1.  DFJW an Dr. Görgen: Am 1. Juli 2020 hat Deutschland den sechsmonatigen Vorsitz im Rat der Europäischen Union übernommen. Sie wollten während diesem Vorsitz den Schwerpunkt auf die Kultur legen, insbesondere durch den Start von Olafur Eliassons Earth Speakr, einer interaktiven Plattform, in deren Mittelpunkt die Nachrichten der Kinder und Jugendlichen stehen. Was sind die Herausforderungen dieses partizipativen Projekts für Deutschland? Und für Europa?

Andreas Görgen: Dieses partizipative Projekt geht heute weit über das hinaus, was wir uns anfangs vorgestellt hatten: Es zeigt, dass kulturelle Prozesse viel wichtiger sind als Produkte. Als DiplomatInnen und Beschäftigte des öffentlichen Dienstes sind wir stolz darauf am Gemeinwohl zu arbeiten – auch und insbesondere während des deutschen Vorsitzes im Rat der Europäischen Union. Und zwar nicht als „Produkt“ oder „Wissen“, sondern als Prozesse des gemeinsamen Ringens – und dann diesen kulturellen Prozessen zu vertrauen. Es ist unsere Aufgabe, Kohärenz, Solidarität und Menschlichkeit als gemeinsame Prozesse fördern.

Kunst im digitalen Raum ist auch eine gute Metapher für Europa. Ebenso wie der digitale Raum ist Europa ja ebenfalls ein Raum, der gestaltet werden muss – und durch die Gestaltung als und mit Kunst Unterschiede als Teil des Gemeinsamen erfahrbar macht. So schafft auch dieses Kunstwerk sichere Räume, in denen man sich nicht ganz mit sich selbst identifizieren muss, sondern sich der Erfahrung des „Anderen“ öffnen kann.

2.  An Olafur Eliasson: Was wollten Sie Jugendlichen mit Earth Speakr vermitteln und welche Rolle können sie bei dem Projekt spielen?

Olafur Eliasson: Für Earth Speakr stellen ich und mein Studioteam und die Experten, die wir in die Gestaltung einbezogen haben, ein Kunstwerk zur Verfügung, das, sagen wir, die Hälfte des Ganzen ausmacht. Ich lade Kinder und Jugendliche aus ganz Europa und der Welt ein, die andere Hälfte des Kunstwerks zu gestalten. Was sie am Ende mit der digitalen Plattform machen, wird letztendlich den Inhalt des Kunstwerks bestimmen. Auf diese Weise ist das Kunstwerk unglaublich offen. Es baut auf einer durch Vertrauen definierten Beziehung auf.

Da Earth Speakr digital ist, kann man überall mit einem Smartphone oder Tablet teilnehmen. Die jungen Menschen sind eingeladen, ihre Sicht auf den Planeten, auf das Klima zu teilen, indem sie ein Statement verfassen, das sie – hier wird der kreative Aspekt betont – auf alles in ihrer Umgebung projizieren können. Sie können Ihre Botschaft also von einem Baum oder einem Apfel, einem Auto oder einer Mülltonne, dem Meer oder dem Himmel sprechen lassen, und das Spannende daran ist, dass Sie diesen Objekten indirekt Mimik und Stimme verleihen. Dieses kleine animierte Kunstwerk kann dann an beliebige Empfänger geschickt werden; ich hoffe, auch an Erwachsene, vorzugsweise an Politikerinnen und Politiker, Vorstandsvorsitzende oder andere Entscheidungstragende, die vielleicht gerade im Begriff sind, eine kurzsichtige Entscheidung zu treffen, und durch die Botschaften ermutigt werden, noch einmal zu überlegen und eine bessere Entscheidung zu treffen. Das Kunstwerk ist ein Verstärker für Kinder und Jugendliche, die sich möglicherweise nicht gehört fühlen, obwohl sie sehr wohl wissen, was mit unserer Erde passiert. Daher auch der Titel Earth Speakr. Tatsächlich spielen junge Menschen doch die Schlüsselrolle, wenn es um die Zukunft unseres Planeten geht.

3.  DFJW an Olafur Eliasson: Was können Kinder und Jugendliche uns Erwachsenen Ihrer Meinung nach beim Kampf für den Umweltschutz beibringen?

Olafur Eliasson: Visionen für eine nachhaltige Zukunft zu entwickeln, mit der man sich identifizieren kann, sollten wir jungen Menschen nicht vorenthalten. Das Leben auf der Erde beruht auf der Koexistenz von Menschen, Tieren, Pflanzen und Ökosystemen. Wir müssen dieses Miteinander anerkennen und die richtigen Maßnahmen ergreifen, um es zu schützen. In den heutigen Debatten über die Klimapolitik ist es entscheidend, dass die Stimmen der nächsten Generation laut und deutlich gehört werden, denn sie sind es, die in der Zukunft leben werden, die wir jetzt nachhaltig prägen.

Persönlich bin ich davon überzeugt, dass Kinder und Jugendliche Experten sind: für das Klima und dafür, wie wir für unseren Planeten sorgen sollten. Meine Generation – ebenso wie die Generationen vor uns – haben sich auf der Suche nach Stabilität und Inspiration für die Zukunft oft an der Vergangenheit orientiert. Doch Kinder und Jugendliche orientieren sich am Heute, am Jetzt, um die Zukunft zu verstehen. Ihnen ist klar, dass unser Handeln konsequent von der Hoffnung geleitet werden muss, unseren Planeten zu einem besseren Ort zu machen: jetzt und in Zukunft. Und in diesem Sinne vertraue ich darauf, dass Kinder als Künstler und als Experten der Zukunft ein Bild unserer heutigen Welt vermitteln, das wir uns allein nicht hätten vorstellen können – ein kollektives Bild, das sich als gemeinsame Zukunft entfalten kann.

Ich bin offen gesagt auf die Leserinnen und Leser dieses Newsletters des Deutsch-Französischen Jugendwerks und auf ihre Familien angewiesen, dass sie Earth Speakr-Botschafterinnen und -Botschafter werden und die Bemühungen und den Ehrgeiz des Auswärtigen Amtes, von Ihnen wie auch von mir und meinem Team, unterstützen, damit das Kunstwerk alle Kinder und Jugendlichen in Europa erreicht. Je mehr Teilnehmende wir erreichen, desto stärker werden unsere kollektiven Zukunftsvisionen ein Spiegelbild der Stimmen der Welt um uns herum sein.

4.  Olafur Eliasson, Sie glauben an die Transformation der Gesellschaft durch Kunst, und Andreas Görgen, Sie sind für die Verbreitung der deutschen Kultur im Ausland zuständig. Welche Rolle kann Ihrer Meinung nach die Kultur im (interkulturellen) Jugendaustausch spielen?

Olafur Eliasson: Was Kunst und Kultur so bedeutsam macht, ist, dass sie für die Betrachterinnen da sind, und nicht zu ihren Lasten. Ich sehe Menschen, die etwa Museen oder Theater besuchen, als Produzenten, nicht als Konsumenten. Kunst und Kultur haben die Fähigkeit, Grenzen zu überschreiten, weil es bei ihnen um Erfahrungen geht, um Staunen, Hinterfragen und Sich-Einbringen. Ich glaube, es ist für jede demokratische Gesellschaft wichtig, über sich selbst und ihre Werte nachzudenken, und Kunst bietet Möglichkeiten, dies zu tun. Diese Selbstreflexion sollte man auch über Grenzen hinweg unterstützen, unter Menschen, Gruppen und Ländern, ob nah oder fern.

Andreas Görgen: Kultur, insbesondere als Prozess gedacht, ist wesentlich für Begegnungen auf Augenhöhe im Jugendaustausch. Und auch darüber hinaus: Das gemeinsame (inter)kulturelle Schaffen junger Menschen ist aus meiner Sicht essentiell für uns alle. Dies zeigt sich auch bei Earth Speakr, denn letztlich stellt dieses Kunstwerk uns Erwachsene auf vor die Herausforderung, uns zu öffnen für die Botschaften der Jugend. Earth Speakr ist ein Kunstwerk für die Jüngeren in Europa, für die, die vielleicht noch nicht so entfremdet sind wie wir Erwachsene, nicht die Trennung zwischen Natur und Mensch noch nicht so verinnerlicht haben. Ich glaube, wir brauchen wirklich dieses Verständnis vom Universellen und wir können hier sicher von den Jüngeren lernen.

Olafur Eliasson: Ich denke, wir sind einer Meinung, dass die vielleicht besten Zukunftsbotschafter diejenigen sind, die selbst die Zukunft sind, nämlich Kinder und Jugendliche, und keineswegs die Erwachsenen. Wenn wir über die Zukunft Europas sprechen – und uns auf das Gemeinsame statt das Trennende konzentrieren –, sollten wir darauf hören, was junge Menschen zu sagen haben. Zugleich erlaubt das Kunstwerk, Meinungsverschiedenheiten zu thematisieren, ohne zu polarisieren und bestimmte Gruppen auszuschließen. Wir haben uns gefragt: Wie lässt sich ein gesamteuropäisches Gemeinwesen gestalten, das wirklich alle einschließt?

5.  DFJW an Dr. Görgen: Der Kultursektor hat in Deutschland, Frankreich und ganz Europa sehr unter der Corona-Krise gelitten. Welche Aktionen, die der deutsch-französischen Zusammenarbeit entspringen, könnten dem Kultursektor helfen?

Andreas Görgen: Um Kulturschaffende in der aktuellen Krise angesichts der weltweiten Pandemie zu unterstützen, bedarf es innovativer, mutiger und zugleich nachhaltiger Lösungen für starke Kulturbeziehungen – zwischen Deutschland und Frankreich, innerhalb der EU und auch zu unseren Partnern in Drittstaaten. Projekte wie Earth Speakr, die kulturelle Nähe ermöglichen, auch über digitale Räume, und die zum Austausch innerhalb einer gemeinsamen, europäischen Öffentlichkeit einladen, sind wesentlich für die Stärkung unserer Kulturbeziehungen. In dieser Richtung möchten wir während der EU-Ratspräsidentschaft voran gehen und zwar gemeinsam mit unseren europäischen Partnern, insbesondere Frankreich.