Seit nunmehr über einem Jahr wird unser aller Leben von der Gesundheitskrise geprägt bzw. beeinflusst und das öffentliche Augenmerk richtet sich verstärkt auf die Jugendlichen. Verschiedene Initiativen bieten Jugendlichen Hilfestellungen an, damit sie nicht zu einer „verlorenen“ Generation werden. Eine davon ist Ihre Plattform „Écoute Étudiants Íle-de-France“. Welche Ansätze verfolgen Sie in diesem Rahmen?

Jean Petrucci: Die Gründung dieser Plattform basiert auf der gemeinsamen Feststellung der Region Île-de-France und der Fondation FondaMental, dass Studierende im Zuge der Uni-Schließungen und der verschiedenen Lockdown-Maßnahmen in große Notlagen gerieten und dabei paradoxerweise wenig Zugang zu psychologischer Betreuung hatten. Die Region und die Fondation wollten sich daher direkt an die Studierenden wenden und ein kostenloses Angebot schaffen, das niedrigschwellig einen Kontakt mit Betreuungseinrichtungen ermöglicht, die in der Lage sind, die besonderen Bedürfnisse der Studierenden zu erkennen.
Dafür bietet die Plattform den Bewohner*innen der Île-de-France an, mithilfe kurzer Fragebögen eine Einschätzung ihrerer mentalen Situation zu bekommen. Wenn man z.B. emotional etwas hilflos ist, ist dies nützlich. Die Studierenden können außerdem Ratschläge und Übungen bekommen, die die wesentlichen von der Krise hervorgerufenen Probleme thematisieren (z.B. Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen, fehlende Arbeitsmotivation).   Wir haben darauf geachtet, möglichst einfache, pragmatische und gut umsetzbare Lösungen anzubieten, geeignet sowohl in Wohngemeinschaften als auch in kleinen Einzimmerwohnungen. Die Plattform bietet vor allem auch dank einer Partnerschaft mit der „Association Française de Thérapie Cognitive et Comportementale (AFTCC)“ (Französischer Verband für kognitive und Verhaltenstherapie) die Möglichkeit, Online-Beratungen mit Psycholog*innen durchzuführen, die in der Behandlung von Emotions- und Verhaltensstörungen spezialisiert sind. Die Studierenden vereinbaren direkt Termine mit Psycholog*innen, ohne ärztliche Verschreibung, und können drei 45-minütige Einheiten kostenlos in Anspruch nehmen. Die psychologische Betreuung wird von einer einzigen Fachkraft durchgeführt, die sowohl die Situation der Studierenden einschätzen (und gegebenenfalls die Person umorientieren, wenn ihr Zustand bedenklich ist), als auch persönliche Strategien zur Bewältigung dieser psychisch sehr belastenden Zeit vorschlagen kann.

Seit mehr als einem Jahr prägt die Corona-Krise unser Leben und die schwierige Lebenssituation junger Menschen findet zunehmend Beachtung in der öffentlichen Debatte. Die Studien „Jugend und Corona“ und „Das Leben von jungen Menschen in der Corona-Pandemie“ der Bertelsmann Stiftung widmen sich ebenfalls diesen Fragen. Wie gehen Sie an dieses Thema heran und was beabsichtigen Sie mit den Studien?

Antje Funcke: Die Forscher*innen der Universitäten Frankfurt/M. und Hildesheim haben im Rahmen von JuCo zwei Onlinebefragungen für 15-30-Jährige durchgeführt. Eine im ersten Lockdown im April und eine im zweiten Lockdown im November 2020. Wir wollten herausfinden, wie es jungen Menschen in der Corona-Pandemie geht, wie es um ihr Wohlbefinden steht, wie ihr Alltag aussieht und welche Sorgen und Ängste sie umtreiben. Es haben insgesamt 12.500 junge Menschen teilgenommen. Ziel war es, der Stimme von Jugendlichen und jungen Erwachsenen Gehör zu verschaffen. Öffentlichkeit und Politik sollten einen Eindruck bekommen, wie es ihnen geht. 

Was sind die zentralen Themen für junge Menschen in diesen schwierigen Zeiten? Wo fühlen Sie sich benachteiligt oder allein gelassen?

Jean Petrucci: Es ist schwierig, darauf zu antworten, da die Situationen individuell sehr unterschiedlich sind. Allgemein kann man ein weit verbreitetes Gefühl der Mutlosigkeit und des Überdrusses beobachten, das dadurch bedingt ist, dass die Gesundheitskrise nun schon mehr als ein Jahr dauert. Momente des Glücks und der Freude werden rar. Es fällt schwer, freundschaftliche und emotionale Bindungen herzustellen oder zu pflegen, aber auch einfach nur eine gute Zeit zu verbringen, sei es an sozialen Treffpunkten, in Kultureinrichtungen oder im Ausland. Zu diesen sozioemotionalen Problemen gesellen sich Ängste bezüglich des Studiums und der Arbeitssuche: Studierende finden es nicht nur schwierig, sich den ganzen Tag zu konzentrieren, um an den Vorlesungen per Videokonferenz teilzunehmen. Sie haben auch Schwierigkeiten, Praktikumstellen oder Ausbildungsplätze zu finden, die sie für das Bestehen des Studienjahres benötigen. Mittelfristig haben sie auch die Befürchtung, dass ihr Abschluss weniger Wert sein wird und sie im Kontext einer Wirtschaftskrise schwer eine Arbeit finden werden. Die Summierung von Frustrationen, Ängsten und Müdigkeit kann zu reellen Depressionen und Angststörungen führen, die es gilt, zu behandeln.
Erwähnt werden müssen auch die (viel zu) zahlreichen Studierenden in prekärer finanzieller Lage. Alltagsschwierigkeiten sind bedeutende Negativfaktoren, die beim Auftreten von psychischen Störungen eine Rolle spielen. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass bestimmte Studierende Schwierigkeiten kumulieren und daher bei ihnen das Risiko solcher Störungen höher als bei anderen.

Antje Funcke: Zum einen ist die Pandemie für junge Menschen eine echte Herausforderung. Mehr als 60 Prozent der Befragten haben angegeben einsam und psychisch belastet zu sein. 69 Prozent sagen, dass sie Angst um ihre Zukunft haben. Jugendliche, die finanzielle Sorgen umtreiben, sind dabei noch häufiger belastet.
Zum anderen haben fast zwei Drittel der jungen Menschen das Gefühl, dass ihre Sorgen von der Politik nicht gehört werden. Dieser Eindruck hat sich in der Krise noch verstärkt – im April hat noch weniger als die Hälfte dieser Aussage zugestimmt. Obwohl es immer öfter von Seiten der Politik hieß, dass Kinder und Jugendliche in der Corona-Zeit an erster Stelle stehen sollen, ist das bei ihnen nicht so angekommen. Vielmehr haben sie den Eindruck, in der öffentlichen Debatte nur als Schüler:innen oder Lernende gesehen zu werden, die funktionieren sollen. Ihre Sorgen und Ängste und auch ihr Verzicht und ihr solidarisches Verhalten werden hingegen nicht gesehen bzw. anerkannt.

Was muss sich ändern damit wir eine „Generation Corona“ verhindern können und wie können das DFJW und seine Partner hierzu beitragen?

Jean Petrucci: Es ist noch zu früh, als dass von einer eventuellen „Generation Corona“ die Rede sein könnte. Mit den neuen Perspektiven, die die Impfkampagne eröffnet, bestehen nunmehr reelle Hoffnungen, in den nächsten Monaten aus der Krise zu kommen und ein einigermaßen normales Leben wiederzufinden. Wir wissen noch nicht, ob diese Gesundheitskrise langfristige Auswirkungen haben wird.
Zwei Bereiche erscheinen uns wichtig, um schlimmeren psychischen Schwierigkeiten bei den Jugendlichen vorzubeugen: die Gesundheitssituation sowie die Ausbildung und Unterstützung zur beruflichen Eingliederung der Studierenden. Einerseits beleuchtet die Krise Defizite im Zugang für junge Menschen zu psychischer Betreuung: wenig Personal und schlechte Ausstattung, fehlende Kommunikation über die Bedeutung der mentalen Gesundheit, und daher fehlende Kenntnisse bei jungen Menschen über psychologische Störungen und über Möglichkeiten, Hilfe zu bekommen. Es sind große Anstrengungen nötig, damit junge Menschen heute und in Zukunft Zugang zu qualitativ hochwertiger Betreuung und Pflege bekommen.
Jetzt, wo junge Menschen kaum Perspektiven haben und Schwierigkeiten in Bezug auf Ausbildungen, Praktika und internationale Austauschprogramme befürchten, ist es andererseits entscheidend, diesbezügliche Angebote zu vervielfältigen: Ausschreibungen, Praktikumsangebote, berufliche Erfahrungen und Einstiegsmöglichkeiten. Alle Akteur*innen des universitären und beruflichen Bereichs müssen mobilisiert werden, damit Studierende wieder konkrete Projekte und Zukunftsvisionen entwickeln können.

Antje Funke: Eine „Generation Corona“ oder auch „verlorene Generation“ darf es nicht geben. Es ist unsere Aufgabe als Gesellschaft, das zu verhindern. Wir müssen junge Menschen selbst fragen, was sie brauchen – gerade jetzt in der Corona-Zeit. Was würde ihnen helfen, um besser durch die Pandemie zu kommen? Welche Ideen haben sie dazu? Wir brauchen krisenfeste Strukturen, die ihre Beteiligung und Mitsprache in allen Bereichen – sei es Schule, Kommune, Uni, Bund oder Länder – ermöglichen und absichern. Hier kann sicher auch die Kinder- und Jugendarbeit des DFJW einen Beitrag leisten, in dem sie junge Menschen ermutigt und unterstützt, sich auch grenzüberschreitend in politische Diskurse einzubringen und Gesellschaft mitzugestalten. Zudem sollten wir besonders benachteiligte und marginalisierte Jugendliche unterstützen. Kinder- und Jugendarmut muss endlich wirksam vermieden werden. Es kann nicht sein, dass in Deutschland mehr als jedes fünfte Kind in Armut und damit auch mit schlechteren Chancen für die Zukunft aufwächst. Deshalb brauchen wir eine neue finanzielle Leistung für Kinder und Jugendliche, die Armut vermeidet: eine Kindergrundsicherung in Form eines Teilhabegeldes. Zudem müssen für benachteiligte junge Menschen schnell Maßnahmen entwickelt werden, damit sie nicht aufgrund der Pandemie weiter zurückfallen. Unser Bildungssystem muss so umgebaut werden, dass es allen Chancen eröffnet – unabhängig von ihrer Herkunft. 

 

Der Leitgedanke der Bertelsmann Stiftung lautet „Menschen bewegen. Zukunft gestalten. Teilhabe in einer globalisierten Welt“. Die Programme der Bertelsmann Stiftung sind deshalb darauf ausgerichtet, Menschen zu fördern und die Gesellschaft in ihrer Vielfalt zu stärken. Die Menschen stehen im Mittelpunkt dieser Arbeit. Alle sollen an der zunehmend komplexen Gesellschaft teilhaben können – politisch, wirtschaftlich und kulturell.

Die Fondation FondaMental ist eine Stiftung für wissenschaftliche Zusammenarbeit. Um psychischen Erkrankungen einen Schritt voraus zu sein und die personalisierte Medizin in der Psychiatrie zu fördern, hat sich die Fondation FondaMental vier Ziele gesetzt: die Verbesserung der Frühdiagnose, Versorgung und Prognose, die Beschleunigung der Forschung in der Psychiatrie, die Verbreitung von Wissen und den Abbau von Vorurteilen.