Sie haben den Mauerfall hautnah in Berlin miterlebt. Was machten Sie damals?

 

1989 war ich 30 Jahre alt und lebte seit zwei Jahren in Berlin. Ich hatte viele kleine Jobs hinter mir und arbeitete im Rahmen des Programms Arbeit beim Partner vom DFJW für ein Jahr bei „Arbeit und Leben“ in Westberlin.

 

Wie haben Sie dieses historische Ereignis erlebt? Woran erinnern Sie sich am besten?

 

Der 9. November war zunächst kein außergewöhnlicher Tag – ich habe wie alle anderen die Nachrichten gesehen. Dort wurde gesagt, dass es eventuell für DDR-Bürger möglich sein würde, sich frei zu bewegen. Damals herrschte ganz allgemein eine Umsturzstimmung und es gab viele Demonstrationen. Wir wussten, dass etwas passieren würde, nur wussten wir nicht, wann. Vielleicht habe ich die Lage nicht ganz verstanden und bin schlafen gegangen. Als ich am nächsten Morgen zum Bäcker ging, waren die Veränderungen nicht zu übersehen: Viele Menschen waren auf der Straße, die nicht aus Westberlin, sondern von der anderen Seite, kamen.

 

Ich wollte sofort sehen, was los war und folgte der Menge. Auf dem Ku’damm war viel los. In den darauffolgenden Tagen beschloss ich, mir auch anzuschauen, was woanders geschah – also entlang der Mauer, wo Teile dieser auch physisch verschwanden. Da die U-Bahnen kaum mehr funktionierten, bin ich viel herumgelaufen und habe Fotos gemacht – vielleicht um zu verstehen, was ich sah oder viel mehr, was ich nicht sah, denn es fiel mir nicht ganz leicht, mich vom Geschehenen zu distanzieren.

 

Welchen Einfluss hatte die Öffnung der Grenzen und die Wiedervereinigung auf die Jugendaustausche zwischen Frankreich und Deutschland?

 

Die Regierungen hatten verstanden, dass man den Jugendlichen etwas anbieten musste. Zu jener Zeit war die deutsch-französische Achse wie auch heute sehr wichtig, weshalb die Regierungen Frankreichs und der BRD das DFJW baten, die ostdeutschen Jugendlichen in die deutsch-französischen Austausche einzubinden. Zunächst aber musste man sich überlegen, was man ihnen anbieten sollte – deshalb richtete sich das DFJW an „Arbeit und Leben“, die gerade ein Büro in Ostberlin eröffneten. Ab August 1990 war ich dort angestellt und hatte freie Hand, alle möglichen Projekte ins Leben zu rufen. Das erste Treffen, das wir organisierten, fand mit Jugendlichen aus Nauen statt. Diese waren Teil eines Jugendvereins und sind nach Frankreich gefahren. Wir haben zweiwöchige Sprachkurse in Frankreich in La Rochelle, Carcassonne usw. angeboten, die den Vorstellungen der Jugendlichen nachkamen. Es war eine aufregende Zeit, in der es kein Internet gab und die Post nur mehr oder weniger funktionierte. Und trotzdem wussten die Jugendlichen ganz genau, dass etwas auf deutsch-französischer Ebene passierte. Wenn ich morgens zur Arbeit kam, warteten dort bereits fünf bis sechs Jugendliche, um sich für die Sprachkurse einzuschreiben. Ich denke, dass wir viele Leute dadurch beeinflusst haben, dass wir ihnen anboten, aus der DDR auszureisen und andere Orte zu entdecken, wie z.B. Frankreich, und ihnen die Möglichkeit boten, mit unserem Land in Kontakt zu treten, wo sie ein Leben fern ihres Alltags kennenlernten. Für manche wurde es immer schwieriger in der DDR. Die Zukunft war nicht ungewiss, aber schwer vorstellbar.