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Was spricht für interkulturelle Aus- und Fortbildung?

Bedeutung von Aus- und Fortbildungen zur Qualitätssicherung von Jugenbegegnungen und die Rolle von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren im Prozess des interkulturellen Lernens

* Zur Vereinfachung der Lektüre wird im Nachfolgenden nur noch die männliche Form verwendet.

Der Ausbildung von Leitern* und Betreuern von Jugendbegegnungen kommt eine entscheidende Rolle für die Sicherung und Steigerung der Qualität der vom DFJW geförderten Austauschprogramme zu. Es genügt nicht, deutsche und französische Jugendliche an einem Ort zusammenzubringen, um gewünschte Fortschritte und Lerneffekte zu erzielen. Der bloße Kontakt mit Menschen einer anderen Kultur führt ebenso wenig wie eine Auslandsreise notwendigerweise zu gegenseitigem Verständnis und Respekt. Bisweilen geschieht sogar das Gegenteil. Um aus einer Kontaktsituation eine positive Wahrnehmung und die Herausbildung von geeigneten Verhaltensweisen angesichts der vorhandenen Unterschiede entstehen zu lassen, erweist sich ein pädagogisches Konzept für solche Begegnungen als unerlässlich. Dieses erstreckt sich von der Vorbereitung über die Umsetzung in Zusammenarbeit mit den Partnern und die pädagogische Arbeit in einem interkulturellen Team bis hin zu der Schlussauswertung. Mit Hilfe von deutsch-französischen oder trinationalen Jugendbegegnungen sollen demnach interkulturelle Lernprozesse in Gang gesetzt werden. Diese sind jedoch von bestimmten Voraussetzungen und der Umsetzung eines wohlüberlegten pädagogischen Ansatzes abhängig.

Bereits seit langem ist man sich darüber einig, dass die Ausbildung von Betreuern auf ausschließlich nationaler Ebene für den Erwerb und die Weiterentwicklung besonderer, für die Betreuerfunktion bei interkulturellen Begegnungen erforderlicher Kompetenzen nicht ausreichend ist. Daher erweisen sich die Aus- und Fortbildungsprogramme, die speziell auf Zielsetzungen und Bedingungen dieser Art von Begegnungen ausgerichtete sind, als unumgänglich. Neben dem sicheren Umgang mit bestimmten Kenntnissen (Sprache, Geschichte, Kultur, Gesellschaft usw.) geht es hierbei um den Erwerb persönlichkeitsbezogener Handlungskompetenzen, die einerseits für die Arbeit in einer interkulturellen Gruppe und andererseits für die Verwirklichung der zuvor festgelegten pädagogischen Ziele entscheidend sind.

Um interkulturelle Lernprozesse in Gang zu setzen, ist es von grundlegender Bedeutung, diese selbst erlebt zu haben. Daher vollziehen sich die vom DFJW geförderten Aus- und Fortbildungsprogramme stets im Rahmen deutsch-französischer oder trinationaler Begegnungen. Kernelemente der Ausbildung sind, Erfahrungen in der Gruppe zu sammeln sowie diese zu analysieren. Die Teilnehmer sollen befähigt werden, Vorgänge in der Gruppe objektiv zu beobachten und sich mit ihnen aktiv auseinanderzusetzen: Welche Konflikte treten auf? Wo werden Dinge unterschiedlich interpretiert? Welche Divergenzen lassen sich auf interkulturelle Unterschiede zurückführen? Wie verhalten sich Betreuer in spannungsgeladenen Situationen oder bei auftretenden Missverständnissen? Dies sind nur einige wenige der in den Aus- und Fortbildungskursen behandelten Fragen.

Das Thema Sprache steht selbstverständlich im Zentrum jeder Begegnung. Allerdings richten sich die vom DFJW geförderten Austauschprogramme nicht ausschließlich an Jugendliche, die die Sprache des Partnerlandes sprechen. Alle hier vorgestellten Aus- und Fortbildungskurse ermöglichen eine Auseinandersetzung mit der sprachlichen Komponente der Begegnung und liefern Denkanstöße über die Gestaltung mündlicher oder schriftlicher Kommunikation sowie zu Übersetzungen. Zudem stellt sich die Frage, wie die Austauschsituation sinnvoll genutzt werden kann, um die Teilnehmer zu motivieren, eine Sprache zu lernen. Die Begegnung mit den tatsächlichen Sprechern der anderen Sprache kann ein regelrechtes „Aha-Erlebnis“ auslösen, zumal viele Jugendliche zum ersten Mal in einer realen Situation mit dieser Sprache in Kontakt kommen. Zu den Aufgaben der Betreuer gehört es, sich über Kommunikationsschwierigkeiten in einem mehrsprachigen Umfeld und sich der damit verbundenen Potenziale bewusst zu sein, um geeignete Maßnahmen zur Überwindung der Probleme und zur Nutzung der Chancen abzuleiten.

Weitere inhaltliche Schwerpunkte bestehen darin, sich mit der Geschichte des betreffenden Landes vertraut zu machen und weitere landeskundliche Kenntnisse zu erwerben. Darüber hinaus soll den Betreuern Hintergrundwissen über den institutionellen und rechtlichen Rahmen in Bezug auf die Durchführung von Jugendbegegnungen im Partnerland vermittelt werden.

Angefangen von der allgemeinen Gruppenbetreuung bis hin zum spezifischen interkulturellen Lernen werden unterschiedliche Methoden in den Ausbildungsprogrammen vorgestellt. Einige widmen sich der Weitergabe spezieller didaktischer Ansätze, die entweder direkt aus dem Bereich der interkulturellen Kommunikation oder aus anderen Gebieten der Jugendarbeit stammen.

Betrachtungen zur Rolle der Betreuer von Jugendbegegnungen

Die Aneignung von Faktenwissen über das andere Land kann nicht der vorrangige Sinn eines Jugendaustauschs sein. Ein direkter Kontakt zu den Bewohnern des Partnerlandes sollte unbedingt erfolgen. Aber worin könnte dieser Kontakt bei begrenzten sprachlichen Fähigkeiten bestehen.

Damit eine Begegnung mit dem Partner wirkungsvoll ist, muss sie auch tatsächlich gewollt sein. Dies bedeutet auch, dass die Teilnehmer u. a. das Programm einer Begegnung mitgestalten und ihre Interessen während des Austauschs sowie im anderen Land zum Ausdruck bringen können. Den Leitern kommt daher weder die Rolle von Lehrern noch von bloßen Gruppenbegleitern zu. Idealerweise sind sie es, die Erfahrungen und Lernprozesse ermöglichen und den Jugendlichen dabei helfen, sich tatsächlich auf ihr Gegenüber einzulassen und somit zu gewährleisten, dass interkulturelles Lernen stattfindet. Eine Voraussetzung hierfür ist eine gewisse Neugier für das andere Land bzw. die anderen Länder, die jeweilige Kultur und Geschichte und die unterschiedlichen Aspekte des alltäglichen Lebens sowie ein echtes Interesse an teilweise ganz unterschiedlich funktionierenden gesellschaftlichen Prozessen.

Interkulturelles Lernen, das im Rahmen einer Begegnung stattfindet, vollzieht sich über gemeinsame Erlebnisse. Feste und Feierlichkeiten, die je nach Gruppenzusammensetzung und Alter der Teilnehmer unterschiedlich gestaltet sein können, spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie ermöglichen informelles Beisammensein und hinterlassen positive Erinnerungen. Dennoch geben solche Anlässe keinen Aufschluss über das tägliche Leben der Beteiligten. Finden Begegnungen im Heimatort der Austauschpartner statt, möchten diese ihre Stadt oder Region naturgemäß in möglichst gutem Licht präsentieren und den anderen ihre Interessen und Vorlieben nahe bringen. Es wäre jedoch schade, wenn Erfahrungen nicht über den bloßen „Konsum“ von Festen, regionalen Spezialitäten und Landschaften hinausgingen. Gemeinsam gestaltete Aktivitäten, Zeiten des gegenseitigen Zuhörens sowie „gekreuzte Blicke“ sind unerlässlich, um den Anderen aber auch sich selber zu entdecken.

Um interkulturelles Lernen im Rahmen deutsch-französischer Begegnungen zu gewährleisten, ist ein binationales (oder ggf. trinationales) Betreuerteam Grundvoraussetzung. Nur somit kann auf einzigartige Weise sichergestellt werden, dass pädagogische Konzepte, Themenvorschläge sowie politische und soziale Werte zweier oder dreier Kulturen ihren angemessenen Ausdruck finden. Damit die Beteiligten den Mut finden, ihre subjektiven Vorstellungen kritisch zu überprüfen, ist es zunächst erforderlich, dass sie diese auch offen äußern können. Wichtig ist dabei die Erkenntnis, dass eine nur vermeintlich objektive Herangehensweise die Bereicherung durch bi- und internationale Beziehungen schmälern kann. Unterschiede anzuerkennen bedeutet, sich gegenüber kulturellen, sozialen, institutionellen, politischen und historischen Befindlichkeiten zu öffnen, die zwar nur selten mit den eigenen Anschauungen übereinstimmen, diese jedoch ergänzen und zu einer gegenseitigen Bereicherung führen können.

Vorrangiges Ziel vieler Austauschprogramme ist auch heute noch, Vorurteile aus der Welt zu schaffen. Mit Sicherheit ist es ein lobenswertes Vorhaben, unzutreffende Urteile über die „Anderen“ durch Einzelpersonen oder Gruppen zu revidieren. Problematisch wird es nur dann, wenn jede Meinungsäußerung und jede Schilderung von Eindrücken über mögliche Unterschiede kategorisch als Vorurteil zurückgewiesen wird. Eine solche Haltung führt mitnichten zur Anerkennung und Annahme von Andersartigkeiten und erweist sich häufig als hinderlich, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und diese näher kennen zu lernen.

Die deutsch-französische Zusammenarbeit, die durch Jugendbegegnungen gefördert wird, umfasst die Bereiche Kultur, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Wenn diese Kooperation nicht nur oberflächlich gestaltet wird, birgt sie mitunter auch Konflikte in sich und kann nur erfolgreich sein, wenn der „Andere“ mit all seinen Besonderheiten verstanden und akzeptiert wird. Dies setzt voraus, dass man historische und politische Probleme weder aus Höflichkeit noch aus Furcht ausklammert. In diesem Rahmen ist es von grundlegender Bedeutung, in deutsch-französischen Austauschbegegnungen wieder Raum für geschichtliche Themen zu lassen. Hierbei sollte man sich nicht einzig und allein auf die beiden Weltkriege beschränken, sondern eine Auseinandersetzung mit den Ereignissen, der Ideengeschichte und den gesellschaftlichen und religiösen Strömungen zulassen; all dies prägt unsere regionale, nationale, europäische und globale Gegenwart entscheidend. Welches Erbe möchte man weitergeben? Ob wir wollen oder nicht, wir sind über Generationen von bewussten oder unbewussten Werten geprägt. Unsere Taten, Meinungen sowie unsere Sichtweise uns selbst und unsere Umgebung betreffend, ist davon stark beeinflusst. Welchen Teil dieses „Erbes“ möchte man überwinden? Welchen verändern? Was soll weitergegeben werden? Und was in keinem Fall?

Zu einem interkulturellen Lernprozess gehört auch die Bereitschaft, sich von anderen Kulturen bereichern zu lassen, sprich gegenüber anderen Denk und Verhaltensweisen empfänglich und offen zu sein. Dies bedeutet, dass in der eigenen Kultur als „üblich” oder „normal” Erachtete relativieren zu wollen und zu können. Grundvoraussetzung dafür ist aufgeschlossen und neugierig auf das eigene System sowie auf das des Gegenübers zu sein. Dazu gehört auch, dass der Respekt gegenüber Mitmenschen und ihren Besonderheiten niemals in Desinteresse umschlagen sollte, auch dann nicht, wenn es zu dazu führt, teilweise unterschiedliche Wege einzuschlagen. Durch einen solchen Ansatz können Begegnungen mitunter sehr komplex werden. Dabei geht man das Risiko ein, dass Dinge geäußert werden, die bei üblichen Willkommensritualen normalerweise nicht vorkommen. Das unterschwellige zum Ausdruck zu bringen ist jedoch die einzige Art und Weise, dem „Anderen“ Antworten und Reaktionen zu ermöglichen, d.h. an einem Dialog zwischen zwei Personen, zwei oder drei Gruppen oder zwei oder mehreren Kulturen im Sinne eines besseren Verständnisses teilzuhaben.

In Deutschland und Frankreich leben immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund, die ihre verschiedenen Kulturen und sozialen Gepflogenheiten in unsere Länder einbringen. Mehrheitlich kommen sie aus Mittel- und Osteuropa und den Ländern des südlichen Mittelmeerraums und stellen einen Bestandteil unserer Gesellschaft dar. Abgesehen davon, dass sie das Recht haben, in vollem Umfang an den deutsch-französischen Begegnungen teilzunehmen, ist es für sie sicher interessant, an trilateralen Austauschprogrammen unter Mitwirken der Herkunftsländer ihrer Familien teilzunehmen, um somit ein besseres Verständnis für die von ihnen tagtäglich erfahrenen Unterschiede zu entwickeln.

Über lange Zeit hinweg fanden all diese Aktivitäten unter dem Motto der Freundschaft statt. Es ist jedoch durchaus möglich, sich für andere Gesellschaftsstrukturen zu interessieren, ohne sich diesen unbedingt sehr nahe zu fühlen. Unterschiede können als Bereicherung aufgefasst werden, als eine sich stets aufs Neue entfaltende und spannende Entdeckungsreise, die Rückschlüsse auf den eigenen Hintergrund zulässt und dies ohne jegliche Bestrebung, die anderen Lebens- und Verhaltensweisen zu übernehmen. Es muss sogar nicht einmal ein besonderes Verbundenheitsgefühl zu den Vertretern dieser Kultur bestehen. Die Andersartigkeit im positiven Sinne erleben zu lernen bedeutet nicht gezwungenermaßen, Freundschaft zu schließen, sondern umfasst vielmehr das Fremde, dazu können auch Meinungsverschiedenheiten gehören. Werden sie von den gesellschaftlichen Akteuren ernst genommen, weisen die Strukturen unserer beiden Länder genügend Unterschiede auf, um ein stetes gegenseitiges Hinterfragen zu ermöglichen und die in unseren Gesellschaften oft unterschiedlichen Prioritäten und Ängste erkennbar zu machen. Andererseits sind sie sich nahe genug, um einen Dialog über kulturelle Unterschiede im Hinblick auf gemeinsames Gestalten zu ermöglichen.

Methoden, die im Zusammenhang mit einer solchen Vorgehensweise erarbeitet werden und auf dem Wunsch aufbauen, sich von früheren Leiden und damit verbundenen Vergeltungsbestrebungen zu lösen, um somit dauerhaft für Frieden einzustehen, gehen weit über den deutsch-französischen Rahmen hinaus sie können einen Beitrag zu allen Annäherungsprozessen leisten.

Mit den vorangehenden Ausführungen wollen wir Betreuern und Organisatoren deutsch-französischer Austauschprogramme, die mehr als nur Ferienaufenthalte ermöglichen und über einen oberflächlichen Erstkontakt hinausgehen möchten, Denkanstöße geben. Es geht darum zu verhindern, dass sich Austauschbegegnungen nach einigen Jahren zu reinen Routineübungen entwickeln und es immer schwieriger wird, Programme für Teilnehmer anzubieten, deren Neugier auf das andere Land bereits gestillt zu sein scheint.

Wir sind von der Notwendigkeit überzeugt, langfristige und tief greifende Beziehungen zum Nachbarland zu entwickeln, hinter die Fassade zu schauen, die von Touristen oft als allgemeingültig angesehen wird. Auf diese Weise möchten wir dazu beitragen, dass neue, spannende Welten entdeckt werden können, die sich hinter dem ersten Eindruck verbergen.