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2018 jährt sich das Ende des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal. Der Erste Weltkrieg erscheint uns rückblickend als Chiffre: für eine neue Brutalität kriegerischer Auseinandersetzungen in den industrialisierten Staaten Europas, als ein neuer Höhepunkt deutsch-französischer Feindschaft, symbolisch auf dem Schlachtfeld von Verdun, genauso wie für die gewalttätige Zerstörungskraft aggressivnationalistischer Rhetoriken, Stimmungen und Politiken zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 

Was lässt sich einer (gerade aus deutsch-französischer Perspektive) gemeinsam geteilten Vergangenheit der Gewalt heute Wirkmächtiges und radikal Anderes entgegensetzen, sodass die Mechanismen von Ausgrenzung, Gewalt und Brutalität unterlaufen werden können? Welche Aufgabe kommt Literatur und Sprache vor dem Hintergrund radikaler Sprachlosigkeit zwischen Deutschland und Frankreich im Zeitalter der Kriege nun in der Gegenwart zu? 

Über diese und andere Fragen kam ich auf die Idee des von mir angestoßenen digitalen Essay-Projekts „Wie wollen wir den Frieden erzählen?“, bei dem ich deutsche und französische Jugendliche miteinander ins Gespräch bringen möchte.

„Das spezifisch Böse der Gewalt ist ihre Stummheit.“ – Das schrieb die Philosophin Hannah Arendt Mitte des 20. Jahrhunderts nach der grausamen Erfahrung von Krieg und Vertreibung durch den 2. Weltkrieg. Dieser Stummheit der Gewalt versucht mein Projekt anlässlich des hundertjährigen Endes des Ersten Weltkriegs eine transnationale, junge, plurale und dialogische Erzählung einer Gegenwart und Zukunft des Friedens entgegenzustellen.

Wenn Frieden nicht zur unhinterfragten Selbstverständlichkeit werden soll, wenn die Praktiken und Riten des Gedenkens, derer wir uns zur Vergegenwärtigung des Vergangenen bedienen, nicht zur Farce werden sollen und die Beschäftigung mit Geschichte mehr als die bloße Konservierung des Geschehenen bedeuten soll, dann, so scheint mir, gilt es immer wieder neue Geschichten, Muster und Bilder des Friedens, der Versöhnung und des Widerstands zu entwerfen. Dies aus einer interkulturellen, deutsch-französischen Perspektive zu wagen, erscheint mir besonders reizvoll, denn so lässt sich doch gerade die Geschichte der deutsch-französischen Aussöhnung als Beispiel gegen die Logik historischer Zwangsläufigkeit und für die transformative Kraft der Jugend lesen.

Gefunden haben sich im Lauf der letzten Woche sechsundzwanzig deutsche und französische Teilnehmende im Alter zwischen 17 und 30, die aus der Perspektive als Schülerinnen und Schüler, Studierende oder junge Berufstätige zu zweit (leider nicht immer ganz ausgeglichen) als deutsch-französisches Tandem, ausgehend von einem Zitat, Ideen um die Themen des Friedens und der Versöhnung entwickeln. Die Überlegungen der Teilnehmenden werden im Laufe der nächsten Monate auf dem Online-Blog: https://raconterlapaix.wordpress.com/ veröffentlicht und dokumentiert.

Daher an dieser Stelle eine herzliche Einladung von mir an alle dort in der nächsten Zeit immer mal wieder vorbeizuschauen! Schließlich verstehe ich das Ziel und die Richtung dieses Projekts auch als das, was die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann in ihren Frankfurt Poetik Vorlesungen als ein Denken, „das zuerst noch nicht um Richtung besorgt ist, einem Denken, das Erkenntnis will und mit der Sprache und durch die Sprache etwas erreichen will. Nennen wir es vorläufig Realität.“ beschrieben hat. Wo es endet, bleibt offen. Stattdessen versteht sich meine Aktion als ein dynamischer Austausch- und Lernprozess, als gegenseitiges Zuhören und Antworten mit den Möglichkeiten des Digitalen, die Raum für Mehr eröffnen als Kulturen des anonymen Hasses.

 

Tobias Schweitzer