Achtung: diese Seite wurde seit mehr als 6 Monaten nicht mehr aktualisiert. Die Informationen sind nicht mehr aktuell.

In der französischen Theatervorstellung konnte ich fast jeden Dialog mitsprechen. Ich war 2005 schon Expertin für den kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry. Kein anderes Buch hat mich beim Französischlernen so intensiv begleitet. Grund genug, um dieses kleine Heft mit der großen Geschichte genauer anzuschauen.

Den ersten Kontakt mit dem Jungen im blau-roten Umhang und den blonden Haaren hatte ich lange bevor wir das Buch in der Schule analysiert haben. Ich weiß nicht mehr, wer mir das französische Hörbuch geschenkt hat. Ich muss 13 oder 14 gewesen sein. Aber ich weiß noch, wie die Geschichte mit dem Jungen in der Wüste, dem Schaf und der Rose mich Abend für Abend in den Schlaf gesäuselt hat. Damals konnte ich nur ein paar Bruchstücke Französisch. Irgendwann habe ich die deutsche Version des Buches gelesen. Und dann zum Beispiel die Bedeutung des Wortes „baobab“ kennengelernt – und das deutsche Wort Affenbrotbaum gleich mitentdeckt. Neben der Entdeckung wichtiger Vokabeln war das Buch für mich eine schöne Geschichte über Freundschaft. Den Satz „On ne voit bien qu’avec le coeur, l’essentiel est invisible pour les yeux“ habe ich des Öfteren vor mich hingemurmelt.

Als wir das Buch dann in der Schule als Pflichtlektüre gelesen haben, war ich begeistert. Unsere Lehrerin hat mir die Geheimnisse des Buches jenseits der offensichtlichen Hymne auf das Kind im Menschen erklärt. Dass die Affenbrotbäume für den Faschismus in Europa standen, die einen ganzen Planeten sprengen konnten, das hatte ich bei meinen unzähligen Hörabenden nie herausgefunden. Mit der Schulklasse ein Theaterstück des kleinen Prinzen zu besuchen war für mich ein weiteres Highlight. Natürlich habe ich mir im Anschluss an die Vorstellung ein Poster gekauft, dass von dort an mein Kinderzimmer schmückte. Das ist jetzt 10 Jahre her.

Ein kurzer Klick bei Google offenbart, dass der Fankult um den kleinen Jungen mit den weizenblonden Haaren nicht abgenommen hat. Er hat sogar recht sonderbare Auswüchse erreicht. Mittlerweile gibt fast alles mit dem Prinzen: Stühle, Schlafanzüge, Schuhe neben den üblichen Tassen, Stiften und Kühlschrankmagneten.

Beim letzten Spaziergang durch Hamburg habe ich ein Plakat für eine Theatervorführung des kleinen Prinzen gesehen. Kann ich die Dialoge wohl immer noch mitsprechen? Finde ich vielleicht noch eine weitere Ebene der Geschichte? Ob ich wohl einem weiteren Detail eine neue Bedeutung zusprechen kann? Ich fühle mich nicht wie eine der vom kleinen Prinzen beschriebenen „grandes personnes“, die in einer Riesenboa mit Elefant nur einen Hut erkennen. Egal, wie die Theatervorstellung wird, das ist jetzt schon eine schöne Erkenntnis.

Von Hanna verfasst und von Marlène ins Französische übersetzt