Das europäische Projekt Cultures d’Avenir geht nach einem Treffen in Paris und einer digitalen Veranstaltung diesen Monat mit der dritten und letzten Etappe in Barcelona zu Ende. Wie konnten die jungen Menschen dieses neue Netzwerk nutzen?

Bernd Scherer: Nun, ich bin zunächst einmal sehr gespannt darauf, Antworten von den Studierenden bei der Abschlussveranstaltung selbst zu hören zu bekommen. Nach den Workshops – ausgerichtet vom Centre Pompidou und von uns am Haus der Kulturen der Welt (HKW) – haben wir positives Feedback hinsichtlich der Themen und Dozent*innen-Auswahl bekommen. Das deutet an, dass die Netzwerke der Kulturinstitutionen zeitgenössische Themen und Problematiken auf eine Weise bearbeiten, die zu den Studierenden spricht. Das transnationale Denken und Arbeiten ist sicherlich ebenfalls ein Gewinn für viele Beteiligte, denn die großen Problematiken der Zeit, wie die ökologischen Herausforderungen und Fragen nach sozialen Ungleichheiten, sind eben nicht nur auf ein Land begrenzt. Ich hoffe, dass unser Projekt dazu beitragen kann, den Blickwinkel der Studierenden etwas zu weiten. Auf der anderen Seite bin ich den Studierenden sehr dankbar dafür, dass sie uns in den Institutionen teilhaben lassen an der Arbeit zu Themen, die sie persönlich bewegen, die aber auch das menschliche Zusammenleben definieren und gestalten. Ich finde es wichtig, dass sich Kulturinstitutionen wie die Hochschulen, aus denen die Teilnehmenden kommen, als Unterstützer*innen der Studierenden verstehen, denn ihre Arbeit ist für zukünftige Gesellschaften unentbehrlich.

Das Festival Séries Mania findet vom 18. bis 25. März in Lille statt. Seit 2021 bieten Séries Mania, das DFJW und seine Partner (CEMEA, die Region Hauts-de-France sowie Arbeit und Leben) Berufsschüler:innen aus Deutschland und Frankreich die Möglichkeit, bei einer Begegnung die Serienwelt kennenzulernen. Was erwartet die jungen Menschen beim Festival?

Laurence Herszberg: Eine ganze Menge, angefangen mit einer sehr schönen Auswahl an Serien! In diesem Jahr nehmen 58 Serien aus 21 Ländern am Wettbewerb des Festivals teil. Wir freuen uns auf „Funeral for a Dog“ und „Sunshine Eyes“. Das sind zwei deutsche Serien, die in der Kategorie „Panorama“ ausgewählt wurden.

Die Jugendlichen können bei internationalen Uraufführungen von bislang unveröffentlichten Serien rund um zeitgenössische Themen wie Feminismus, Gender, Ökologie, Politik oder Gesundheit dabei sein. Sie können aber auch Persönlichkeiten treffen, die zum Festival eingeladen werden.

Neben den Vorführungen bietet das Festival die Möglichkeit, Serien auf andere Art und Weise zu erleben, und zwar durch Animationen, immersive Kulissen, Ausstellungen und pädagogische Workshops, die im Village Festival by Crédit Mutuel angeboten werden. 

Was erhofft sich das HKW von dieser internationalen Zusammenarbeit?

Bernd Scherer: Es ist wichtig, Europa aus der Perspektive junger Menschen zu verstehen, um es neu gestalten zu können. Von daher erwarte ich zunächst einmal einen Lerneffekt für das HKW. Ich bin sehr neugierig auf das, was die Teilnehmenden in der Zukunft machen werden. Darüber hinaus zeigt sich in einer Zeit, in der ein friedliches, gerechtes Miteinander substantiell bedroht scheint, dass die Verknüpfung von situiertem Wissen aus Kulturinstitutionen verschiedener Länder, in Europa, aber sicher auch weit darüber hinaus, dazu beitragen kann, neue Konzepte für Dialoge, Verständnis und Empathie hervorzubringen. Aus diesem Grund freue ich mich sehr über die vertieften Bande zwischen dem HKW, dem Centre Pompidou und dem CCCB, über den Wissenstransfer und die praktische Zusammenarbeit. Durch das Projekt sind nachhaltigere Verbindungen entstanden. Dass das DFJW diese Zusammenarbeit möglich macht, motiviert sehr dazu, zusammen mit den Studierenden neue Wege zu finden, die Ressourcen der Institutionen sinnvoll und zeitgemäß einzusetzen.

Séries Mania und das DFJW haben gerade eine dreijährige Kooperationsvereinbarung unterzeichnet. Was erwarten Sie von dieser Zusammenarbeit?  

Laurence Herszberg: Séries Mania ist sehr stolz auf diese Partnerschaft mit dem DFJW! Wir wollen das Festival noch stärker auf ein europäisches Publikum ausrichten und insbesondere für junge Menschen öffnen. Sie sollen an Séries Mania teilnehmen und das Festival in Lille vor Ort miterleben können. Wir freuen uns sehr, Berufsschüler:innen aus Deutschland und Frankreich beim Festival begrüßen zu dürfen. Für sie ist es eine großartige Gelegenheit, am Festival teilzunehmen und darin einzutauchen. Sie lernen zudem andere junge Menschen mit unterschiedlichen Nationalitäten und sozialen Hintergründen kennen. Serien erzählen die Welt. Ich bin überzeugt, dass wir einen spannenden Austausch über die Serien haben werden.

Mit der Partnerschaft möchten wir das Angebot, das jungen Menschen aus Europa während des Festivals geboten wird, stärken. Gleichzeitig wollen wir auch die Kulturarbeit zwischen Deutschland und Frankreich durch Programme fördern, die junge Menschen in beiden Ländern begeistern.

Welche Rolle kann und sollte die Kultur für junge Menschen während und nach der Pandemie spielen?

Bernd Scherer: Während der Pandemie haben sich wichtige Parameter verschoben: Der Ort von Kulturproduktion ist zunehmend digital geworden, digitale Kommunikationstechniken erzeugen ein neues Empfinden von Nähe und Distanz. Auf inhaltlicher Ebene ist es natürlich mehr als dringlich, dass sich Künstler*innen mit diesen neuen Strukturen kreativ auseinandersetzen. Dies zu unterstützen ist ein Kernaspekt unserer Arbeit als ein „Haus für Gegenwartsforschung“. Nun erleben wir einen beispiellosen Krieg in der Ukraine, der uns zwingt, kritisch nach den Möglichkeiten von Kunst und Kultur und ihren Rollen in der Gesellschaft nachzudenken. Das ist keine einfache Aufgabe und ich hoffe sehr, dass die neuen Netzwerke den Studierenden helfen, Vorschläge für eine alternative Zukunft zu machen und vor allem, Solidarität international zu denken.

Welche Rolle kann und sollte die Kultur für junge Menschen während und nach der Pandemie spielen?

Laurence Herszberg: Kultur spielt für junge Menschen eine wesentliche Rolle, insbesondere in der aktuellen Phase weltpolitischer Instabilität. Sie ist ein großartiges Medium, um dem Alltag zu entfliehen, Neues zu entdecken und um zu reisen. So können junge Menschen ihren Horizont erweitern und die Welt um sie herum besser verstehen.

Was Séries Mania betrifft, so will das Festival gerade Serien auswählen, die in die Welt blicken und ein Spiegelbild dieses ständigen Dialogs zwischen Kultur und Gesellschaft bieten.