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Der November ist als Schicksalsmonat in die deutschen und französischen Geschichtsbücher eingegangen, als Monat des Trauerns und des Gedenkens. Die beiden jungen Fotografen Abdu und Diana können dies bezeugen. Als sie am Abend des 13. November 2015 gemeinsam mit dem DFJW-Netzwerk Diversität und Partizipation zum Stade de France aufbrachen, rechnete natürlich keiner mit dem, was passieren würde.Was im Laufe des Abends vor allem der momentanen Ablenkung von den Geschehnissen diente, ist heute wertvoll für Erinnerung und Verarbeitung. Sie schossen von der Anschlagsnacht an Fotos, die sie anschließend zusammenstellten, und beweisen damit vor allem eines: Freundschaft und Zusammenhalt sind Dinge, die es zu feiern gilt. Und sie möchten bei Weitem noch nicht aufhören damit.
Wir haben die beiden interviewt und nach ihren Einschätzungen befragt:

 


© Boris Bocheinski

Abdu, wieso hast du dich als Deutscher dazu entschlossen, dieses Zeichen für Solidarität zu setzen?
Zum einen finde ich, kann man und muss man Trauer und Empathie unabhängig von der Nationalität zeigen. Zum anderen war ich ja selber an diesem Abend auf den Straßen Paris' unterwegs und dementsprechend ist es natürlich ein Thema, das mich sehr bewegt und beschäftigt. Außerdem können sich natürlich viele Leute nicht vorstellen, wie es in unserer Situation wohl war; ich versuche, mit den Bildern auf den Abend noch einmal einen anderen Blick zu geben.

 


Diana, wie hast du die Zeit als Französin unmittelbar nach und seit den Anschlägen wahrgenommen? Hat dir das Projekt geholfen, das Ereignis aufzuarbeiten?
Seit den Anschlägen wird mir jeden Tag bewusst, wie glücklich ich bin, am Leben zu sein. Am Tag nach den Anschlägen war ich in der U-Bahn und plötzlich war Stromausfall; wir waren alle in der Dunkelheit. Da dies in Bastille (Symbol für Freiheit und Demokratie) passiert ist, habe ich mir sofort gedacht, es wäre ein anderer Anschlag. Die Leute neben mir auch; alle haben angefangen zu schreien. Ich habe sogar geweint, weil ich so müde war. Wir waren alle terrorisiert und schockiert wegen all dem, was den Vorabend geschehen war.
Angst ist oft dabei, wenn ich irgendwo "touristisch" rumgehe – durch die Stadt oder wenn ich öffentliche Verkehrsmittel nutze; aber man muss akzeptieren, das Leben ist nicht ewig und man kann nicht alles kontrollieren. Das Projekt ist ein Mittel, darüber nachzudenken, zu hören was die Leute fühlen, zu beobachten was die Stimme der Stadt ist...

 


Habt ihr ein bestimmtes Bauchgefühl bezüglich der Rückkehr nach Paris anlässlich des Jahrestags der Anschläge?
Abdu: Nein, bisher habe ich kein spezielles Bauchgefühl. Ich schwanke ab und zu zwischen Vorfreude auf das Projekt und der Befürchtung, dass wieder etwas passieren kann. Ich denke, das Gefühl, was wir haben werden, wird sich dann ergeben, wenn wir in Paris sind und direkt mitbekommen, wie so die allgemeine Atmosphäre auf der Straße ist. Generell versuche ich aber eher, gelassen nach Paris zu fliegen.
Diana: Ich bin schon in Paris, es ist also keine Rückkehr für mich. Ich muss aber sagen, ich habe mir gedacht, es wäre vielleicht besser, vorsichtig zu sein (aber wie?), weil vielleicht etwas anderes passieren könnte am Jahrestag der Anschläge. Bauchgefühl habe ich immer, wenn ich vor dem Bataclan laufe oder in der Gegend bin. Also Traurigkeit ist offen dabei.


© Boris Bocheinski

Wieso ist euer Projekt ausgerechnet eine Fotokollektion geworden? Was können Fotos – gerade in diesem Kontext – mehr oder besser als Worte?
Abdu: Es ist ja im Grunde eine Fortführung und Vergrößerung meiner Fotoausstellung im September. Fotos bieten sich in vielerlei Hinsicht an. Ich hatte sie zum einen bereits gemacht, sprich man hat eine Grundlage. Zum anderen sind Fotos ein sehr gutes nonverbales Mittel der Kommunikation. Fotos schreiben nichts vor, sondern fordern den Betrachter dazu auf, sich sein eigenes „Bild“ der Situation zu machen und sich auch emotional dem Moment hinzugeben. Fotos sind freier.
Diana: Fotos mit Aussagen können viel erzählen: Mimik, Blicke, Haltung können viel über die allgemeine Stimmung sagen. Es ist auch eine Art, zu behaupten: „Wir sind hier, wir vergessen euch nicht (die Opfer der Anschläge) und wir werden weiterfeiern und weiterleben, um den Terrorismus zu bekämpfen. Wir haben vielleicht Angst, aber haben die Kraft, weiterzugehen und unsere Freiheit zu genießen.“ Unsere Fotos demonstrieren diese Hoffnung auf bessere Tage und auf Frieden.

 


Empfandet ihr den Abend des 13.11.2015 als Abend des Hasses? Wenn ja, wie können eure Fotos ein Zeichen dagegen setzen?
Abdu: Zwiegespalten. Den Abend an sich empfinde ich sowohl als Abend des Hasses als auch noch stärker als Abend der Verzweiflung, denn jeder, der direkt oder indirekt in diese Situation verwickelt war, hatte keinerlei Ahnung, was nun zu tun ist. Man hat sich mit der Situation per se überfordert gefühlt. Allerdings empfand ich die Tage danach eindeutig als Zeit der Liebe, weil man so viel Empathie zu spüren bekommen hat, wie man sonst nur selten erfährt.
Diana: Der 13.11.2015 ist der Abend des Horrors. Ein Alptraum. Die Fotos sind – im Gegenteil – voller Hoffnung, voller Leben, voller Friede. Die Fotos zeigen, was Terrorismus zu unterdrücken versucht: Kultur, Kunst, Freiheit zu denken, Freiheit allgemein.

 


Was für Reaktionen habt ihr auf euer Projekt bekommen? Welches Resümee könnt ihr daraus ziehen?
Abdu: Bisher gab es durchweg gutes Feedback. Unterstützende und motivierende Worte habe ich von allen bekommen, mit denen ich über das Projekt gesprochen habe.
Diana: Jedes Mal, wenn ich mit meinem Umfeld darüber rede, sagen mir die Leute, es sei ein sehr schönes, aber kompliziertes Projekt. Einige meiner Freunde haben nicht mitmachen wollen, weil es viel zu schwer ist. Manche haben keine Kraft, über ihre verlorenen Freunde zu sprechen, andere wollen sich in einem Foto nicht hervorheben.
Die, die motivierter sind, sind die, die weniger Kontakt zu den Opfern hatten.


© Boris Bocheinski

Wir danken Abdu und Diana für die Einblicke in ihre Arbeit und Einschätzungen und wünschen ihnen für den weiteren Verlauf ihres Projekts alles Gute!

 

Das Interview führte Lucas.