Märchen sind sehr alte Geschichten voller Fantasie, Humor oder Liebe, Angst oder Gemeinheit, manchmal mit extremer Übertreibung. Sie sollen dem Publikum gefallen – einer Einzelperson oder einer großen Gruppe. Den Menschen wollen wir (mehr oder weniger offensichtlich) Wissen, moralische Werte oder Lebensweisheiten vermitteln. Das verborgene Wissen in Märchen, das von Generation zu Generation weitergegeben wird, ist für mich die goldene Regel und trägt auch noch heute zur gesellschaftlichen Bildung bei.

Märchen interessieren mich seit jeher. Schon als Kind faszinierte mich diese besondere Form, sich auszudrücken und die Neugierde der Zuhörenden zu wecken. Besonders oft lauschte ich den Geschichten meines Großvaters. Die moralischen Lektionen, die die Geschichten enthalten, aber auch die Art und Weise, wie sich die verschiedenen Charaktere, ob Haupt- oder Nebenfiguren, verhalten und das Schicksal, das sie erleben, reizt mich besonders. Deswegen wusste ich sofort, dass ich Interkulturalität studieren wollte. So konnte ich mich auf das vergleichende Studium westafrikanischer Märchen aus Togo und Benin und mit denen der Brüder Grimm und Charles Perrault aus Frankreich spezialisieren.

Und, was wäre, wenn die Vorstellungen von Kindern durch Märchen Mauern überwinden und Brücken zwischen den Kulturen bauen könnten?

Das ist die große Frage, die wir uns am Anfang gestellt haben … und dann ging es schon auf ins Abenteuer! Mit dem RaConte-Projekt sammeln wir in Deutschland und Frankreich Märchen aus der ganzen Welt. Das Ziel ist ganz einfach: Wir wollen verschiedene kulturelle Gruppen zusammenbringen. Es geht darum, Grenzen zu überwinden und Vorurteile abzubauen, und das auch langfristig. Wir entwickeln ein abwechslungsreiches Märchenbuch, das die Vielfalt unserer Gesellschaften zum Ausdruck bringt.

Das Projekt „RaConte dein Märchen“ richtet sich an Kinder im Alter von 3 bis 11 Jahren und wird im Rahmen des zehnjährigen Bestehens des Netzwerks der DFJW-Juniorbotschafter*innen gefördert. Es richtet sich ohne Unterschiede an Kinder aller Kulturen und soll ihnen die Möglichkeit geben, sich kreativ über die Form des Märchens auszudrücken – erzählen, zeichnen, schreiben. Ihre Geschichten werden dann gesammelt und als zweisprachiger, internationaler Erzählband veröffentlicht.

Zum Auftakt des Projekts werden von uns in den jeweiligen Schulen oder Freizeitzentren Animationsworkshops organisiert und durchgeführt. Das Team besteht aus insgesamt zehn ehemaligen und aktuellen Juniorbotschafter*innen. Es gibt ein Animationsteam, das das Projekt den Kindern an ihren verschiedenen Orten vorstellt, die Durchführung der Workshops erklärt und dann die Geschichten der Kinder sammelt. Die Anzahl der Geschichten ist übrigens begrenzt. Das zweite Team, die Redaktion, kümmert sich um die Übersetzung der gesammelten Märchen in die Fremdsprache, das Layout, die Suche nach Grafikdesigner*innen und vor allem um den Druck.

Es haben bereits mehrere Workshops stattgefunden, einer davon an der Heinrich-Mann-Schule in Dietzenbach. Mit Hilfe meiner Kollegin Emma Maistre wurde ich vom Goethe-Institut Lyon nach Couzon-Mont-d'or eingeladen, um afrikanische und europäische Geschichten zu erzählen und damit die Interkulturalität des Projekts hervorzuheben. Bei diesen verschiedenen Treffen, genauer gesagt an der Heinrich-Mann-Schule, wurde das RaConte-Projekt vorgestellt. Wir diskutierten über Märchen und wie man eigene Geschichten schreibt. Die Kinder waren sehr motiviert und begeistert. Sie konnten ihrer Kreativität freien Lauf lassen.

Wir freuen uns sehr auf den weiteren Verlauf des Projekts.

 

Marcel Codjo Noubouk