1. Welche Rolle haben junge Menschen, wenn es darum geht, das Erbe des Ersten Weltkrieges weiterzugeben?

Ich bin der Ansicht, dass die Rolle junger Menschen darin besteht, sich mit Themen zu beschäftigen, die einen Bezug zur Gegenwart haben. In vielen Bereichen läutete der Erste Weltkrieg ein neues Zeitalter ein, dem wir heute noch angehören: die Industrialisierung des Krieges, die nationalistische Propaganda und natürlich das weltliche Ausmaß dieses Konflikts, das einen Vorgeschmack auf die derzeitige Globalisierung war. Geschichte wird nicht vererbt wie etwa ein Gegenstand oder ein Haus: Geschichte muss aktiv erschlossen werden, um zu verstehen, was sie uns über die Welt von heute sagt.

2. Was können junge Menschen machen, damit dieses historische Ereignis im kollektiven Gedächtnis bleibt?

Sie dürfen ihm nicht nur gedenken, zumindest nicht im klassischen Sinne. Die Denkmäler und Gedenkveranstaltungen sind Riten, die zweifelsohne eine soziale und politische Berechtigung haben, aber die Erinnerung lebt auch von Geschichte, Diskussionen und Aufarbeitung. Unter diesem Gesichtspunkt sind internationale Jugendbegegnungen eine hervorragende Gelegenheit, um ein und dasselbe Ereignis aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten.

3. Der Populismus greift in Europa um sich. Ist vor diesem Hintergrund die Erinnerungsarbeit heutzutage ausreichend?

Das Wort „ausreichend“ muss hier eher qualitativ und weniger quantitativ verstanden werden. Um Populismus und der Abschottung in die eigene Kultur die Stirn zu bieten, bedarf es nicht „mehr“ Erinnerungsarbeit, da diese politischen Bewegungen selbst die Vergangenheit instrumentalisieren, um einen Keil zwischen den Nationen oder sozialen Gruppen zu treiben. Wir brauchen vielmehr eine „bessere“ Erinnerungsarbeit, die sich öffnet und gleichzeitig den Dialog stärkt.  Wenn es um eine wahre europäische Bürgerschaft geht, so ist die Entwicklung einer gemeinsamen europäischen Erinnerungskultur über die Konflikte des 20. Jahrhunderts ein wichtiges Mittel, das viel konkreter und greifbarer ist als die Zugehörigkeit zu einem institutionellen Modell.