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Kurz vor dem Abitur hatte ich noch keinen Plan, was ich in Zukunft machen wollte. Ich hatte zwar einige Interessen, aber gleichzeitig hatte ich auch Angst davor, eine endgültige Entscheidung zu treffen und mich festzulegen. Meine Hauptmotivation für den Freiwilligendienst war, dass es mir an Orientierung nach dem Abitur fehlte. Außerdem wollte ich gern ins Ausland gehen. Ich kannte das DFJW schon von Sprachreisen, und bei meinen Recherchen bin ich auf den Deutsch-Französischen Freiwilligendienst  gestoßen. Ich wusste damals nicht, worauf ich mich einließ. Auf jeden Fall wäre jegliche Situation neu und komisch für mich gewesen, da ich bislang nur den Schulalltag kannte.

Und so bin ich Anfang September ,beladen mit Rucksack, Koffer und Gitarre, mit einen Zug Richtung Zugspitze gefahren, wo das Vorbereitungsseminar für den Deutsch-Französischen Freiwilligendienst  stattfand. Der Austausch mit den anderen jungen Menschen und die hervorragende inhaltliche Vorbereitung durch die Teamer_innen des DFJW haben mir glücklicherweise die ersten Sorgen genommen, mir vor allem aber einen unvergesslichen Start in das Jahr bereitet.

Der Beginn und die erste Zeit in meiner Einsatzstelle, einem landwirtschaftlichen Berufsschule unweit von Le Mans, waren hingegen nicht so einfach. Im Vorfeld hatte man mich gefragt, ob ich eine Stadt oder doch das Land bevorzugen würde. Ich hatte meine bisherigen 18 Jahre in Berlin verbracht und entschied mich kurzerhand für die ländliche Variante. Und so landete ich in der französischen Provinz, in einer landwirtschaftlich geprägten Umgebung, die ich so noch gar nicht kannte – weder aus Deutschland und erst recht nicht aus Frankreich. Dieser Gegensatz zu meinem bisherigen Leben war für mich zunächst etwas schwierig. Ich brauchte Zeit, um mich in der neuen Umgebung einzuleben. Und das bedeutete, sich einen Hindernissen zu stellen. Kommunikationsprobleme und die anfängliche Einsamkeit, weil ich noch niemanden vor Ort kannte. Vor allem aber hat es mir zunächst Schwierigkeiten bereitet, meine Rolle als Freiwilliger zu finden. Ich habe schnell gemerkt, dass es an mir selber liegt, diese Rolle durch Ideen und Eigeninitiative zu füllen.

Dabei halfen mir der Kontakt mit den Menschen vor Ort, der rege Austausch mit anderen Freiwilligen und die Betreuung durch meine Tutorin, eine Deutschlehrerin an der Schule. Mit der Zeit fühlte ich mich immer wohler. Die wichtigste Lektion war die der Eigeninitiative und Offenheit. Ich merkte, dass man auf Menschen zugehen muss, wenn man Ideen umsetzen möchte. Es lag somit an mir, eigene Impulse zu geben, denn die Unterstützung war in jedem Fall vorhanden. Das machte ich dann auch, und es lief alles wesentlich einfacher: Projekte nahmen Form an, die Schülerinnen und Schüler und das Kollegium lernten mich und meine Rolle kennen. So funktionierte die Integration ab einem bestimmten Zeitpunkt von ganz alleine.

Umso dankbarer bin ich im Nachhinein, dass der Freiwilligendienst nicht nur ein paar, sondern ganze zehn Monate dauerte. Erst nach dieser beschriebenen Anfangszeit konnte ich meinen Alltag genießen, wobei das Wort „Alltag“ eigentlich gar nicht passt. Jeder Tag brachte etwas Neues mit sich. Daher gab es keinen gleichmäßigen Rhythmus, sondern intensive Phasen, in denen ich Austauschbegegnungen und Reisen nach Deutschland organisiert und begleitet habe oder den Tag der offenen Tür vorbereitete. Genauso gab es aber auch entspannte Zeiten, die ich gestalten konnte, wie ich wollte. So habe ich meine freien Wochen - in Frankreich gibt es glücklicherweise viele Feiertage und Ferien -  hauptsächlich zum Reisen genutzt. Die Vernetzung mit den anderen Freiwilligen war von großem Vorteil, da ich viele Anlaufpunkte im ganzen Land und an quasi jedem Reiseziel einen Schlafplatz hatte.

Außerdem nutzte ich die Zeit, um über mein bisheriges Leben nachzudenken. Das konnte ich aufgrund der räumlichen Distanz zu allem, was mich in der Schulzeit umgeben hatte, zum ersten Mal wirklich ungestört machen. Gleichzeitig habe ich mich auf die kommende Zeit eingestimmt. Nach einiger Recherche und wertvollen Gesprächen traf ich noch während des Freiwilligendienstes die Entscheidung, mich auch im Studium mit den deutsch-französischen Beziehungen beschäftigen zu wollen.

Mittlerweile lebe und studiere ich in Paris. Zurück aufs Land hat es mich noch nicht wieder verschlagen – dafür aber wieder nach Frankreich. Ohne meinen Freiwilligendienst wäre das wohl nicht der Fall.

 

Juri Hörster

 

Weitere Informationen zum Deutsch-Französischen Freiwilligendienst findet ihr hier.