen zahlreiche französische Zeitungen, die ihre Schlagzeilen dem deutschen Modell widmen.
Dabei ist es gut zu wissen, dass man sich jenseits des Rheins sehr oft auch auf das französische Modell beruft, sei es hinsichtlich Familienpolitik, Krankenversicherung oder Mindestlohn.

Kann man ein Gesellschaftssystem so einfach von einer auf die andere Gesellschaft übertragen? Sicher nicht uneingeschränkt, denn wir haben es nach wie vor mit zwei Ländern und demnach mit zwei unterschiedlichen Kulturen zu tun, die ihre Besonderheiten bewahren wollen und sollen. Allerdings gibt es ein Modell, das zwar nicht perfekt, aber als solches ganz und gar einzigartig ist, nämlich das deutsch-französische Modell.

Welche bilateralen Beziehungen haben auf europäischer Ebene solch einen Einfluss ausgeübt wie die deutsch-französischen? Hervorgegangen aus einer vor rund 50 Jahren begonnen historischen Annäherung, die vom französischen Staatspräsidenten kürzlich bei seiner Fernsehansprache am 29. Januar als „wertvoller Schatz“ bezeichnet wurde, werden diese Beziehungen, zumindest in politischer Hinsicht, vom Paar „Merkozy“ verkörpert. Dieses hat, wie andere Paare auch, Meinungsverschiedenheiten erlebt und wird diese auch in Zukunft erleben. Doch es besteht der Wille, im Interesse einer stärkeren Konvergenz und eines stabilen Europas, gemeinsame Lösungen zu finden, wie zum Beispiel die Vereinheitlichung der Steuern, die Integration der Bildungssysteme und die gegenseitige Anerkennung der Abschlüsse.      

Die Themen Konvergenz und Intensivierung der Zusammenarbeit haben deshalb beim Deutsch-Französischen Ministerrat am 6. Februar 2012 in Paris eine wichtige Rolle gespielt. Dies versteht sich nicht von selbst, denn beide Länder sind per se unterschiedlich. Wir brauchen aus diesem Grund Verständnishilfen, um uns einander anzunähern. Wer die Verschiedenartigkeit unserer Schulsysteme erlebt hat (das eine eher mit Vorgaben arbeitend, das andere eher auf Partizipation ausgerichtet), unserer Managementkulturen (Rückgriff auf den Experten versus Präferenz für den Generalisten) oder der Organisation unserer Verwaltungen (zentralistisch die eine, föderal die andere) vermag sich dahin gehend einen Gesamtüberblick zu verschaffen und Kompromisse zu schließen, die sowohl für Frankreich als auch für Deutschland akzeptabel sind; und warum nicht auch für die anderen Länder Europas?

Die deutsch-französischen Beziehungen regen im Übrigen die Rechte wie die Linke an. So hat François Hollande angekündigt, dass er im Falle eines Wahlsieges der deutschen Kanzlerin die Ausarbeitung eines neuen Elyseevertrages vorschlagen wird. Derjenige, der von de Gaulle und Adenauer unterzeichnet worden war, hatte den Rahmen für die Zusammenarbeit beider Länder abgesteckt und ihr eine neue Dynamik verliehen, insbesondere auf geopolitischer Ebene sowie in den Bereichen Verteidigung und Bildung. Im nächsten Jahr wird er sein 50-jähriges Bestehen feiern.
Ein schönes Jubiläum, anlässlich dessen man in die Zukunft blicken und aber auch auf konkrete Errungenschaften zurückkommen wird. Zum Beispiel auf sein „schönstes Kind“: das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW), das seit 1963 mehr als 8 Millionen Jugendlichen die Möglichkeit gegeben hat, an 300 000 deutsch-französischen Austauschprogrammen teilzunehmen und damit eine solide, von den Unwägbarkeiten der politischen Beziehungen unabhängige Basis in der Zivilgesellschaft geschaffen hat. Aufgabe und Programme des DFJW waren im Übrigen Anstoß für die die Gründung ähnlicher Institutionen wie das 1968 geschaffene Französisch-Quebecische Jugendwerk und das 1991 gegründete Deutsch-Polnische Jugendwerk. Das DFJW bietet ebenfalls an, seine Erfahrungen mit dem deutsch-französischen Austausch und der Versöhnung einst verfeindeter Nationen an Länder in Postkonfliktsituationen wie das Kosovo oder Bosnien weiterzugeben.    

Jeden Tag haben wir es bei Begegnungen wie denen zwischen Jugendlichen aus sozial benachteiligten Vierteln Berlins und aus Clichy-sous-Bois, bei Austauschprogrammen für Auszubildende, Seminaren für französische und deutsche Doktoranden oder Sportbegegnungen mit zwei Ländern zu tun, die unbefangen aufeinander zugehen und sich achten. Das ist für Europa ein kostbares Gut; und es liegt an uns, dieses Gut auch künftig erfolgreich zu gestalten.

Béatrice Angrand und Dr. Markus Ingenlath,
Generalsekretäre des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW)