1.  Am 6. April 2020 haben Sie mit Christophe Arend eine gemeinsame Erklärung „Gemeinsam gegen das Corona. Eine deutsch-französische Initiative für Europa“ veröffentlicht. Sie schrieben: „Wenn die EU in der Krise versagt, wird das Virus die europäische Idee befallen und zerstören“. Wo steht Europa heute im Kampf gegen Covid-19?

Die Gesundheitskrise die wir erleben stellt in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung für die EU dar, auch in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht. Nachdem wir im Frühjahr überrascht wurden, konnten in der Zwischenzeit Mechanismen der Zusammenarbeit, der Verbindungen und ganz konkreter Maßnahmen eingerichtet werden. Ganz konkret, haben sich die gemeinsamen Maßnahmen zur Bekämpfung der COVID-19-Pandemie auf drei klar definierte Ziele konzentriert: Früherkennungsstrategien, Rückverfolgung und Impfstoffe. Diese drei Prioritäten sind wesentlich, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Tatsächlich muss der Gebrauch und die gegenseitige Anerkennung der Früherkennungsstrategien koordiniert und an der Interoperabilität zwischen den Apps gearbeitet werden, um auch die französische App miteinzuschließen und die Quarantänen zu harmonisieren. Schließlich sind wir der Überzeugung, dass die Zusammenarbeit bei der Entwicklung und der Bereitstellung eines Impfstoffes, auf faire Weise und entsprechend der Gesundheitsbedürfnisse der Länder, ebenfalls von entscheidender Bedeutung ist. Vor einigen Tagen konnte die Europäische Kommission einen Vertrag über die Lieferung des Impfstoffs durch die Pharmaunternehmen BioNTech und Pfizer aushandeln, wonach alle Mitgliedstaaten gleichberechtigt Zugang zu dem Impfstoff haben werden. Die Tatsache, dass die Kommission einen Vertrag im Namen aller 27 Mitgliedstaaten ausgehandelt hat, ist ein sehr wichtiges Zeichen.

Die europäische Zusammenarbeit im Bereich Gesundheit wird vor allem durch die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zum Leben erweckt: 150 Millionen Europäer leben in diesen Regionen. Es bestehen starke Verbindungen in diesen grenzüberschreitenden Lebensräumen und es gibt ganz konkrete Formen der Zusammenarbeit, wie zum Beispiel die Aufnahme französischer Intensivpatienten in deutschen Krankenhäusern. Wir haben jedoch noch einiges zu tun, denn die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Bereich Gesundheit muss noch institutionalisiert werden, wie in der letzten Sitzung des Ausschusses für grenzüberschreitende Zusammenarbeit (CCT), gefordert wurde, der sich ebenfalls mit diesen Fragen befasste.

2.  Nach dem deutsch-französischen Vorschlag für einen europäischen Rettungsfonds haben sich die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union im Juli für ein massives Finanzpaket (750 Milliarden Euro) ausgesprochen, um den am stärksten von der Coronakrise betroffenen europäischen Ländern zu helfen. Wie ist die Situation heute, insbesondere im Hinblick auf die Aktionen zugunsten der Jugendlichen?

Am 21. Juli 2020 einigten sich die Staats- und Regierungschefs der europäischen Regierungen auf einen außergewöhnlichen Wiederaufbauplan „Next Generation EU“. Dieser 750 Milliarden Euro schwere Plan wird nationale Programme, in Form von Subventionen und Krediten, finanzieren. Gerade die letzten Tage haben gezeigt, dass die EU auf dem richtigen Weg ist. Die Mitgliedstaaten und das Europäische Parlament haben sich endlich auf den EU-Haushalt für die Jahre 2021 bis 2027 geeinigt, der eine wesentliche Voraussetzung für die Bereitstellung der Hilfen von 750 Milliarden Euro ist.

Bundeskanzlerin Merkel und Staatspräsident Macron haben angekündigt mit einem Teil der Gelder aus dem Wiederaufbaufond auch gemeinsame deutsch-französische Projekte zu finanzieren. Wir Europäer müssen in nachhaltiges Wachstum und in die Zukunftsfähigkeit unseres gemeinsamen Projekts investieren. Ein Leuchtturmvorhaben könnte der Ausbau der Bahnverbindung zwischen Berlin und Paris sein.

Die aktuelle Pandemie mit all ihren Folgen wird unmittelbare Auswirkungen auf die Jugend haben, die unverhältnismäßig stark von der Krise und ihren Nachwirkungen betroffen ist. Tatsächlich werden die Entscheidungen, die wir jetzt treffen, einen starken Einfluss auf das Leben künftiger Generationen haben. Als Ergänzung zu den nationalen Haushalten, wird dieser EU-Haushalt von beispielloser Größe es uns ermöglichen, zu investieren und die Zukunft der kommenden Generationen zu bestimmen. Das europäische Konjunkturprogramm ist der Schlüssel zu Stärkung der Widerstandsfähigkeit und des Wohlstands in der EU, indem es insbesondere den ökologischen und digitalen Übergang unterstützt und dabei gleichzeitig die kommenden Generationen in den Mittelpunkt stellt.

3.  Kürzlich haben Sie angekündigt, dass „die Antwort auf die Krise in der Umsetzung gemeinsamer Strategien und nicht in Grenzbeschränkungen bestehen muss“. Warum ist es so wichtig, dass die Grenzen zwischen unseren beiden Ländern – unter Einhaltung von Quarantäneregelungen – offenbleiben? Was steht bei grenzüberschreitenden Gebieten auf dem Spiel?

Wir setzen auf einen interregionalen Austausch für eine grenzüberschreitende Bekämpfung der Pandemie, denn das Virus macht nicht an den Grenzen halt! Der Weg es wirksam zu bekämpfen, ist zweifellos die Stärkung der Zusammenarbeit im Bereich der Gesundheit: Intensive Abstimmung, Harmonisierung der Früherkennungsstrategien, koordinierte Quarantäneregeln, die Rückverfolgung sowie die Entwicklung und Bereitstellung eines Impfstoffes. Während der ersten Welle und den resultierenden Grenzbeschränkungen zwischen Frankreich und Deutschland wurde deutlich: die Schließung der Grenzen innerhalb Europas bringt für unsere Mitbürger in den grenzüberschreitenden Lebensräumen mehr Probleme als Nutzen.

In unseren Grenzregionen ist das Grenzüberschreitende eben gerade nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Wir leben hier zusammen. Deshalb kann nicht einfach wieder ein Trennungsstrich gezogen werden, ohne dass erhebliche Probleme auftreten. Das betrifft Familien, Pendler, Unternehmer, Kultur - einfach unseren Alltag. Gerade deshalb müssen wir das Virus gemeinsam bekämpfen. Grenzüberschreitende Zusammenarbeit ist nicht etwas für Schönwetterzeiten, sie muss sich gerade in der Krise bewähren. Wir brauchen mehr Verbindungen als Barrieren.

4.  Welche Bedeutung hat es im aktuellen Kontext, wichtige deutschfranzösische und europäische Ereignisse wie die Unterzeichnung des Waffenstillstands am 11. November 1918 zu feiern?

Die Jahrestage des Ersten Weltkriegs genauso wie die des Zweiten Weltkriegs erinnern uns an die Feindschaft der Vergangenheit. Sie sollten uns Mahnung für die Zukunft sein und den Wert deutsch-französischer Freundschaft und europäischer Gemeinsamkeit vor Augen führen: Frieden in Europa ist keine Selbstverständlichkeit, sondern angesichts unserer gemeinsamen Geschichte eine große Errungenschaft. Diese gilt es zu bewahren und weiterzuentwickeln. Auch angesichts der Herausforderungen von heute – wie der Pandemie – ist Dialog und Zusammenarbeit gefragt: Gemeinsam sind wir stärker!

5.  Im Oktober haben Sie gemeinsam im Rahmen eines digitalen Entdeckungstages des DFJW vor 180 Jugendlichen aus Deutschland und Frankreich die Grundlagen der deutsch-französischen parlamentarischen Zusammenarbeit vorgestellt. Was ist die Botschaft, die Sie jungen Menschen in Deutschland, Frankreich und Europa vermitteln möchten?

Wir durchleben eine schwierige Zeit, die wir nur gemeinsam überwinden können. Bleibt solidarisch und geeint, aber bleibt auch neugierig und interessiert euch weiterhin für die Kultur und die Sprache des anderen. Die heutigen technischen Mittel ermöglichen es uns, den Austausch, die Begegnungen und Debatten durch Seminare, Austausche und Online-Veranstaltungen gemeinsam fortzusetzen. Nutzt diese Gelegenheit, beteiligt Euch aktiv an den Debatten über die Zukunft der deutsch-französischen und europäischen Beziehungen, denn es ist unser aller Zukunft.