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Eine Fahrt – 8.Tage Frankreich mit der Landjugend des Landkreises Altötting

Erinnerungen aus dem Montag, 03.Mai 1965 (20 Jahre nach dem Ende des 2.Weltkrieges)

Wir waren einquartiert in der Auberge de Jeunesse (Jugendherberge) in Clermont Ferrand in der Auvergne in Zentral-Frankreich. Nach dem Wecken um 8°°Uhr sagte man uns, dass das Frühstück leider nicht organisiert wurde und wir uns in den umliegenden Gaststätten selber versorgen müssen. Zeit hätten wir bis 11°°Uhr.

Gegenüber der Jugendherberge war der Bahnhof, aber ich hatte kein Interesse in einem Bahnhofsrestaurant zu frühstücken. „Georg“, sagte ich zu meinem Freund, „jetzt suchen wir uns ein Bistro“ – nach unseren Vorstellungen ein Gasthaus im Jugendstil. Wir gingen los und fanden nach einem guten halben Kilometer ein entsprechendes Lokal. Unsere Französisch-kenntnisse beschränkten sich auf - guten Tag, bitte, danke, Ober bitte zahlen, auf Wiedersehen und noch ein paar Begriffe.

Im Bistro saß ein Gast mit Baskenmütze am Ecktisch und las in der Zeitung „Le Monde“. Wir nahmen an einem anderen Tisch Platz und holten unser Französisch-Wörterbuch heraus. Kaffee und Marmelade klingt in beiden Sprachen fast gleich, wir brauchten also nur noch Brot und Butter. Keiner von uns beiden wusste aber, wie man pain und beurre ausspricht – das sollte sich der Ober selber ansehen.

Es kam der Besitzer selber. „Bon Jour Monsieur, Kaffee, Marmelade (und im Wörterbuch angedeutet: Brot und Butter) s’il vous plait“.

Darauf lächelte der etwa 50-jährige Mann und meinte mit starkem Akzent: „Sie können ruhig deutsch mit mir sprechen“. Als er das gewünschte Frühstück brachte (eine große Kanne Kaffee, ein großes Glas Marmelade, für jeden ein großes Baguette und ein halbes Pfund Butter) fragte er höflich, ob er sich zu uns setzen dürfe. Selbstverständlich! Dann begann er zu erzählen:

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„1938 habe ich geheiratet und 1939 bekamen wir einen Sohn. Dann brach der Krieg aus und ich wurde eingezogen. Bald nach Beginn des deutschen Einmarsches in Frankreich fiel ich in deutsche Kriegsgefangenschaft und musste in einem Rüstungsbetrieb in Düsseldorf schwer arbeiten. Bis zu zwölf Stunden am Tag – überlebt haben nur die Gesunden.

Einige Monate später schrieb man mir, dass meine Frau und mein kleiner Sohn im deutschen Bombenhagel umgekommen sind. Etwas später teilte man mir mit, dass mein Vater und mein Bruder als Geiseln für die „Rèsistance“ erschossen wurden. Da meine Mutter schon früher verstarb, war damit meine ganze Familie ausgelöscht – von den Deutschen.

Ich könnte nie mehr nach Deutschland fahren, da ich dort die Männer meiner Generation treffe und jedes Mal würde sich mir die Frage stellen – hast Du die Bomben geworfen oder hast Du Vater und Bruder erschossen?

Aber das Beste, was in den Jahren seit Kriegsende passiert ist, war der deutsch-französische Jugendaustausch. Einer, der im anderen Land Freunde hat, schießt nie mehr auf sie. Eher putzt er seine idiotischen Politiker oder Generale weg, die von ihm verlangen, dass er mordet.

Ihr beiden seid erst nach dem Krieg geboren, warum soll ich euch hassen? Es war mir eine Ehre, Sie als Gäste zu haben. Die Rechnung geht auf das Haus“.

Als wenn es uns um die umgerechnet DM 2,10 pro Nase gegangen wäre. Dieser Mann hat uns

viel, viel mehr gegeben – Achtung, Respekt und Bewunderung für einen Menschen, der nach all diesen Erlebnissen sich gegen den Hass und die Feindschaft entschieden hat. Ich verbeuge mich vor ihm. Es war nur unverzeihlich von uns, dass wir uns nicht seinem Namen und Adresse aufgeschrieben haben.

26 Jahre später machten meine Frau und ich zur Silberhochzeit wieder eine Urlaubsfahrt ins Vendee, aber ich konnte dieses Restaurant in Clermont Ferrand leider nicht mehr finden. So bleibt mir nur die Erinnerung an einen „großen“ Nachbarn. Inzwischen habe ich in „seinem“ Land schon sieben mal Urlaub gemacht und niemals das geringste Problem erlebt – inclusive einem von mir verschuldeten Autounfall. Vive la France! Und kommenden Mai fahren wir in die Provence!

Erich Hansen