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1. Sie stehen seit dem 1. März an der Spitze des DFJW. Welche Prioritäten haben Sie sich für Ihre Amtszeit gesetzt?

Das DFJW hat seit mehr als 55 Jahren Millionen von jungen Menschen aus Deutschland und Frankreich bewegt und für Europa begeistert. Das Team des DFJW und seine vielen Partner prägen gemeinsam deutsch-französische Biographien und versetzten schon so manchen Berg. Insofern: Weiter so auf diesem hohen Niveau! Zukünftig werden wir uns verstärkt dafür einsetzen, dass junge Leute ihren persönlichen und beruflichen Lebensweg durch eine weichenstellende Auslandserfahrung bereichern können – egal, wie ihre Schullaufbahn oder der Kontostand ihrer Eltern aussehen. In Zeiten, in denen versucht wird, mit Nationalismus, Populismus und Falschmeldungen unsere Gesellschaften auseinanderzureißen, verstehe ich die Aufgabe des DFJW mehr denn je als eine europäische: Die deutsch-französische Freundschaft sollte stets dazu dienen, sich Europa und der Welt zu öffnen, sich interkulturelle Kompetenzen als Schlüsselqualifikation des 21. Jahrhunderts anzueignen und junge Menschen aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa oder dem Mittelmeerraum noch mehr in unsere trilaterale Begegnungsarbeit zu integrieren. Als gebürtiger Magdeburger freue ich mich darauf, daran mitzuarbeiten, die ostdeutsch-französische Freundschaft weiter auszubauen, etwa durch Partnerschaften zwischen Schulen, Sportvereinen oder Städten. An Ideen und Aufgaben mangelt es also nicht – ein Traumjob, auch dank eines einzigartigen Teams.

2. Wo sehen Sie das DFJW in zehn Jahren?

Die heute vom DFJW geförderten Schüler_innen, Praktikant_innen, Juniorbotschafter_innen oder Freiwillige werden in zehn Jahren unsere Gesellschaften prägen: in Familien, Vereinen, Schulen, Unternehmen, Medien, im Kulturbereich oder in der Politik. Präsident Emmanuel Macron hat zweimal als Schüler an einer deutsch-französischen Jugendbegegnung teilgenommen. Heute regiert er Frankreich. Die Zukunft beschäftigt uns im DFJW jeden Tag.

Dem DFJW, unseren Partnern, Kindern und Jugendlichen wünsche ich, dass wir uns am Ende des kommenden Jahrzehnts gemeinsam beglückwünschen können, die Klimawende gemeistert zu haben. Kaum ein anderes Thema treibt die junge Generation so sehr um, wie die Frage nach unserer zukünftigen Umweltsicherheit. Zu Recht. „Es gibt keinen Planet B“, wie der vormalige UN-Generalsekretär Ban Ki-moon schon sagte. Folglich muss auch die Mobilität von Jugendbegegnungen nachhaltig gedacht werden. Außerdem hat das DFJW gesellschaftliche Entwicklungen bislang immer aufgegriffen. Es muss Antworten auf die großen Herausforderungen finden, denn sie betreffen ja auch und manchmal vor allem junge Leute: steigender Extremismus oder die Verteidigung der Menschenrechte, der Schutz der Demokratie, die Integration von Migrant_innen oder das Miteinander und die friedliche Zusammenarbeit mit unseren Nachbarländern, um nur weitere Beispiele zu nennen.

Und was bedeutet das konkret für die Zukunft? In zehn Jahren will das DFJW eng mit einem euro-mediterranen Jugendwerk zusammenarbeiten. Alle Schüler_innen in Deutschland und Frankreich, die Französisch bzw. Deutsch als Fremdsprache lernen, sollen einen Schulaustausch im Nachbarland machen können. Und das DFJW entsendet Jugendvertreter_innen in Regierungen beider Länder nach dem Vorbild des „Ko-Management-Systems“ im Europarat oder bei den Vereinten Nationen.

3. Die Europawahlen stehen kurz bevor. Wie kann das DFJW jungen Menschen Lust auf Europa machen?

Das DFJW und seine Partner engagieren sich tagtäglich dafür, junge Menschen für Europa zu begeistern: Ob Französisch-Schnupperstunde mit einer französischen Muttersprachlerin, ein Fußballfest mit Kickern aus dem Berliner Wedding, sechs Monate Alltag in einer bayrischen Gastfamilie oder der klassische Schulaustausch: Pädagogisch begleitet erfahren die jungen Teilnehmenden am Beispiel Deutschlands und Frankreichs die Vielfalt Europas.

In unserer Erinnerungsarbeit entwickeln und aktualisieren wir pädagogische Methoden, um diese unverzichtbare Erinnerungskultur auch an die Facebook- und Instagram-Generation weiterzugeben. Denn Frieden ist auch in Europa keine Selbstverständlichkeit. Deshalb arbeiten wir beispielsweise eng mit dem Westbalkan-Jugendwerk (RYCO) zusammen, das sich gemeinsam mit den Regierungen und Jugendlichen Südosteuropas für regionale Integration und Verständigung einsetzt – inspiriert vom Vorbild der wegweisenden Jugendarbeit des Europarats und natürlich begleitet vom DFJW. 

Bereits während des Kalten Krieges und der europäischen Teilung öffnete das DFJW in den 1970er Jahren den deutsch-französischen Jugendaustausch für Drittländer. So können Jugendliche lernen, die Wahrnehmungen und Bedürfnisse junger Menschen anderer EU-Mitgliedsstaaten und -Nachbarn zu verstehen. Gegenwärtig ist Jugendarbeitslosigkeit ein Thema, das in manchem europäischen Land oder EU-Anrainerstaat eine gesamte Generation prägt.

Mit einer Vielzahl an pädagogischen Instrumenten und Begegnungsformaten setzt sich das DFJW für eine bessere Europabildung ein, die angesichts der digitalen Kommunikationsdynamiken behutsam, aber beständig weiterentwickelt werden muss. Doch die beste Prävention gegen ein Auseinanderdriften Europas ist das, was das DFJW seit 55 Jahren macht: Kinder- und Jugendbegegnungen. Ein 16-Jähriger aus einem Dorf in Sachsen-Anhalt sagte mir kürzlich: „Europaskepsis basiert auf einem Mangel an Erfahrungen.“ Welch messerscharfe Analyse! Wir sollten den jungen Menschen besser zuhören.