Das deutsch-französische Büro für die Energiewende (DFBEW) feiert in diesem Jahr seinen 15. Geburtstag. Wie funktioniert die deutsch-französische Zusammenarbeit in Klimafragen und was waren die größten Projekte des DFBEW in den letzten Jahren?

Sven Rösner: Das DFBEW fungiert seit 15 Jahren als Informationsplattform für alle, die sich in Deutschland und Frankreich mit der Energiewende beschäftigen, also: Politik, Behörden, Unternehmen, Forscher und die Zivilgesellschaft. Ziel unserer Arbeit ist es, Klarheit im Kontext der Energiewende zu schaffen und ein Forum für einen Dialog zur Verfügung zu stellen, wo man fachlich und sachlich über die Herausforderungen und Chancen der Energiewende sprechen kann. Uns bleibt beim Klimaschutz wenig Zeit, deshalb ist es wichtig, aus den Erfahrungen der anderen zu lernen, Ansätze zu verstehen, sich Gutes abzuschauen und Fehler nicht zu wiederholen. Das zu erleichtern ohne zu beeinflussen, ist unsere Aufgabe. Die Finanzierung unserer Organisation wird je zur Hälfte von staatlichen und privaten Akteuren getragen, auch das ist ein Ausdruck unserer Neutralität.

Der Klimawandel ist stark mit dem Verbrauch von Energie verbunden, nicht nur Strom, sondern vor allem auch fossile Treib- und Brennstoffe für Mobilität und Wärme. Europa will sich bis 2050 dekarbonisieren. So ein Projekt hat es in dieser Größenordnung und Tragweite vermutlich noch nicht gegeben.

Heute arbeiten wir an erneuerbaren Energien, ihrer Integration in Märkte und Netze, am Verbrauch von Energie in Haushalten und in der Industrie sowie an den gesellschaftlichen, ökologischen und volkswirtschaftlichen Konsequenzen der Energiewende. Es geht nicht einfach nur um Energie, unser tägliches Leben und unsere Gesellschaften werden sich nachhaltig verändern. Wir sind aktuell 16 Personen und begleiten diese Themen mit jährlich über 25 Veranstaltungen und über 70 Publikationen. Unsere größte Veranstaltung war das Deutsch-Französische Energieforum 2020, bei dem es um die Auswirkungen von Covid-19 auf die Energiewende in Europa ging. Wir hatten ein ziemlich beeindruckendes Programm und etwa 900 Teilnehmer aus der ganzen Welt. Das war ein schöner Erfolg.

Die Jugend erhebt mit Demonstrationen auf der ganzen Welt zunehmend ihre Stimme. Können Sie uns sagen, wie Sie sich für den Klimaschutz engagieren?

Charlène Marquot: 2018 wurde mir während meines zweiten Bachelorjahres das Ausmaß der Klimakrise bewusst und auch, was sie für unsere Generation bedeutet: Sie gefährdet unsere nahe Zukunft. Auslöser war für mich der Start der Klimaschutzbewegung Affaire du siècle. Diese Zeit wurde auch von der „Öko-Angst“ bestimmt. Sie hat mich dazu bewogen, auf meiner Ebene tätig zu werden und mich in möglichst vielen Bereichen zu engagieren, um das Bewusstsein in meinem Umfeld zu schärfen und konkret zu handeln.

Seitdem nehme ich mir vor, mich in meinem Alltag für die Umwelt stark zu machen – sei es durch einen einfachen und achtsamen Lebensstil, durch mein Engagement in Vereinen oder als Aktivistin (vor allem bei Klimamärschen), aber auch bei Reisen, Freizeitaktivitäten und in meinem Studium. Ich versuche, meinen Lebensstil so umweltfreundlich wie möglich zu gestalten, und reise lieber mit dem Zug als mit dem Flugzeug (besonders in Europa). Ich studiere ökologische Transformationsstudien, dort lerne ich mehr über die Herausforderungen des Klimawandels. Später möchte ich einem sinnstiftenden Beruf nachgehen.

Da ich eine deutsch-französischen Laufbahn habe, habe ich auch an mehreren Begegnungen zu diesen Themen teilgenommen, wie beispielsweise über die nachhaltige Stadt im Rahmen der Städtepartnerschaft zwischen Lyon und Frankfurt am Main im Juni 2021 und während des Forums

„Bewegte Jugend – Jugend bewegt!“ im September 2020 im Saarland. Ich interessiere mich ebenfalls für andere Themen wie Geschlechtergerechtigkeit oder Ökofeminismus. Ich engagiere mich auch politisch und will junge Menschen, die an Frauen-, Antirassismus- und Klimademonstrationen teilnehmen, überzeugen, wählen zu gehen, am demokratischen Leben teilzunehmen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.

Ich bin mir bewusst, dass wir unseren ökologischen Fußabdruck als Einzelperson verringern müssen, glaube aber, dass internationale Maßnahmen umso wichtiger sind und dass die Wirtschafts-, Energie- und Sozialpolitik sowie Entscheidungen von Großunternehmen enormen Einfluss auf die Treibhausgasemissionen und damit auf den Klimawandel haben werden. Hier muss die COP26, wie auch die 25 vorangegangenen, Ehrgeiz unter Beweis stellen und Handlungsbereitschaft zeigen.

Am 18. November veranstalten Sie das vierte Deutsch-Französische Energieforum. Was sind Ihre Erwartungen an dieses Forum?

Sven Rösner: Wir haben uns für diese Auflage das Thema der Finanzierung der Energiewende ausgesucht, denn alles, was bis 2050 geleistet werden muss, wird irgendwann in Geld ausgedrückt werden müssen. Nur ein Fünftel der verbrauchten Energie in Deutschland und Frankreich ist heute elektrisch. Um aber CO₂-frei zu werden, muss nach und nach fast jeder Verbrauch elektrisch werden und der dabei verbrauchte Strom muss natürlich CO₂-neutral erzeugt werden. Gleichzeitig muss vieles effizienter werden. Das alles muss finanziert werden, wir brauchen mehr Kapazitäten zur Stromerzeugung, neue Netze, neue Prozesse in der Industrie, neue Heizungen, andere Autos und so weiter. Das geht nicht mit einer Gießkanne. Die Politik muss so angelegt sein, dass Unternehmen und Privatpersonen mitmachen und ihren Beitrag leisten. Und es wird Verlierer geben – ob im Braunkohletagebau, in einigen Industrien und anderen Bereichen. Die Energiewende wird nur dann erfolgreich sein, wenn diese Menschen und die Regionen, in denen sie leben, nicht im Stich gelassen werden. Es geht um den sozialen Frieden, aber auch, um es positiv zu sagen, um Perspektiven: viele neue Ausbildungs- und Arbeitsplätze, neue Industrien, um Innovationen und spannende Projekte. All das wollen wir auf dem vierten Energieforum thematisieren. Wir werden die EU-Kommissarin für Energie, Kadri Simson, die französische Umweltministerin Barbara Pompili und den deutschen Staatssekretär für Energie, Andreas Feicht, hören. Aber auch Studenten, Politiker, Wissenschaftler und Akteure aus der Wirtschaft werden zu Wort kommen. Wir wollen diese Menschen, die alle eine Rolle bei der Energiewende haben, zusammenbringen und dem Publikum zeigen, was gerade passiert und was getan werden wird, um die Sache voranzubringen.

Sie nehmen diese Woche gemeinsam mit dem Verein Réseau Étudiant pour une Société Écologique et Solidaire (RESES) an der COP26 teil. Welche Erwartungen haben Sie an diesen Gipfel?

Charlène Marquot: Während der COP26 in Glasgow bin ich Teil der RESES-Beobachter:innen-Delegation und werde in dieser Woche das Thema „Gender und Klima“ verfolgen. Mit der Teilnahme an den internationalen Gipfel-Verhandlungen möchte ich einen näheren Einblick in die Welt der Geopolitik gewinnen. Dabei beobachte ich Techniken und Inhalte von Verhandlungen. Persönlich hoffe ich, viele inspirierende Menschen zu treffen und mit Personen aus der ganzen Welt (Expert:innen, Verhandlungsführer:innen, Beobachter:innen, Dozent:innen usw.) zu diskutieren. So können wir unsere Erfahrungen teilen und uns über viele Themen austauschen, die mit der Umwelt und dem Klimawandel zusammenhängen. Es soll aber auch um sozialere Themen wie den Platz und die Macht von Frauen, indigenen Völkern oder von Menschen mit Behinderungen in Bezug auf den Klimawandel und bei der COP gehen. Am Rande des Gipfels von Glasgow demonstrieren fast täglich junge Menschen. Ich hoffe, dass der Druck, den sie damit auf die Regierungen und Unternehmen ausüben, groß genug sein wird. Wir wollen ihnen zeigen, dass wir keine Ruhe geben werden, solange sie sich nicht ehrgeizig für das Klima einsetzen.

Auf diesem Gipfel gibt es viele Greenwashing-Reden und -Aktionen: Jeff Bezos ist z. B. zur COP in seinem Privatjet angereist, obwohl sein Unternehmen Amazon einer der schlimmsten Treiber von Treibhausgasen ist. Dies zeigt, wie groß die Heuchelei zwischen Wort und Tat ist.

Ich hoffe, dass die Verhandlungen endlich zu etwas Konkretem und zu einem freiwilligen Systemwechsel führen werden. Wir haben nicht die Zeit, noch 10, 15 oder 20 Jahre lang jedes Jahr COPs zu veranstalten. Als Teilnehmerin der COP bin ich gespannt, ob wir noch ehrgeizige internationale Aktionspläne gegen den Klimawandel erwarten können oder ob es sich bei all der Rhetorik nur um leere Versprechungen handeln wird.

Auf dem Programm des Forums steht auch eine Diskussion mit den Jugendbewegungen „Fridays for Future" und „On est prêt". Welche Pläne haben Sie für die Zukunft, um jungen Menschen eine Stimme in Klimafragen zu geben?

Sven Rösner: Wir arbeiten seit 2019 an der gesellschaftlichen und ökologischen Dimension der Energiewende, denn die werden am Ende entscheidend dafür sein, wie schnell der Klimaschutz umgesetzt werden kann. Die Jugendlichen haben sich als eine Kraft in der Diskussion zum Klimaschutz etabliert. Sie haben einen sehr direkten Bezug, machen sich Sorgen um ihre Zukunft, haben aber auch viele Ideen. Für uns als Dialogplattform gehören sie zum Spektrum der Gruppen, an die sich unsere Arbeit richtet und deren Stimme wir gern öfters auf unseren Veranstaltungen hören wollen.

Was sind Ihre Zukunftspläne?

Charlène Marquot: Dieses Jahr ist mein letztes Studienjahr. Ich mache einen Master in ökologischen Transformationsstudien und habe mich auf soziales und solidarisches Unternehmertum spezialisiert. Ab März 2022 werde ich in die Arbeitswelt mit einem Abschlusspraktikum einsteigen. Ich hoffe, dass ich das Praktikum in meinem Studienbereich, in der Umweltbildung oder im Arbeitsfeld Gender Studies absolvieren kann. Nach meinem Studium möchte ich wieder reisen. Ich möchte vor allem an Sensibilisierungsprojekten für Umweltfragen in ganz Europa teilnehmen. Ich werde mich auch weiterhin an verschiedenen Projekten zu Klima, Geschlechterungleichheit und Europa beteiligen, weil mir diese Themen sehr am Herzen liegen. Später würde ich gerne in einem Verein oder einem Unternehmen arbeiten, das meinen Werten entspricht. Und ich kann mir gut vorstellen, irgendwo in Europa tätig zu sein.