1. Welche Eindrücke und Erinnerungen verbinden Sie mit dem Mauerfall? 

Ich bin im August 1989 mit einem Stipendium des Ökumenischen Rates der Kirchen nach Straßburg gegangen, um an meiner Dissertation zu arbeiten. Von all den dramatischen Ereignissen des Herbstes habe ich durch die Medien erfahren. Am Abend des Mauerfalls bin ich in aller Ruhe in meinem Studentenwohnheim ins Bett gegangen und habe erst am Morgen gehört, was in der Nacht passiert war. Es war ein Gefühl unglaublichen Glücks. Gemischt mit dem Bedauern, dass ich nicht in Berlin dabei war.

2. Mit welchen Eindrücken sind Sie aus Frankreich in die DDR zurückgekehrt?

Für mich war klar: Das ist nicht die Zeit, sich in seiner Studierstube einzuschließen. Alles schien möglich zu sein. Mein Doktorvater, Wolfgang Ullmann, ging als Minister ins Übergangskabinett von Hans Modrow, dann als Abgeordneter in die neugewählte Volkskammer. Ich wurde im April 1990 gefragt, ob ich die erste frei gewählte Regierung der DDR in Paris vertreten wolle. Ich war, wie viele meiner Kommiliton*innen, in den 1980er Jahren stark politisiert worden. Und ich wollte mithelfen, ein neues Europa zu gestalten. So habe ich ohne großes Zögern zugesagt. Bis heute gehören für mich die Vereinigung Deutschlands und das Zusammenwachsen Europas untrennbar zusammen. Ich hatte mich schon vor 1989 viel mit den deutsch-polnischen Beziehungen beschäftigt. Und so traf es sich gut, dass mein erster Auslandsposten als junger, nun gesamtdeutscher Diplomat dann Warschau wurde.

3. Ab Juli 1990 waren Sie der letzte Botschafter der DDR in Paris. Wie erlebten Sie Ihre Zeit? Wie gestaltete sich Ihre Zusammenarbeit „im Dreieck“ mit den bundesdeutschen und französischen Kolleg*innen in Paris?

Meine Zeit als Botschafter war kurz, ganze sechs Wochen. In Frankreich beobachtete man mit großem Interesse, aber durchaus auch mit gewissen Befürchtungen das, was jenseits des Rheins geschah. Umso wichtiger war, dass wir, als Ost- und als Westdeutsche, keinen Zweifel daran ließen, dass es bei der europäischen Verankerung Deutschlands bleibt, ja dass wir auf dem Weg der Integration weiter vorangehen wollen. Meine Hauptbotschaft war: Lasst uns dafür sorgen, dass die neuen Bundesländer so schnell wie möglich in das enge Netz der deutsch-französischen Beziehungen einbezogen werden. Das DFJW hat dabei von Anfang an eine sehr wichtige Rolle gespielt.

4. Die Mauer wurde 1989 von Bürger*innen einer Diktatur zu Fall gebracht. Wie steht es Ihrer Meinung nach um das zivilgesellschaftliche Engagement in unserer Demokratie und die politische Teilhabe der heutigen und vor allem der jungen Generation?

Es ist gut, dass das Interesse an Politik unter den jungen Menschen wächst, was sich nicht nur bei den Fridays for Future zeigt. Ich würde mir aber wünschen, dass mehr Menschen auch den Weg in die Parteien finden. Natürlich gibt es unterschiedliche Formen des Engagements, und ich verstehe, dass viele junge Menschen ungeduldig sind, dass sie sich nach schnellen Veränderungen und direkter Wirkung sehnen. Zugegeben: Parteiarbeit ist mühsam. Doch Mehrheiten gewinnt man nur mit guten Argumenten und vor allem mit viel, viel Überzeugungsarbeit. Die Demokratie ist die beste Form des Zusammenlebens, die es gibt. Aber sie ist nichts für Ungeduldige.

5. Was können wir, aber auch Europa, heute aus dem Mauerfall, der Wiedervereinigung und der Überwindung der europäischen Teilung lernen?

Dass Träume wahr werden können. Dass Dinge sich verändern lassen, dass Mauern nicht ewig stehen. Und dass nach dem Fall der Mauern die Arbeit erst richtig beginnt.