60 Jahre deutsch-französische Freundschaft

Vor einiger Zeit erhielten wir beim DFJW eine Mail von Klaus Bründel, in der er uns die bewegende Geschichte seines Vaters, Kriegsgefangener in Frankreich zur Zeit des 2. Weltkrieges, schilderte. Wie wichtig das (Mit)Teilen von Erinnerungen und das Wissen um die eigene Geschichte ist, sowohl für Gegenwart als auch für eine erfolgreiche Gestaltung der Zukunft, zeigt dieser Zeitzeugenbericht.

Prolog

Als ich im Juli 2016 meinen Freund Thomas und seine Lebensgefährtin Martine in Frankreich besucht habe, wurde ich mir erneut der Anziehungskraft, die dieses Land auf mich hat, bewusst. Das hat mich dazu bewegt, die Geschichte meines Vaters, Wilhelm Brundel, zu erzählen. Als Kriegsgefangener hat er bei zwei französischen Familien gewohnt und gearbeitet.  Während dieser Zeit entstand eine tiefgehende Freundschaft, die bis heute durch mich hindurch fortbesteht. Heute erscheint mir das Erzählen dieser Erinnerungen als essentiell, weil es für meinen Vater wichtig war, diese mit mir zu teilen. Sie sind so tief in mir verankert, dass sie unbewusst mein Leben beeinflusst haben: Ich habe für zahlreiche französische Firmen gearbeitet, habe mehrmals im Jahr in Frankreich Urlaub gemacht und vor allem möchte ich auch nach dem Tod meiner Eltern diese für mich unvergesslichen Freundschaften erhalten.

Außerdem frage ich mich, ob mein Vater dank dieser Erfahrungen nicht seinen eigenen Beitrag zu einer besseren gegenseitigen Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich geleistet hat, parallel zu den Versöhnungsbemühungen von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle, Helmut Schmidt und Valéry Giscard d’Estaing, Helmut Kohl und François Mitterand? Meine Freunde ermutigten mich, diese Geschichte, die wohl bestens dazu geeignet ist, das gegenseitige Misstrauen der beiden Länder aus der Welt zu schaffen, niederzuschreiben. Und ist es nicht genau der richtige Zeitpunkt, um über die deutsch-französische Freundschaft zu sprechen?

Vor dem Krieg

Am 22. September 1912 wurde mein Vater als Kind einer mittelständigen Unternehmerfamilie in Rostock geboren. Aufgrund seiner Herkunft - seinen Eltern gehörte der erste Herrenausstatter Rostocks - standen die Chancen gut für ihn. So konnte er sein klassisches Studium beenden, bevor er in das Familiengeschäft eingegliedert wurde. Von 1935-1936 leistete er seinen Wehrdienst und verlobte sich mit meiner Mutter, die er am 11. Juli 1939 heiratete. Nur ihr Tod im Jahre 2004 konnte die beiden trennen.

Vom Soldaten zum Gefangenen

Als Mitte August 1939, nur 4 Wochen nach ihrer Hochzeit, der Krieg ausbrach, wurde er als Artillerist ins  Militär  eingezogen. Zuerst in Frankreich, dann in Russland. Später kehrte er nach Frankreich, genauer nach Montélimar, zurück, wo er 1944 festgenommen wurde. Trotz des Schreckens, die sich Europa abspielten, blieb er guter Dinger, weil der Krieg für ihn damit beendet war. Mein Vater unterstand der „Kommandantur“ Montélimars, welche Kriegsgefangene als Arbeitskräfte auf Bauernhöfe in der Umgebung verteilte. Madame Bessy, die damals für die Verteilung der Gefangenen verantwortlich war, durfte ich Jahre später noch kennenlernen.

Zwei Familien nahmen sich meines Vaters an: die von Henri-Bertrand Tardy in Portes Les Valences und die von Robert Icard in Saint Pantaleon Les Vignes. Er erzählte, dass beide Familien ihm anfänglich, verständlicherweise, ein großes Misstrauen entgegen brachten. Sie nannten ihn zwar Wilhelm, aber von Zeit zu Zeit rief ihn die Familie Icard „Krawatte“, in Anlehnung an seinen eigentlichen Beruf. Ein weiteres Hindernis war, dass er weder Französisch noch Englisch sprach. Dank seines klassischen Studiums, bei dem er Latein lernte, konnte er dieses Hindernis aber  schnell überwinden, da er verstand, was gesagt wurde. So lernte er letztendlich die Sprache. Bei seiner Ankunft gehörte ihm nur ein Bett in der Ecke einer Scheune. So begann sein bäuerliches Dasein. Die Tage bestanden aus ununterbrochener Arbeit auf den riesigen Feldern: Zur Morgendämmerung stand er auf und war für den Rest des Tages von der Rastlosigkeit getrieben, die zu Zeiten der Ernte alle Hofbewohner in sich trugen. Am liebsten erinnerte er sich an die Lavendelfelder, deren Duft er nie vergessen würde und das Pferd namens Tango, das ihn den ganzen Tag über begleitete, zurück.

Nach einiger Zeit erkannten seine Gastfamilien, dass mein Vater kein fanatischer Deutscher war, wie er gewöhnlich in Zeitung und Propaganda dargestellt wurde. Er gewann ihr Vertrauen und durfte daraufhin im Haus schlafen und am Tisch des „Chefs“, wie mein Vater ihn nannte, essen. Seinen ersten richtigen Ausflug seit der Gefangenschaft machte mein Vater als Begleitung des „Chefs“ auf der Jagd. Er trug sogar ein Gewehr bei sich! Für die damalige Zeit war das kaum vorstellbar. Ab diesem Zeitpunkt entstand zwischen ihnen eine innige, familiäre Freundschaft: Sie machten keinen Unterschied mehr bezüglich der Herkunft.

 
 

Darüber hinaus zeugten die jährlichen Bescheinigungen der „Kommandantur“ von seinem guten Verhalten und seinem Pflichtgefühl, was seine gute Integration bestätigte. 

So vergingen die Jahre und mein Vater wurde nicht nur ein vollwertiges Familienmitglied, sondern auch im Herzen ein Franzose.

Die wiedergewonnene Freiheit

Der Krieg ist zu Ende und Frankreich empfängt seine Kriegsgefangenen wieder. Mein Vater hingegen musste bis 1948 warten, um in sein Heimatland zurückzukehren: zu seiner Frau, mit der er keine vier Wochen zusammen leben durfte, und zu seinen Eltern. Als Geschenk brachte er meiner Mutter einen Flakon Lavendelöl mit, welches sie verdünnt als Parfum benutzte. Erstaunlicherweise thronte noch 2007 ein Rest des Öls auf ihrem Schminktisch, als sie in ein Altenheim umzog. Der Duft von Lavendel begleitete meine Eltern ihr Leben lang, genauso wie mich selbst. Dieses feine Aroma brachte uns zurück auf die Lavendelfelder der Provence, ein unvergesslicher Duft!

Trotz der Freude über die Rückkehr zu seiner Familie war er traurig, Frankreich und den Hof  verlassen zu haben, welcher über vier Jahre hinweg sein zu Hause gewesen war. Aber welche Zukunft hat ein ehemaliger Kriegsgefangener zu erwarten? Er übernahm wieder die Führung des Herrenausstatters in Rostock. Kurz darauf wurde ich am 26. Juni 1949 geboren. 1953 dann die nächste Erschütterung: Wir wurden enteignet und mussten im Jahre 1957 in den Westen fliehen. Mein Vater, damals schon 45, musste erneut von vorne anfangen. Er hatte Frankreich zu viel zu verdanken, als dass er die Zeit hätte vergessen können und bereits in Rostock suchte er wieder den Kontakt zu seinen französischen Freunden. Die Beziehung hat sich durch unseren Umzug nach Westdeutschland weiter intensiviert. Da er mit seiner neuen Arbeit stark beschäftigt war, übernahm meine Mutter die Aufgabe, die Briefe aus Frankreich zu beantworten.

Zu ihrer silbernen Hochzeit im Jahr 1964 bereitete er meiner Mutter und mir eine riesige Überraschung: Er organisierte eine Reise nach Frankreich, auf der wir die Familien Tady und Icard so wie auch Madame Bessy besuchten. Er wollte, dass wir seine französischen Freunde und den Ort, an dem er gelebt und gearbeitet hat, kennenlernen. Meine Mutter war zugleich berührt und etwas durcheinander. Ich hingegen blieb ruhig und etwas nachdenklich. Seit Kindheitstagen hörte ich die Erzählungen über seine zwei Adoptivfamilien, bei denen er sich wohl und zugehörig gefühlt hat. Und ich kannte alle Geschehnisse, die sie zusammenschweißten. Ich konnte die Reise kaum erwarten.

Rückkehr nach Frankreich

Der große Tag war gekommen! Wir waren glücklich und ich konnte nicht nur die Freude in den Augen meines Vaters erkennen, die beiden Familien nach 16 Jahren wiederzusehen, sondern auch von ihnen wieder erkannt zu werden. Freudentränen flossen und wir lagen uns in den Armen, als würden wir uns alle schon lange kennen. Ich halte diese Wochen noch immer in guter Erinnerung. Und diese Emotionen! Mein Vater war besonders gerührt, Großmutter Icard und insbesondere Großvater Tardy wieder zu sehen, mit dem er so viele Erlebnisse verband.

Die beiden Familien empfingen uns sehr herzlich und was für eine Überraschung: Das Pferd Tango erfreute sich noch immer bester Gesundheit. Ob es wohl meinen Vater wiedererkannte? Eine Geschichte, die uns bis heute verwehrt blieb.

Unser Aufenthalt war spannend und aufschlussreich: Endlich kannten wir die Gesichter hinter all den Erzählungen. Beispielsweise die besagte Frau Bessy, die uns zu einem leckeren Mittagessen mit ihrer Familie einlud. Eine Frau mit einem strengem Charakter, das zu ihrer Arbeit als Koordinatorin bei der „Kommandantur“ passte. Aber gleichzeitig empfing sie uns sehr warmherzig und war dankbar, dass mein Vater den Wunsch hatte, sie wiederzusehen. Zwei weitere, für mich unvergessliche, Erinnerungen an unseren Besuch:

Als mein Vater sich auf Tardys Hof umsah, entdeckte er im Stall von Tango seine alte, etwas  verstaubte Medikamentenbox mit seinen Initialen „A.W Brundel“, die zu einem Werkzeugkoffer umfunktioniert wurde. Die Familie hatte sie als Andenken behalten. Noch rührender war die Entdeckung einer Wand im Haus von Familie Icard.

Mein Vater war damals für den Bau der Mauer verantwortlich gewesen und hatte auf einen der Ziegel seinen Spitznamen „Krawatte 1947“ mit einem Nagel eingraviert. Durch seine Freilassung konnte er den Bau der Mauer nicht beenden. Aber zur Erinnerung an meinen Vater hat die Familie Icard den besagten Ziegelstein gut sichtbar in die Mitter der Mauer gesetzt. Ich habe meinen Vater noch nie so ergriffen gesehen, er konnte seine Tränen nicht zurückhalten. Diese Reise wird für immer in unseren Herzen sein. Nach unserer Abreise hat sich der Briefaustausch verstärkt, auch weil die Tochter, beziehungsweise Stieftochter der Familie Tardy anfing Deutsch zu lernen. Natürlich folgten darauf weitere Besuche.

Die Freundschaft und Loyalität der beiden Familien waren für meinen Vater spürbar von großer Bedeutung und haben auch mich für mein Leben geprägt, sodass es mir sehr wichtig war, auch nach dem Tod meiner Eltern (mein Vater 2004 mit 92 Jahren und meine Mutter 2010 mit 97), diese außergewöhnlichen Beziehungen fortleben zu lassen. Von Freiburg im Schwarzwald, wo ich wohne, sind es nur 30 Minuten bis zur französischen Grenze und von dort nur „wenige Schritte“ bis in die Provence! Ein Ausblick, der mich immer wieder beeindruckt.

Ein letztes Wort: Unser Gedächtnis ist voller fest verankerter Erinnerungen, diese hier sind die meines Vaters.

 

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