Vor einem Jahr unterzeichneten Angela Merkel und Emmanuel Macron den Aachener Vertrag. Welche Zwischenbilanz ziehen Sie heute?

Der Aachener Vertrag gibt der deutsch-französischen Beziehung starken Rückenwind, insbesondere der Zivilgesellschaft und dem Jugendaustausch:

Beide Parlamente und Regierungen haben die Regierungsbeiträge für das DFJW im Jahr 2020 um jeweils zwei Millionen Euro erhöht: Besser hätte das neue Jahrzehnt für unsere Partner und uns gar nicht starten können!

Mehr Mittel bedeuten mehr Möglichkeiten: Bis zu unserem 60. Geburtstag, den wir 2023 feiern, wollen wir die 10 Millionen-Marke an Teilnehmenden knacken. Jede Generation soll die einzigartige Erfahrung eines internationalen Jugendaustauschs machen und nachhaltige deutsch-französische Freundschaftsbande knüpfen können.

Und das gilt für alle jungen Menschen – egal, wie dick ihr Portemonnaie, wie abgelegen ihr Wohnort oder wie geradlinig ihr Lebenslauf ist. Mit unserer Strategie „Diversität und Partizipation“ haben wir seit 2015 darauf hingearbeitet, dass ab diesem Jahr 20 Prozent der Teilnehmenden unserer Jugendbegegnungen junge Menschen mit besonderem Förderbedarf ausmachen. Der Blick über den Tellerrand soll allen möglich sein!

Zudem wurde das DFJW beauftragt, den deutsch-französischen Bürgerfonds für drei Jahre aufzubauen. Ein großer Vertrauensbeweis und eine einzigartige Aufgabe: unsere Zivilgesellschaften sollen noch stärker zusammenwachsen.

Der vom Beirat des DFJW erarbeitete Strategieplan wurde beim Verwaltungsrat am 21. Januar 2020 verabschiedet. Was wird für das DFJW in den kommenden drei Jahren besonders wichtig?

 Wir haben uns fünf Schwerpunkte gesetzt, die im Einklang mit den aktuellen Anliegen unserer Gesellschaften stehen:

Angesichts des Brexit und populistisch-nationalistischer Irrwege wollen wir Jugendliche noch stärker für Europa begeistern und mobilisieren: Europa ist kein Elitenprojekt, sondern für jeden jungen Menschen ein historisches Friedensversprechen und eine einzigartige Chance zur persönlichen Entfaltung. Die deutsch-französische Zusammenarbeit als Motor der Europäischen Union ist die Voraussetzung, um internationale Herausforderungen gemeinsam meistern zu können. Wir möchten junge Menschen vernetzen, informieren und motivieren.

Angesichts der deutschen EU-Ratspräsidentschaft werden wir die politische Teilhabe von Jugendlichen stärken; in Skopje, Nord-Mazedonien, feiern wir den 20. Jahrestag unserer Initiative für Südosteuropa; und wir fördern die euro-mediterrane Zusammenarbeit mit einer Konferenz in Rabat, Marokko.

 Zweitens werden wir die Mobilisierung von Jugendlichen für den Klimaschutz stärker unterstützen: Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung nehmen bereits jetzt einen wichtigen Platz in Jugendbegegnungen ein, der aber noch wachsen wird. Wir freuen uns auf die Projekte der Ausschreibung „Der Planet in deinen Händen“, auf 60 junge Erwachsene beim Naturschutz-Kongress in Marseille oder auf Fachkräftefortbildungen zu Umweltpädagogik.

 Drittens möchten wir unsere Zielgruppen und Partnerschaften auf regionaler Ebene erweitern. Vor allem in grenzfernen Regionen brauchen Städte- und Regionalpartnerschaften, aber auch das Deutsch-Französische ganz allgemein mehr Unterstützung: Daher werden wir zum Beispiel ein stärkeres Augenmerk auf Ostdeutschland oder Südfrankreich, auf Korsika oder auf die Auvergne richten.

 Außerdem möchten wir Entscheidungsträger davon überzeugen, dass interkulturelle Erfahrungen ein selbstverständlicher Bestandteil des Werdegangs junger Menschen sein sollten! Wir werden Schulleitungen zusätzlich für interkulturelles Lernen sensibilisieren und vernetzen. Und wir möchten diejenigen besser wertschätzen, die Austausche organisieren oder daran teilnehmen: etwa mit Zertifizierungen oder einem DFJW-Label für Austauschorte.

 Zu guter Letzt wollen wir uns stärker dem Cyberspace widmen, ein Kulturraum, in dem junge Menschen viel Zeit verbringen. Wir verstehen die Digitalisierung als Chance, pädagogische Ansätze weiterzuentwickeln und Begegnungen vor Ort stärker mit Begegnungen im Netz zu verzahnen. Unsere Plattformen Tele-Tandem® oder PARKUR zeigen schon heute, dass die Möglichkeiten des Digitalen etwa bei der Vorbereitung von Austauschen eine echte Bereicherung sein können.

Unlängst wurde die neue Einheit „Regionen, Europa und Nachbarschaft“ im DFJW gegründet. Welche Aufgabe hat diese inne?

Mit der Erhöhung der Regierungsbeiträge können wir unsere Regional- und Europa-Arbeit noch besser aufstellen. Davon haben wir schon lange geträumt. Die Erfahrungen auf dem Westlichen Balkan haben gezeigt, wie sehr die deutsch-französische Verständigung als Vorbild, Orientierungspunkt und Hoffnungsanker geschätzt wird. Bei der Gründung des Westbalkan-Jugendwerks RYCO („Regional Youth Cooperation Office“), das heute von einem serbischen Generalsekretär und einem kosovarisch-albanischen Stellvertreter geleitet wird, stand unter anderem das DFJW Pate.

Wie sollte deutsch-französische Jugendarbeit mit dem Brexit umgehen? Wie können wir den Zusammenhalt im deutsch-französisch-polnischen „Weimarer Dreieck“ stärken? Und sollten wir in Zeiten von Klimawandel und Migration die euro-mediterrane Kooperation befördern, insbesondere mit dem Maghreb? Die Zwanziger Jahre versprechen eine hohe Ereignisdichte. Europa braucht die Begegnung, die Mitsprache und das Engagement junger Menschen, um dieses neue, wegweisende Jahrzehnt erfolgreich meistern zu können.

Mit der transversalen Einheit „Regionen, Europa und Nachbarschaft“ wollen wir aber auch kommunale und regionale Partnerschaften stärken. Das DFJW trat das Erbe der Regionalstiftung Fondation Entente Franco-Allemande (FEFA) an; dank dieser Mittel können wir die grenznahe Kooperation noch besser fördern. Doch nicht alle Regionen sind so eng mit dem Partnerland verbunden, wie der grenznahe Raum. Und deshalb wollen wir mit bilateralen und trilateralen Projekten die regionale Zusammenarbeit zwischen grenzfernen Regionen und Bundesländern anregen. Falls hierbei auch neue Schulpartnerschaften oder Städtepartnerschaften entstehen, so haben wir allen Grund zur Freude!

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