1. Welche Bedeutung haben Städtepartnerschaften für die europäische Verständigung?

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte es Versuche gegeben, die europäischen Staaten in einen Friedensprozess zu bringen, allen voran Deutschland und Frankreich. Es gab regen intellektuellen Austausch, man bemühte sich um gegenseitiges Verständnis. Gustav Stresemann und Aristide Briand wurden mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Und dennoch: Die Annäherung war nicht solide verankert, die breite Bevölkerung war anfällig für Propaganda, Hass und die alten Feindbilder. Deshalb haben kluge Menschen gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einen anderen Weg beschritten: Die europäische Idee sollte von unten nach oben aufgebaut werden, von der lokalen Verankerung bis in die Spitze der Politik. Diese Strategie ist erstaunlich erfolgreich gewesen. Heute haben wir mehr als 20.000 kommunale Partnerschaften in Europa und dies ist ein absolut verlässliches Fundament einer europäischen Zivilgesellschaft.

2. Was sind Chancen und Herausforderungen für die deutsch-französischen Städtepartnerschaften im Rahmen des Aachener Vertrages?

Die gute Nachricht ist: Die kommunale Ebene wird zum ersten Mal in einem völkerrechtlichen Vertrag überhaupt erwähnt. Die Sichtbarkeit wird erhöht, die Chancen für eine neue Dynamik sind gegeben. Allerdings müssen jetzt die einzelnen Kommunen und die gemeinsamen Institutionen auch zeigen, dass sie sich bewegen, neue Wege beschreiten und die Chancen nutzen. Eine besondere Rolle kann der angekündigte Bürgerfonds spielen, aber nur, wenn er aktiv begleitet wird. Denn die Erfahrung zeigt: Wer die Menschen im ganzen Land erreichen will, der muss niederschwellige Angebote machen, d. h. auch für kleine Kommunen realistische Angebote machen. Wenn man engagierten Menschen durch Beratung und Schulung hilft, dann kann mit relativ geringen Mitteln Großes erreicht werden.

3. Seit der Jahrtausendwende sinkt die Zahl neu gegründeter Städtepartnerschaften stetig. Ist das Modell veraltet? Wie kann Städtepartnerschaften ein frischer Wind eingehaucht werden?

Natürlich gibt es ein gewisses Sättigungsphänomen. Die große Mehrzahl der Menschen in Deutschland und Frankreich lebt in Kommunen, die eine Partnerschaft in Europa haben. Das führt zu sinkenden Neugründungszahlen. Und trotzdem hat die Dynamik nach dem Fall der Mauer gezeigt, dass dieses Instrument immer noch attraktiv ist. Auch heute machen sich Gemeinden auf den Weg zur europäischen Partnerschaft auf lokaler Ebene. Es wäre sinnvoll, die Erfahrungen systematischer zu sammeln, den Austausch unter Kommunen zu fördern und somit die Neugier aufrechtzuerhalten. Man muss nicht immer alles neu erfinden, die einfachen Mittel des menschlichen Austauschs bleiben auch in Zeiten asozialer Medien wirkungsvoll.

4. Wie können auch junge Menschen dafür gewonnen werden, sich in Städtepartnerschaftskomitees zu engagieren?

Alle Vereine kennen das Problem: Junge Menschen machen gerne bei Aktivitäten mit, wollen sich aber nur selten in den klassischen Vereinsstrukturen engagieren. Das ist keine Besonderheit bei den kommunalen Partnerschaften. Das hat auch handfeste Gründe: mehr Mobilität durch Ausbildung und Beruf, anderes Sozialverhalten, mehr Projektorientierung und weniger Lust auf „Pöstchen“. Wenn man das wirklich ändern will, müsste man an die Vereinsstrukturen heran. Einfacher wäre vielleicht eine kürzere Amtszeit der benötigten Funktionen. Und was mir in den vielen Beratungen und Schulungen aufgefallen ist: Wenn sich junge Menschen mal engagieren wollen, lassen die Alten die Verantwortung nicht los. Kleiner Tipp: Wenn es junge engagierte Mitglieder gibt, dann lasst sie auch die wirklichen Entscheidungsfunktionen übernehmen und einfach mal machen.