Achtung: diese Seite wurde seit mehr als 6 Monaten nicht mehr aktualisiert. Die Informationen sind nicht mehr aktuell.

Der 14. Juli ist der Tag im Jahr, an dem Franzosen wirklich stolz sind, Franzosen zu sein. Neben Militärparaden auf den Champs-Elysées, die im Fernsehen übertragen und von überschwänglichem Jubel sowie von abertausenden Flaggen in Bleu, Blanc, Rouge begleitet werden, hat der französische Nationalfeiertag zu allem Überfluss sogar eine eigene englische Bezeichnung – „Bastille Day“ –, was nun wirklich sinnbildlich für seine Bedeutung in der Welt stehen muss. Man könnte sagen, dass der 14. Juli in Frankreich deutliche Parallelen zum 4. Juli der Vereinigten Staaten aufweist. Beide stehen sie doch für einen freudigen Tag im Zeichen der Einheit.

Aber wie sieht es mit dem 3. Oktober in Deutschland aus? Ja, der 3. Oktober ist ein Feiertag in Deutschland, die Läden haben zu. Schillernde Paraden wie in Frankreich sind jedoch Fehlanzeige. Einzig und allein eine Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor Kanzlerin Merkel und den Bundestagsabgeordneten bekommen die Deutschen zu hören. Doch wie kommt es zu diesem Unterschied?

Dazu muss man sich zuerst einmal die Ursprünge dieses Datums ansehen. Der 3. Oktober ist nämlich erst 1990 im Zuge des Falls der Berliner Mauer und der Wiedervereinigung zum deutschen Nationalfeiertag und damit zum „Tag der Deutschen Einheit“ geworden. Die BRD hatte davor den 17. Juni, die DDR den 7. Oktober als Nationalfeiertag. Der 3. Oktober ist somit noch sehr „jung“ und deshalb weniger in der deutschen Kultur verankert als der 14. Juli in der französischen.

Mit 28 Jahren liegt eine ganze Generation zwischen dem Mauerfall und heute. Diese Generation ist aufgewachsen in dem Bewusstsein: Unser nationaler Feiertag ist der 3. Oktober. Das erklärt nun aber keineswegs, warum er nicht so exzessiv gefeiert wird wie der 14. Juli in Frankreich. Außerdem muss man sich doch nur einmal vor Augen halten, welche Turbulenzen die vorangegangenen Generationen im Vorfeld der Wiedervereinigung mitgemacht haben –waren sie doch selber dabei. Sollte der 3. Oktober da nicht umso umfangreicher gefeiert werden?

Doch vielleicht besteht der Unterschied einfach darin, dass beide Länder aus unterschiedlichen Blickrichtungen an ihre eigene Geschichte herangehen. Könnte es nicht sein, dass die Deutschen den 3. Oktober vielmehr als Tag zum „Gedenken“ als zum „Feiern“ ansehen?

Feiern heißt, ein freudiges Ereignis mit viel Furore wertzuschätzen,
Gedenken heißt, sich die Erinnerung eines Ereignisses oder einer wichtigen Person ins Gedächtnis zu rufen.

In den Augen der Deutschen gilt es also eher, am 3. Oktober eines zähen Wiedervereinigungsprozesses zu gedenken, der Spuren hinterlassen hat, die auch heute noch sichtbar sind. Auf der anderen Seite erachten Franzosen den 14. Juli eher als Tag zum Feiern, weil er an ein freudiges Ereignis erinnert: das französische Föderationsfest ein Jahr nach dem Sturm auf die Bastille. Es steht sinnbildlich für die nationale Freiheit und Einheit Frankreichs.

Eine weitere These, die man anstellen könnte, beruht darauf, dass die Deutschen sich allgemein weniger mit ihrem Nationalfeiertag identifizieren als die Franzosen. Hierbei spielen auch der deutsche Föderalismus und die teilweise politische Unabhängigkeit der einzelnen Bundesländer eine Rolle. Außerdem verfügen die Länder auch nicht über die notwendigen Mittel, um das soziale und wirtschaftliche Gefälle zwischen den neuen und alten Bundesländern wiederherzustellen. Der geographischen Wiedervereinigung ist damit noch nicht vollständig die Beseitigung der Ost-West-Unterschiede auf anderen Ebenen gelungen – das Gefühl von Ungleichheit statt von Einheit ist das Ergebnis.

Den Deutschen kann somit ein weniger starkes Nationalgefühl attestiert werden als den Franzosen, da der Einheitsprozess in dem Sinne noch nicht vollumfänglich abgeschlossen ist. Dies unterstrich auch Bundespräsident Steinmeier in seiner Rede zum 3. Oktober vergangenen Jahres: „Wir Deutsche. Das beginnt mit der Frage: Wer ist das eigentlich – ‚wir Deutsche?‘ Heute, am 3. Oktober stellen wir fest: Ja, die deutsche Einheit ist politischer Alltag geworden. Die große Mauer quer durch unser Land ist weg. Aber am 24. September wurde deutlich: Es sind andere Mauern entstanden, weniger sichtbare, ohne Stacheldraht und Todesstreifen – aber Mauern, die unserem gemeinsamen ‚Wir‘ im Wege stehen.“

Während der 14 Juillet also aufgrund seiner langjährigen Verankerung jenseits des Rheins über politische und regionale Grenzen hinausgeht und mittels geteilter Werte einen Großteil der Bevölkerung Frankreichs zusammenbringt, wirkt sich der 3. Oktober rechts des Rheins nicht auf gleiche Weise auf die Deutschen aus.

Doch genau das könnte sich ändern. Mit dem Ziel, die Deutschen zum Tag der Deutschen Einheit zu mobilisieren, kam Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin, die Idee, zum 3. Oktober 2018 ein Fest unter dem Motto „Nur mit euch“ zu organisieren, um „Vielfalt und Demokratie, Gemeinschaft und Engagement“ zu feiern. „Wir wollen zurück blicken auf die letzten 28 Jahre: Was konnte gemeinsam erreicht werden, aber auch nach vorne blicken, welche Aufgaben wollen wir in Zukunft gemeinsam bewältigen,“ sagt der Berliner Bürgermeister.

Wer weiß – vielleicht fühlen sich von dieser ersten Version von „Nur mit euch“ ja andere Städte in Deutschland inspiriert.