Der Plan zur Wiederaufnahme und zum Ausbau der deutsch-französischen und trilateraler Jugendbegegnungen mit einem Budget von 10,5 Millionen Euro wurde vor Kurzem verabschiedet. Was sind seine Ziele?

Tobias Bütow und Anne Tallineau:
Die Krise in der Krise muss beendet werden. Der Plan zur Wiederaufnahme der Jugendbegegnungen ist einstimmig vom Verwaltungsrat des DFJW beschlossen worden und gibt eine nachhaltige Antwort auf die Corona-Pandemie. Kurz nach Beginn der Gesundheitskrise, im Frühjahr 2020, haben wir wie viele ad-hoc-Krisenmanagement betrieben, Partner unterstützt und Digitalangebote für Jugendaustausch ausgebaut und weiterentwickelt. Doch das ist nicht genug. Denn seit März 2020, seit bald 1 ½ Jahren, hat die Pandemie junge Menschen besonders schwer getroffen. Eine der schmerzhaftesten Einschränkungen für junge Menschen war und ist es, dass sie Europa nicht (mehr) bereisen, erfahren und erleben konnten.

Doch internationale Begegnungen sind unverzichtbar für junge Menschen, ja für unsere Gesellschaften. Sie prägen Bildungswege, Berufseinstiege und Biographien. Viele junge und weniger junge Menschen berichten davon, dass solche deutsch-französischen oder europäischen Erfahrungen den Lauf ihres Lebens veränderten.

Noch ist die Pandemie nicht zu Ende. Aber Kinder und Jugendlichen dürfen nicht zur Corona-Generation werden, denen die europäische Erfahrung fehlt. Schon jetzt haben junge Menschen einen enormen Nach- und Aufholbedarf an Sportbegegnungen, kulturellen Horizonterweiterungen und interkulturellen Erfahrungen. Unser „Plan de Relance“, wie es so schön auf Französisch heißt, hat einen langen Atem. Und diesen brauchen wir zur Bewältigung der langfristigen Folgen der Pandemie. Er läuft bis Ende 2023, um unabhängig vom weiteren Krisenverlauf, jungen Menschen Motivation, Selbstbewusstsein und Inspiration zu geben, um Berufseinstiege zu erleichtern, Vertrauen in die Demokratie zu stärken und gesellschaftliches Engagement zu fördern. Von jetzt bis 2023, dem Jahr, in dem der Elysée-Vertrag und das DFJW 60 Jahre jung werden, wollen wir wieder so viele junge Menschen erreichen, wie vor der Krise. Unser Ziel sind 200.000 Teilnehmende pro Jahr, dank der Zusammenarbeit mit mehr als 9.000 Partnern.

An wen richtet sich dieser auf drei Jahre befristete Sonderplan und was sind die Schwerpunkte?

Tobias Bütow und Anne Tallineau:
Der Wiederaufnahmeplan richtet sich an alle jungen Menschen bis zum Alter von 30 Jahren, unabhängig von ihrer Herkunft und unabhängig davon, in welcher Lebensphase sie sich befinden: in der Schulbildung, Ausbildung, im Berufseinstieg oder in Freizeit-Aktivitäten.

Dabei werden wir insbesondere jene fördern, denen Europa und Mobilität nicht in die Wiege gelegt wurden. Doch auch auf Kinder unter 12 Jahren, Menschen mit Behinderung oder Berufsanfänger richten wir ein besonderes Augenmerk. Denn ein deutsch-französischer Austausch ist ein „Angebot“ an jeden jungen Menschen. Grundsätzlich ist in diesen Monaten jede internationale Jugendbegegnung ein Ereignis geworden. Sich wiederfinden, die Perspektive des Anderen kennenlernen und verstehen, aber auch die Folgen der Pandemie gemeinsam verarbeiten. Viele Partner leisten hier Pionierarbeit. Als DFJW wollen wir die Partner dazu motivieren und dabei unterstützen, sich stärker mit den Themen zu beschäftigen, die junge Menschen umtreiben: nachhaltige Entwicklung und Klimaschutz, Sport als Faktor der Integration, die Förderung des gesellschaftlichen Engagements, aber auch politische und historische Bildungsarbeit sowie die Stärkung von demokratischer Teilhabe und Partizipation.

Mit dem Wiederaufnahmeplan möchten wir unseren Partner ein nachhaltiges Signal senden: Bleibt kreativ! Gemeinsam sind wir stärker als diese Krise. Wir möchten, dass die internationale Jugendarbeit gestärkt aus dieser Krise hervorgeht. Auch deshalb verstehen wir diese Krise auch als Chance, um Innovation zu stimulieren und Kreativität zu fördern, aber auch um jungen Menschen eine Stimme zu geben. Denn unsere Welt muss sich mancherorts neu erfinden.

Wie wurde dieser Plan entworfen und wie wird er umgesetzt?

Tobias Bütow und Anne Tallineau:
Wenn wir die nahezu 60-jährige Geschichte des DFJW in den Blick nehmen, ist der Dreijahresplan eine beispiellose Antwort auf eine beispiellose Krise. So wie der Erfolg des DFJW von der Arbeit seiner Partner geprägt ist, ist der „Plan de Relance“ das Ergebnis eines monatelangen Austauschs mit ihnen, den Netzwerken, unseren Gremien und natürlich mit der Expertise des DFJW-Teams der verschiedenen Referate, ohne dabei die Jugendlichen zu vergessen.

Wir möchten an dieser Stelle all unseren Partnern danken, dem Verwaltungsrat und dem Beirat des DFJW, dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und dem französischen Ministerium für Bildung, Jugend und Sport. Unser Dank gilt aber auch den Kolleginnen und Kollegen des DFJW, die mit ihrem Teamgeist und ihrem deutsch-französischen Enthusiasmus unser Haus durch diese Krise tragen.

Bisweilen ist und bleibt das auch Kärrnerarbeit in vermeintlich trockenen Verwaltungsfragen. Doch diese kann die Welt bewegen. Beispielsweise durch die Vereinfachung der Förderregularien, insbesondere durch die Corona-Ausnahmeregeln, hoffen wir, dass die Projektträger in der Lage sein werden, einen verantwortungsbewussten Neustart der Jugendbegegnungen zu erreichen – natürlich mit Vorsicht und Umsicht, einem negativen Testergebnis im Gepäck und einer Maske auf der Nase, aber nicht weniger mit Mut und Freude in einem hoffentlich begegnungsreichen Sommer.

Ein Herzensanliegen ist uns die Wiederaufnahme der Schulaustausche durch die Bundesländer und ihre Partnerakademien in Frankreich. Wenn Tourismus wieder möglich ist, sollten - ja müssen - auch Schulaustausche machbar sein. Um krisenkompatibel zu sein, bieten wir ab der Rentrée digitale Schulpartnerschaften an, um Schulleiter*innen, Lehrer*innen und Schüler*innen für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit einer Partnerschule in Frankreich oder Deutschland im Schulalltag zu motivieren und ihnen, wenn die Pandemie es zulässt, eine kostenintensive Drittortbegegnung zu fördern.

Nach der Rekord-Enthaltung junger Menschen bei den Regionalwahlen in Frankreich, und im Vorfeld der Bundestagswahl im September sowie der Wahltermine 2022 in Frankreich sind wir überzeugt, dass die Teilhabe und Partizipation junger Menschen an der Demokratie unverzichtbar sind. Denn Austausch ist die beste Prävention gegen Extremismus. In Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für Politische Bildung haben wir ein deutsch-französisches Förderprogramm für Politische Bildung erarbeitet, welches das Vertrauen in und Engagement für Demokratie steigern soll. Und wir beteiligen uns natürlich an der Konferenz zur Zukunft Europas, im Rahmen einer deutsch-französischen Jugendkonsultation, sowie mit Partnern aus der Zivilgesellschaft rundum die französische Ratspräsidentschaft der Europäischen Union.

Das Europa von morgen vorbereiten bedeutet auch, das Engagement junger Menschen für Umwelt- und Klimaschutz zu unterstützen, beispielsweise indem wir eine Charta der grünen Mobilität erarbeiten. Klimaneutralität ist ein Ziel, auf das sich Deutschland, Frankreich und Europa verpflichtet haben.

Diese ausgewählten Beispiele zeigen natürlich nicht die Gesamtheit unseres Wiederaufnahmeplans, der für einen Zeitraum von drei Jahren geplant und an die unterschiedlichen Bedürfnisse unserer Zielgruppen angepasst ist. In der Umsetzung wird er wesentlich von unseren Partnern gestaltet. Das DFJW macht Förderangebote und gibt damit ein Versprechen ab: Das Budget, das 2020 aufgrund der Pandemie nicht dem Austausch und der Begegnung junger Menschen zugutekommen konnte, ist nicht verloren. Ende 2023 wollen wir sagen können: Die Pandemie ist vorbei. Und gemeinsam mit unseren Partnern in Schulen, Ausbildungszentren, Universitäten, Vereinen, Bürgerinitiativen und Verwaltungen haben wir es geschafft, dass Jugendaustausch wieder Lebenswege prägt. Ganz im Sinne des Vertrages von Aachen, der uns verpflichtet, den Jugendaustausch auszubauen, damit junge Menschen von einer europäischen Erfahrung profitieren können.