Europa in meinem Alltag? Vieles ist für mich selbstverständlich, ohne dass ich es hinterfrage. Ich esse Käse aus Frankreich, höre englische Musik und fahre problemlos über die Grenze. Freiheit und Flexibilität, das ist mein Europa. Reisen, wohin ich möchte, in den Urlaub, zu Freunden, zu meiner Familie. Geboren und aufgewachsen bin ich in Baden-Württemberg, meine Eltern kommen aus Äthiopien. Die Vermischung von mehreren Sprachen und Kulturen ist bei mir Zuhause üblich – wie in Europa auch. Ich fühle mich daher nicht nur in Stuttgart, sondern auch in Äthiopien und bei meiner Familie, verteilt in ganz Europa, heimisch. Europa mit seinen demokratischen Grundwerten und seinem Friedenskonzept ist für mich außergewöhnlich.

Reisen, sich zwischen den Ländern zu bewegen, ohne am Grenzposten angehalten zu werden, ist für mich sehr wichtig. Manchmal merkt man gar nicht, dass man schon „drüben“ in Frankreich ist. Während meines Studiums möchte ich gerne ins Ausland gehen. Eigentlich wollte ich ERASMUS in England machen. Deswegen musste ich schon schlucken, als der Brexit verkündet wurde. Europa war auf einmal nicht mehr so selbstverständlich, wie man denkt.

Da ich in einem pro-europäischen Umfeld aufgewachsen bin, übersieht man leicht, dass es viele Menschen gibt, denen die Vorteile der EU nicht bewusst sind. Seltsame Beschlüsse zur Größe von Gurken oder dass da irgendwelche Technokraten in Brüssel das Geld verprassen, hört man oft. Ja, es gibt Probleme, doch mangelt es meines Erachtens vor allem an Kommunikation und Transparenz. Und das ist schade, denn es gibt auch so viel Positives zu berichten — wie die Möglichkeit zum Jugendaustausch.

Mein Engagement für die deutsch-französischen Beziehungen und damit auch für Europa begann mit einer Begegnung in Straßburg. Jugendliche aus verschiedenen Ländern kamen zusammen, um gemeinsam zu diskutieren. Wir besuchten das Parlament, interviewten Abgeordnete und sprachen über die Zukunft Europas. Auch Themen wie Jugendarbeitslosigkeit kamen zur Sprache und wir suchten nach Lösungsansätzen. Insgesamt war es für mich eine sehr spannende Zeit, die mir auch klar machte, was mir persönlich wichtig ist an Europa. Mein Wunsch an die EU: Dass alle jungen Menschen, egal wo in unserer Gemeinschaft, die gleichen Voraussetzungen haben. Um etwas zu ändern, müssen wir uns engagieren.

Die Brexit-Wahlen haben gezeigt, wie wichtig es ist, dass vor allem wir als junge Generation unsere Stimme abgeben. Wenn wir nicht wählen gehen, werden andere trotzdem an die Urne gehen und für uns entscheiden. Dass der Zusammenhalt auseinanderbricht, es einen Rechtsruck gibt, ist meine große Angst. Ich bin mir noch nicht ganz sicher weiß, wen ich wählen werde. Es ist nicht immer ganz einfach zu überblicken, für was die einzelnen Parteien stehen. Deshalb hole ich mir Unterstützung beim Wahl-O-Mat.

Ich wähle am 26. Mai, und du?!

 

Iman Hassen-Mohmed