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Der historische Kontext

Anlässlich des 100. Jahrestages des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges fand vom 26. Juni bis 3. Juli in Sarajevo eine internationale Jugendkonferenz statt. Für Historiker bedeutet Sarajevo das Epizentrum, in dem der erste weltumspannende Konflikt ausgebrochen ist. Am 28. Juni vor 100 Jahren wurde dort der Thronfolger von Österreich-Ungarn, Erzherzog Franz-Ferdinand, von dem nationalistischen Attentäter Gavrilo Principe ermordet. Dieser Mord war der Auslöser für den Krieg, in den sich die europäischen Staaten, getrennt und zugleich in verschiedenen Allianzen vereint, stürzten – ein Krieg, dessen Brutalität das vergangene Jahrhundert stark geprägt hat.

Die Organisatoren

Die Konferenz wurde vom Verein KULT, der Deutschen Botschaft sowie dem DFJW organisiert mit dem Ziel, über die Rolle junger Menschen im heutigen Europa nachzudenken. Dazu kamen über 100 Jugendliche aus Europa und den Vereinigten Staaten für eine Woche in Sarajevo zusammen, um an den Gedenkfeiern teilzunehmen, aber auch, um über die politische Situation in Europa und auf dem Balkan nachzudenken. Der letzte Krieg in der Region, der indirekt noch die Konsequenzen des Ersten Weltkrieges wiederspeigelt, ist gerade mal 20 Jahre her.

Sarajevo

Der Krieg in Bosnien-Herzegowina ist noch sehr präsent. In der Hauptstadt Sarajevo, einer Stadt reich an Geschichte und Kultur, sind an vielen Gebäuden noch die Granateinschläge zu sehen. Das architektonische Erbe des osmanischen Reiches steht hier direkt neben den Häusern, die während der Zeit der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie entstanden. Während der Muezzin die Gläubigen zum Gebet aufruft, läuten gleichzeitig die Glocken eines Kirchturmes. Sarajevo wird von vielen als das „Jerusalem des Balkans“ bezeichnet, eine Drehscheibe der Kulturen, die man auf beiden Seiten des Bosporus findet. Hier in Sarajevo kreuzen und vermischen sich die Religionen – ein perfekter Ort für Austausch und Dialog. Deswegen trafen wir uns dort, junge Leute aus ganz Europa und dem Balkan, um gemeinsam über die bewegende Geschichte der Region zu reflektieren und auch, um darüber nachzudenken, wie die weitere Zukunft der Region und Europas gestaltet werden könnte.

Die Rolle des DFJW

Als Mitorganisator hatte das DFJW eine ganz besondere Rolle bei der Veranstaltung. Die beiden Weltkriege haben sich stets um Deutschland und Frankreich gedreht. Generationen von Deutschen und Franzosen hatten Vorurteile gegenüber ihren Nachbarn. Die Gründung des DFJW im Jahre 1963 hat eine unheimliche Dynamik losgetreten: Sie hat den Weg zur Europäischen Union unterstützt, und die Zivilgesellschaft in Deutschland und Frankreich einander näher kommen lassen, indem sie den Austausch von über acht Millionen Jugendlichen mit dem Partnerland ermöglicht hat. Die deutsch-französische Freundschaft ist das Paradebeispiel für zwischenstaatliche Kooperation in der Welt, wie es sie sonst nirgendwo gibt. Nirgendwo sonst sind Politik und Zivilgesellschaft so miteinander verflochten wie zwischen Deutschland und Frankreich, und das obwohl sie lange Zeit als „Erbfeinde“ tituliert wurden.

Die Jugend

Warum die Jugendlichen im Zentrum? Ganz klar: Wenn sie/WIR nicht die Zukunft verkörpern, welche Generation dann? Einige Teilnehmer sind in einem Land geboren, das man als Jugoslawien kannte. Dessen Geschichte wurde von einem Krieg erschüttert, der nicht nur die Region zersplittert hat, sondern auch Familien und ganze Gemeinschaften auseinander gerissen hat. Daher ist es kaum verwunderlich, dass im Zentrum der Gedenkfeiern und dieser Konferenz auch das Nachdenken über Frieden stand. Ganz anders als man vielleicht denken würde, ist das Konzept des Friedens nicht abgedroschen. In zahlreichen Workshops während der ganzen Woche hat sich herausgestellt, dass der Frieden für die junge Generation mehr als nur ein einfaches Wort ist, sondern vielmehr eine politische und gesellschaftliche Forderung. Frieden gibt es nicht nur für und zwischen Ländern, sondern ist essentiell für Gesellschaft, Wirtschaft und auch zwischen den Generationen.

Aufruf zur Gründung eines Europäischen Jugendwerkes

Die Bilanz der Konferenz: Vor dem Hintergrund der wachsenden Jugendarbeitslosigkeit, die in vielen EU-Ländern bei 50 Prozent liegt, und sinkender Wahlbeteiligung, gepaart mit erstarkenden nationalistischen Parteien in den Mitgliedstaaten, forderten die Teilnehmer der Konferenz „Junges Europa“ (Mlada Europa) die Gründung eines europäischen Jugendwerkes. Eine solche Gründung wäre eine Antwort auf die Bedürfnisse der jungen Europäer und würde ihnen eine Stimme und ein Gesicht geben, mit dem sie ihre Interessen verteidigen könnten – indem nämlich ihre Mobilität in Europa gesichert wird. Die Rolle dieses Jugendwerkes wäre, den zivilgesellschaftlichen Austausch zwischen den verschiedenen Ländern Europas anzuregen und zwar gemäß dem Prinzip der Subsidiarität, mit finanzieller und logistischer Unterstützung für diverse Programme im Bereich Ausbildung und Bildung, Sport und andere zivilgesellschaftliche Aktivitäten.

Und so stellen wir Konferenzteilnehmer uns dieses Jugendwerk vor:

  1. Ein Europäisches Jugendwerk sollte eine zusammenhängende europäische Politik vertreten und Einigkeit verkörpern und nicht nur über die Jugendlichen sprechen, sondern sie auch in die Debatten mit einbeziehen.
  2. Existierende Programme für Jugendliche sollten zusammengeführt und unter einem Dach organisiert werden.
  3. Ein Europäisches Jugendwerk bräuchte als solches einen Verwaltungsrat sowie einen Generalsekretär an seiner Spitze.
  4. Das Europäische Jugendwerk sollte der Europäischen Union angehören bzw. unterstehen und auch von dieser finanziert werden.
  5. Das Jugendwerk müsste regionale Vertretungen haben (z.B. Balkan, Baltikum), die Projekte mit regionalen Partnern umsetzen, ganz nach dem Prinzip der Subsidiarität, um den Austausch zwischen den Ländern und den Mitgliedern der Zivilgesellschaft zu ermöglichen.
  6. Letztlich sollte ein Europäisches Jugendwerk auch eine Internet-Plattform ins Leben rufen, die den Menschen in Europa Instrumente an die Hand gibt, um Demokratie und Mitwirkung in Europa zu stärken.

Das Europäische Jugendwerk soll aber keine weitere x-beliebige Institution auf europäischer Ebene werden. Ganz im Gegenteil: Sie soll inklusiv sein und all die Programme, die es ohnehin schon für Jugendliche gibt und von der EU finanziert werden, zusammenführen, und für die Politik stehen, die die EU für die Jugend macht: Eine Politik, die von der EU finanziert und geführt wird, aber von regionalen Vertretungen umgesetzt wird. Die Jugend Europas versteht unter Zukunft eine noch viel stärkere Integration, denn Europa bedeutet für uns: Frieden.

Von Benjamin Kurc, DFJW-Juniorbotschafter in Berlin

Übersetzung: Julia Harrer