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Deutschland

Es gibt wahrscheinlich genauso viele Arten Weihnachten zu feiern, wie es Familien gibt. Und jede Familie hat ihre eigenen, kleinen Weihnachtsrituale, die die Tage rund um dieses große Fest takten. Das beginnt schon mit dem Anschaffen des Weihnachtsbaums und dem Dekorieren des Wohnzimmers.

In meiner Familie sind wir hier immer sehr spät dran, vor dem 23.12 findet man bei uns keinen weihnachtsähnlichen Baum im Haus. Das bedeutet natürlich auch, dass dann am Nachmittag vor Heiligabend beim Verkaufsfeld  noch schnell die große Entscheidung getroffen werden muss, welche Tanne das diesjährige Rennen macht. Am späten Nachmittag steht die Gewinner-Tanne, dann auch wo sie soll: mitten im Wohnzimmer über einer Krippe mit Holzfiguren, geerbt von der Großtante und mit abstrakten Schafen aus Filzwolle, ohne Gesicht und Beine.

Nachdem die Dekorationskisten in einer Ecke des Kellers ausfindig gemacht worden sind, schmücken wir unseren Baum mit Strohsternen in groß und klein, goldenen Walnussschalen und roten Kerzen. Gleichzeitig wird das Wohnzimmer mit Lichterketten behangen, die wieder unerklärlicherweise im Keller ihr Eigenleben entwickelt haben und deshalb vorher stundenlang entwirrt werden müssen. Nachdem die Weihnachts-CD dann ca. 3 mal durchgelaufen ist erstrahlt das Wohnzimmer in weihnachtlichem Glanz und alles ist bereit für den großen Tag.

Am frühen Nachmittag des 24. Dezembers werden wir mit unserem Familienorchester bei der Caritas-Weihnachtsfeier in der Pfarrgemeinde zu richtigen Stars und rocken das Fest mit weihnachtlichen Liedern in Schleife, wie auf der CD - nur  etwas laienhafter. Da nur mein Bruder hier musikalisch wirklich etwas drauf hat, geht es für die anderen hauptsächlich darum, alle exzentrischen Töne zu übertünchen, die meine Mutter mit ihrer Oboe produziert. 

Nach diesem Konzertakt haben wir 5 Minuten Zeit, um uns am Kuchenbuffet zu vergreifen und einen Kaffee in aller Eile zu trinken, bevor es dann hoch zur Kirche geht.
Nach der Messe richten wir das Wohnzimmer her. Das kleine Räuchermännchen wird angezündet und daneben ein Engelsmobile, das sich durch eine Kerze bewegt und leise klingelt. Die Geschenke werden unter den Baum gelegt.

Dann essen wir, weder typisch deutsch noch typisch französisch. Manchmal essen wir Fisch, oder auch einfach nur Pizza. Und dann folgt natürlich die Bescherung!

Frankreich

Am Morgen des 25.12  sitzen wir dann im vollgepackten Bulli Richtung Frankreich. Im Haus unserer Großeltern in den Vogesen erwarten uns dann Cousins, Onkel und Tanten und der spezielle Plastik-Kitsch-Weihnachtsbaum, den meine Großmutter wohl schön findet.

Die große Bescherung findet dann mittags im Salon statt, wo sich ca. 15 Personen zusammenfinden. Sie wird von einem Apéro begleitet, der den kulinarischen Marathon offiziell eröffnet. Bis zum 27.12. sitzen wir dann mindestens 8 Stunden täglich an einem riesigen Tisch den meine Großeltern extra für solche Gelegenheiten haben anfertigen lassen. Was hier verspeist wird klingt fast klischeehaft:  Petits fours, Foie gras, Rôti de boeuf, Bûche und Käse schmücken die Tafel. Meine Großmutter achtet mit stetigem Nachservieren darauf, dass niemand den Tisch verlässt bevor das absolute Maximum, das an Nahrungsaufnahme möglich ist, erreicht wird. Ihr selbstgebrauter Johannisbeerschnaps und verschiedene Weine sorgen für den nötigen Stimmungsaufbau, vor allem da mein Onkel hier mit ebenso viel Nachdruck nachschenkt wie meine Großmutter.

Bei den langen Festmahl-Sitzungen bleibt dann höchstens kurz mal Zeit für einen Familienspaziergang über die Felder Lothringens oder für ein Kapitel Lektüre am Kaminfeuer. Und am 28. oder 29.12 sitzen wir dann auch schon wieder im Bulli…um Silvester wieder in Deutschland zu sein!

 

Artikel: Marie Finke

Übersetzung ins Französische: Mélody Michon