1. Worin besteht Ihre Arbeit als Beauftragte/r für die deutsch-französische Zusammenarbeit?

Michael Roth: Eigentlich arbeite ich daran, das Amt überflüssig zu machen. Unsere beiden Länder sollen so eng und freundschaftlich wie möglich zusammen arbeiten. Und das in einem vereinten Europa. Ich hoffe also, dass man irgendwann einen Beauftragten gar nicht mehr braucht.
Als Beauftragter obliegt mir die Koordination des deutsch-französischen Dialogs der Regierungen: Ich nehme an allen Deutsch-Französischen Ministerräten teil, ich suche gemeinsam mit meinen französischen Kollegen regelmäßig den Dialog mit Parlamentariern beider Länder. Auf regionaler Ebene werbe ich für die großen Möglichkeiten, die uns die grenzüberschreitende Zusammenarbeit bietet: Unsere Grenzregionen können künftig eine Vorreiterrolle in Europa für zukunftsweisende Lösungen spielen. Das hat nicht zuletzt die Hambacher Konferenz im April 2017 gezeigt. Die Beruflichen Schulen Kehl, die wir für ihren herausragenden Einsatz bei der grenzüberschreitenden beruflichen Bildung  mit dem Adenauer de Gaulle-Preis 2017 geehrt haben, sind ein besonders inspirierendes Beispiel dafür, wie sehr der Einsatz vor Ort etwas bewegen kann.
Als Beauftragter setzte ich mich besonders dafür ein, die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern zu modernisieren, lebendig zu halten und neue Initiativen zu fördern. Deshalb setze ich bei meiner Arbeit besonders auf den Austausch mit der jungen Generation und den vielen Aktiven in der Zivilgesellschaft, die sich für die deutsch-französische Zusammenarbeit einsetzen. Ich treffe dabei auf eine ganze Reihe engagierter und kreativer Menschen in beiden Ländern: Studierende von deutsch-französischen Studiengängen, Aktivisten von NGOs, Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Freiwillige, die sich für das Erlernen unserer Sprachen oder für die über 2000 Städtepartnerschaften engagieren.
Und nicht zuletzt: Als Beauftragte bringen wir uns ein, um gemeinsam Europa zu stärken, zum Beispiel im Rahmen des Weimarer Dreiecks. Mit gemeinsamen Reisen auf den Westbalkan setzen wir wichtiges Zeichen der Solidarität und der Unterstützung.

Nathalie Loiseau: Der Posten der Beauftragten für die deutsch-französische Zusammenarbeit wurde 2003 anlässlich des 40. Geburtstages des Elysée-Vertrags geschaffen, um die Vorbereitung, Verwirklichung und Weiterverfolgung der Beschlüsse des Deutsch-Französischen Ministerrates zu koordinieren. Frankreich und Deutschland hatten sich entschieden, ihre Zusammenarbeit zu stärken und sich gemeinsam für Europa einzusetzen. Daher besteht ein Großteil meiner Arbeit darin, unsere beiden Länder innerhalb der europäischen Institutionen einander näher zu bringen. Wenn sie zusammen arbeiten, können Frankreich und Deutschland wichtige Impulse in der europäischen Politik geben, wie wir am Beispiel der Überarbeitung der Richtlinien zur Entsendung von Arbeitnehmern sehen konnten. Ich bin also im ständigen Austausch mit unseren deutschen Partnern und meinem deutschen Amtskollegen. Ein weiterer Teil meiner Funktion als Beauftragte für deutsch-französische Zusammenarbeit ist es, den Austausch zwischen deutschen und französischen Zivilgesellschaften zu fördern, zum Beispiel durch den Austausch zwischen sogenannten think tanks, kulturellen Austausch und auch die Zusammenarbeit im Bereich der beruflichen Bildung. Die deutsch-französische Zusammenarbeit ist besonders intensiv, insbesondere auch dank Bürgerinitiativen, die ich sehr begrüße.  

2. Wie gestaltet sich der Austausch mit Ihrer Kollegin/Ihrem Kollegen?

Michael Roth: Ich habe drei Jahre lang sehr eng mit meinem französischen Amtskollegen und Freund, Harlem Désir, zusammengearbeitet. 
Seit Juni habe ich mir mit seiner Nachfolgerin Nathalie Loiseau vorgenommen, eng zu kooperieren und uns nicht von der noch nicht erfolgten Regierungsbildung in Deutschland bremsen zu lassen. Mehr denn je braucht Europa jetzt einen arbeitsfähigen deutsch-französischen Motor. Wir kooperieren im Rat für Allgemeine Angelegenheiten, wo wir gemeinsam das Gespräch mit anderen EU-Kollegen suchen. So hatten wir beispielweise im Oktober einen trilateralen Austausch mit unserem neuen rumänischen Kollegen zu Fragen von Rechtstaatlichkeit und einer Union der Werte.
Im November haben wir den schon traditionellen Adenauer de Gaulle-Preis verliehen und wir haben ein neues deutsch-französisches Format ins Leben gerufen: den Deutsch-Französischen Integrationsrat, dessen Mitglieder sich zur ersten Sitzung in Berlin trafen. Übrigens: beide Male ist das Deutsch-Französische Jugendwerk mit dabei. Und um uns in unserer Arbeit zu unterstützen und den direkten Kontakt zum Partner  zu pflegen, können wir uns auf unsere hervorragenden Stellvertreterinnen verlassen. Bei mir arbeitet eine Diplomatin aus dem französischen Außenministerium, in Paris wird Nathalie Loiseau von einer deutschen Diplomatin unterstützt.

Nathalie Loiseau: Nachdem ich letzten Sommer dieses Amt übernommen habe, habe ich Michael Roth das erste Mal in Berlin besucht. Wir haben unsere Zusammenarbeit sofort mit der Vorbereitung des deutsch-französischen Ministerrates begonnen, der am 13. Juli stattfand. Seitdem treffen wir uns regelmäßig. Wir tauschen uns in Brüssel aus, wo wir unsere Länder beim Rat für Allgemeine Angelegenheiten vertreten und mit den anderen europäischen Partnern über einige der wichtigsten aktuellen Fragen diskutieren, wie den Brexit oder die Einhaltung der Rechtsstaatlichkeit. Wir können uns auch auf unsere beiden Assistenten verlassen, denn wir werden bei unserer Arbeit von Assistenten des Partnerlandes unterstützt. Das ist ein besonderer  Vertrauensbeweis : Michael Roth arbeitet mit einer französischen Assistentin zusammen, während mich in meinem Kabinett eine deutsche Diplomatin in allen deutsch-französischen Fragen berät und auch vertreten kann. 

 3. Welche Herausforderungen sehen Sie für die Kooperation unserer beiden Länder in der Zukunft?

Michael Roth: Für die deutsch-französischen Beziehungen haben die vergangenen Jahre große Veränderungen gebracht. Krisen in Europa und weltweit stellen uns vor große Bewährungsproben – seien es Klimawandel, Flucht, Krieg und Vertreibung, seien es innerhalb Europas der Brexit, oder das Erstarken von Populisten und Nationalisten. Umso mehr sind Deutschland und Frankreich als engste Partner in Europa gefordert.
Wir müssen mit neuer Offenheit und Entschlossenheit kreative Ideen suchen und unterstützen, mit denen Deutschland und Frankreich ihre Beziehungen modernisieren und gemeinsam Europa stärken können. Dabei geht es um ein sozialeres, gerechteres und sichereres Europa, das der jungen Generation Bildung und Arbeitsplätze bietet, aber auch seine Werte von Demokratie, Freiheit und Solidarität in der Welt verteidigt. 
Präsident Macron hat vorgeschlagen, die Grundlage unserer Beziehung zu erneuern und den Elysee-Vertrag, dessen 55. Jubiläum wir am 22. Januar  feiern, zu ergänzen. Es ist eine gute Gelegenheit, um unsere traditionellen Instrumente der Kooperation neu zu gestalten und damit die deutsch-französische Freundschaft auch künftig als treibende Kraft für Europa zu stärken. Frankreich ist in Vorleistung getreten, jetzt müssen wir Deutsche endlich liefern - im Interesse des vereinten Europas.

Nathalie Loiseau: Die Herausforderungen für unsere binationale Zusammenarbeit sind direkt mit den Herausforderungen Europas verbunden. Wir sind an einem wichtigen Punkt angelangt. Während sich Großbritannien darauf vorbereitet, die EU zu verlassen, und die USA in der internationalen Zusammenarbeit auf Distanz gehen, wie man am Beispiel des Klimaschutzes sieht, müssen wir gemeinsam entscheiden, wie das zukünftige Europa  aussehen wird. Frankreich hat konkrete Vorschläge gemacht, die der Präsident bei seiner Rede an der Sorbonne  am 26. September vorgestellt hat. Wir haben mit deutsch-französischen Vorstößen bereits entscheidende Fortschritte auf europäischer Ebene erzielt : in Sachen Verteidigung, mit der Einführung einer Ständigen Strukturierten Zusammenarbeit und eines europäischen Verteidigungsfonds, im Bereich Bildung mit konkreten Ideen zur Stärkung des Erasmusprogramms oder mit Blick auf die Kultur, beispielsweise durch die den Schutz des Urheberrechts. Natürlich gibt es noch jede Menge Arbeit, um die europäische Gemeinschaft näher zusammen zu bringen. Um nur zwei der anstehenden Projekte zu nennen : Wir müssen das Asylrechts reformieren, oder uns weiter darüber klar werden, wie wir Europa wirtschaftlich und finanziell stärken. Es sollte aber auch anerkannt werden, dass die europäischen Regierungen zielstrebig einen Prozess eingeleitet haben, damit wir gemeinsam vorankommen. Michael Roth und ich werden weiterhin zusammen daran arbeiten, dass Europa im Jahr 2024 noch mehr den Erwartungen seiner Bürger entspricht. In diesem Sinne werden wir ab Frühjahr 2018 in Frankreich, aber auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern, Bürgerberatungen zur Zukunft Europas ins Leben rufen.

 4. Welche besondere Bindung haben Sie zu Frankreich bzw. zu Deutschland?

Michael Roth: Ich habe in der Schule Latein gelernt, leider nur ein knappes Jahr Französisch. Das ist zu wenig und das  bereue ich aus heutiger Sicht. Deshalb ermuntere ich auch meine Patenkinder zum Französischlernen. Aber Sprachkenntnisse allein sind keine Voraussetzung, um zu Frankreich eine besondere Bindung zu haben: Über 11 Millionen Deutsche besuchen jährlich unseren großen westlichen Nachbarn. Die deutsch-französische Zusammenarbeit lebt von zahlreichen deutsch-französischen Freundschaften, Liebesbeziehungen, Romanen und Familien. Persönlich erinnere mich noch immer an meinen Urlaub in Südfrankreich zu meinem 18. Geburtstag…

 Nathalie Loiseau: Ich kenne Deutschland seit einigen Klassenfahrten in meiner Gymnasialzeit. Deutschland bietet eine große Vielfalt, die mich schon immer begeistert hat. Es ist ein Land, das uns sehr nah ist, und uns doch weit reisen lassen kann. Später, zur Zeit des Mauerfalls, habe ich oft Berlin besucht, und war tief beeindruckt von der Freiheitsdynamik, um nicht zu sagen dem libertären Schwung, der den Beginn der 90er Jahre prägte. Es wehte ein Wind der Hoffnung, es herrschte eine Frische und eine Euphorie, die so viel Energie erzeugte, und ohne die die deutsche Wiedervereinigung, die ein wichtiger Teil des europäischen Aufbaus ist, nicht hätte stattfinden können. Durch meine Tätigkeit im Dienste Europas weiß ich meine deutschen Partner sehr zu schätzen. Selbst wenn wir manchmal Dinge verschieden sehen, so sind wir doch Freunde die sich aufeinander verlassen können, und ich weiß, dass sich Europa auf die deutsch-französischen Beziehungen stützen kann.