Das Saarland und Frankreich sind eng miteinander verbunden, aber die Corona-Krise hat Spuren in der Grenzregion hinterlassen. Was erwarten Sie von der neuen Bundesregierung für die deutsch-französische Zusammenarbeit, um die Folgen der Pandemie zu bewältigen?

Christine Streichert-Clivot: Wir sind im Saarland der festen Überzeugung, dass der Gedanke des Élysée-Vertrages, die deutsch-französische Freundschaft, auch 58 Jahre nach Unterzeichnung jeden Tag mit Leben gefüllt werden muss. Wir leben seit Jahrzehnten vor, dass Grenzen zwischen Staaten im Lebensalltag der Menschen nicht mehr wahrnehmbar sein müssen. Die Einreisebeschränkungen aus Berlin haben uns während der Corona-Pandemie in der Großregion vor enorme Probleme gestellt. Für viele kam das einer faktischen Grenzschließung gleich. Das waren schmerzhafte Trennungserlebnisse für die Menschen, die ansonsten täglich die Grenze passieren und hat für viel Unverständnis gesorgt. Die Pandemie und auch der Brexit haben uns noch einmal vor Augen geführt, wie verletzlich der europäische Gedanke der Freizügigkeit eigentlich ist. Darauf können wir nur mit einer noch stärkeren Zusammenarbeit, noch mehr Austausch und einer noch größeren Selbstverständlichkeit beim Überqueren von Landesgrenzen reagieren. Der Bereich der Bildung und Kultur spielt dafür natürlich eine wichtige Rolle.

Gleichzeitig sollten wir auch nicht übersehen, wie tief die Verbundenheit hier in der Grenzregion auch während der Krise war. Es gab eine große grenzüberschreitende Solidarität. Im Saarland haben wir Patientinnen und Patienten behandelt, für die jenseits der Grenze keine Behandlungskapazitäten mehr zur Verfügung standen. Wir haben alles dafür getan, weiterhin Menschen ihren Arbeitsweg zu ermöglichen und das Recht auf Bildung der Schülerinnen und Schüler gesichert, unabhängig davon ob sie hier wohnen, in Frankreich oder Luxemburg. Wir haben stets Lösungen gefunden, weil wir diese Form der Trennung einfach nicht hinnehmen wollten. Europa ist, was wir daraus machen. Das muss auch die neue Bundesregierung sehen und entsprechend handeln. Faktische Grenzschließungen darf es nicht mehr geben. Stattdessen sollte der Austausch und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit gefördert werden. Gerade bei der Bildung und der Kultur gibt es dafür gute, verbindende Ansatzpunkte.

Die Akademie Straßburg und Deutschland pflegen enge Beziehungen. Dennoch hat die Corona-Krise den Austausch in der Grenzregion erheblich verändert. Wie lassen sich Schüler*innen wieder für Mobilität begeistern, damit sie von einer interkulturellen Erfahrung profitieren und die deutsch-französischen Beziehungen erleben?

Elisabeth Laporte: Die Corona-Krise hat den Gruppenaustausch und Begegnungen zwischen Schüler*innen zum Erliegen gebracht. Allerdings ist der Kontakt weder zwischen den Schulbehörden noch zwischen den Schulen selbst zu keiner Zeit abgebrochen. Die Lehrer*innen nutzten digitale Tools – darunter die Tele-Tandem-Plattform des DFJW, um gemeinsame Projekte fortzusetzen.

Die geografische Nähe des Elsass zu Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und zur Schweiz erleichtert die Mobilität und den Austausch mit unseren deutschsprachigen Partnern. Aktuell nehmen Schulbegegnungen und deutsch-französische Projekte wieder Fahrt auf. Sie können an einem Tag stattfinden oder hybrid umgesetzt werden. Die Menschen wollen sich treffen. Das zeigt sich in den Förderanträgen – sei es für Begegnungen oder für kultur- und berufsbezogene Projekte und Aktionen –, die seit Beginn dieses Schuljahres gestellt wurden. Mit dem gemeinsamen Fonds der Gebietskörperschaften und der Regierung und dank der Unterstützung des DFJW können wir diese Projekte fördern.

Die Schulbehörden auf beiden Seiten des Rheins arbeiten zusammen, um grenzüberschreitende Aktionen für Schüler*innen aus Deutschland und Frankreich auf den Weg zu bringen. Bei gemeinsamen Kunst-, Kultur- und berufsbildenden Projekten, Aktionen zur Erinnerungskultur und Initiativen zur politischen Bildung kommen junge Menschen zusammen. Dies ist insbesondere dank einer Absichtserklärung möglich, die im Januar 2021 gemeinsam mit dem Europäischen Parlament, dem Landtag von Baden-Württemberg und der Europäischen Gebietskörperschaft Elsass unterzeichnet wurde.

Im Saarland ist das Erlernen der Sprache des Nachbarlandes und die Begegnung mit Frankreich eine Selbstverständlichkeit. Wie beurteilen Sie die Situation des Französisch-Unterrichts und des deutsch-französischen Schulaustauschs?

Christine Streichert-Clivot: Das Saarland hat einen Anteil von über 41 Prozent aller Élysée-Kitas in Deutschland. Wir haben bei unseren bilingualen Kitas bundesweit die höchste Dichte an zweisprachigen Einrichtungen. Mehr als die Hälfte aller saarländischen Kitas arbeitet zweisprachig und rund 20 Prozent aller zweisprachigen Einrichtungen in Deutschland befinden sich im Saarland.

Mehrsprachigkeit ist im Saarland durch die enge Vernetzung mit Frankreich gelebter Alltag. Aus dieser Vernetzung entstand auch der Impuls zur Frankreich-Strategie. Die Landesregierung hat damit vor 6 Jahren ehrgeizige Ziele definiert. Eines dieser Ziele ist, Französisch innerhalb einer Generation zur zweiten Umgangs- und Bildungssprache zu entwickeln.

Wir wollen aber nicht allein Französisch fördern. Mir geht es auch um die Wertschätzung der unterschiedlichen Herkunftssprachen, die wir im Saarland haben. Unsere Gesellschaft ist inzwischen sehr vielfältig und das sollten wir als Chance begreifen. Sowohl die Förderung der deutschen Sprache als auch der Herkunftssprachen sind deshalb wichtige Säulen unserer Mehrsprachigkeitsstrategie im Saarland. Gerade der herkunftssprachliche Unterricht ist ein wichtiger Baustein zur Förderung von Mehrsprachenkompetenz saarländischer Schülerinnen und Schüler. Er bietet ihnen die Möglichkeit, die Verbindung zur Sprache und Kultur ihres Herkunftslandes bewusst aufzubauen und zu stärken. Unabhängig von ihrem Alter, ihrer Herkunft und ihrem soziokulturellen Hintergrund trägt er so zu Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit bei. Die Kenntnisse und Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund in ihrer Herkunftssprache verdienen Anerkennung, Wertschätzung und Förderung. 

Klar ist, dass Frankreich und Luxemburg als unsere direkten Nachbarn besonders im Fokus stehen. Während der Pandemie haben natürlich Begegnungen zwischen Schulen und Kitas, aber auch bilinguale Berufsausbildungen gelitten. Gerade Kinder und Jugendliche haben von allen Bevölkerungsgruppen die größten Einschränkungen hinnehmen müssen. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir alte Selbstverständlichkeiten wieder aufblühen lassen können. Es gibt im Saarland einen großen Nachholbedarf an allem, was in den letzten Monaten nicht möglich war. Dazu wird auch der private, schulische, kulturelle und berufliche Austausch gehören.

Dank der Nähe zu Deutschland spielt das Erlernen der Sprache des Partnerlandes in der Region Grand Est eine wichtige Rolle. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation der Schullandschaft in der Akademie Straßburg?

Elisabeth Laporte: Die Akademie Straßburg gehört zum Schulaufsichtsbezirk der Region Grand Est. Deutsch gilt dort als Regionalsprache. Das erklärt auch, warum die Akademie Deutschunterricht, Zweisprachigkeit und Mobilitätsmaßnahmen mit deutschsprachigen Ländern fördert. Schüler*innen aller Jahrgangsstufen haben dort die Möglichkeit, Deutsch zu lernen.

In der Grundschule gibt es für fast alle Schüler*innen Deutschunterricht. Sie können zwischen zwei Angeboten wählen:

  • Schwerpunktsprache Deutsch: Fast 78 % der Schüler*innen haben wöchentlich 3 Stunden Deutschunterricht (verglichen mit 1,5 Stunden Fremdsprachenunterricht auf nationaler Ebene) vom Kindergarten bis zur 5. Klasse.
  • Zweisprachiger deutsch-französischer Zweig: Er hat sich seit seiner Einführung im Jahr 1992 kontinuierlich weiterentwickelt. Zu Beginn des Schuljahres 2021 besuchen 19,5 % der Grundschüler*innen diesen bilingualen Zweig.

In der Sekundarstufe 1 (Collèges) besteht das zweisprachige Angebot aus 4 Stunden spezifischem Deutschunterricht und mindestens zwei Fächern, die auf Deutsch unterrichtet werden (Mathematik, Geschichte, Musik, Bildende Kunst, Erdkunde, Physik und Chemie, Technik, Sport). Pro Jahrgangsstufe kann es zwischen 4 und 9 Stunden Deutschunterricht geben.

  • 85 von 148 öffentlichen Collèges (58,2 % der Collèges) und
  • 8 der 24 unter Vertrag stehenden privaten Collèges (33,3 %) bieten zweisprachigen Unterricht an.
  • Derzeit lernen etwa 7.300 Schüler*innen in diesen Bildungsgängen.

In der Akademie Straßburg gibt es 18 weiterführende Schulen der Sekundarstufe 2 (Lycées), die das AbiBac anbieten; davon sind 16 öffentlich und 12 in privater Trägerschaft. Es handelt sich um die größte Anzahl an Lycées mit diesem Doppelabschluss in ganz Frankreich. Im Jahr 2021 besuchen 1.559 Schüler*innen den bilingualen Zweig, was einem Drittel aller AbiBac-Schüler*innen in ganz Frankreich entspricht.

Grundlage für das AbiBac ist eine Partnerschaft zwischen zwei Schulen aus Deutschland und Frankreich: 11 mit unseren benachbarten Bundesländern (9 mit Baden-Württemberg, 2 mit Rheinland-Pfalz) und 7 mit anderen Bundesländern.

Im berufsbildenden Bereich wurde zu Beginn des Schuljahres 2014 das Projekt Azubi-BacPro vom Ministerium für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg und der Akademie Straßburg ins Leben gerufen. Damit können Auszubildende aus Deutschland und Berufsschüler*innen aus Frankreich zusätzlich zu ihrem deutschen oder französischen Ausbildungsabschluss eine von beiden Bildungsbehörden unterzeichnete Bescheinigung über die berufliche Befähigung erhalten. Für Azubi-BacPro muss es eine Partnerschaft zwischen zwei Berufsschulen aus Baden-Württemberg und der Akademie Straßburg geben. Neun Berufsschulen aus Frankreich beteiligen sich bereits an diesem Programm.

Nicht zu vergessen ist die Eröffnung des Deutsch-Französischen Gymnasiums zu Beginn des Schuljahres 2021 in Straßburg. Es handelt sich um das zweite Gymnasium dieser Art in ganz Frankreich mit zwei 6. Klassen. Die Vielfalt des Elsass, die natürlich auch mit seiner geografischen und kulturellen Nähe zu Deutschland zu tun hat, macht ein innovatives Bildungsmodell möglich. Schüler*innen aus Deutschland und Frankreich können in einer Klasse dauerhaft gemeinsam lernen.

Das geht nur, weil: 

-      viele Schüler*innen unterschiedlicher Herkunft – deutschsprachige, französischsprachige, bikulturelle und Schüler*innen mit verschiedenen Familiensprachen – sind,

-      wir dies- und jenseits der Grenze starke Bildungs- und Berufslaufbahnen auf Deutsch und Französisch haben,

-      wir über ein breites Spektrum an Mobilitätsmaßnahmen und -projekte verfügen,

-      wir bereits auf zahlreiche Partnerschaften in allen Bildungsbereichen zurückgreifen können,

-      wir europäische Institutionen, internationale Programme und eine europäische Denkhaltung haben. 

Das integrative Modell spiegelt sich in der Pädagogik wider. Ziel ist es, allen motivierten Schüler*innen – unabhängig von ihren Erstsprachen – eine mehrsprachige und multikulturelle Schullaufbahn zu ermöglichen.

Das ist ein ehrgeiziges Projekt. Die Bildungsbehörden in Deutschland und Frankreich machen es möglich. Gleichzeitig können wir auf die Unterstützung der Gebietskörperschaften und Bundesländer in der Grenzregion zählen.

Die Krise hat auch die Digitalisierung in den Schulen beschleunigt. Wie beurteilen Sie diesen Wandel und wie können digitale Begegnungsmöglichkeiten den Austausch der Schüler*innen und Lehrer*innen erleichtern?

Christine Streichert-Clivot: Insbesondere für Schülerinnen und Schüler, die von geschlossenen Schulen und Grenzen betroffen waren, war der digital gestützte Unterricht, das Lernen von zuhause, enorm wichtig. Nicht nur wegen des sonst verpassten Lernstoffs, sondern weil das auch Begegnungen ermöglichte, wo sonst nur Abstand möglich war. Auch in der Krise gab es hervorragende internationale Projekte, zum Beispiel im Rahmen von ERASMUS+. Hier wurde viel über digitale Kanäle zusammengearbeitet. Der digitale Austausch ersetzt natürlich nicht das Eintauchen in die Kultur des anderen mit allen Sinnen, wie wir es vom Schüleraustausch kennen. Die Digitalisierung schafft in Schulen aber viele neue Möglichkeiten und wir treiben den Ausbau der digitalen Bildung mit Hochdruck voran.

Elisabeth Laporte: Tatsächlich hat die Pandemie die Art und Weise, wie Menschen sich während der Corona-Krise treffen, verändert. Sie hat auch dazu geführt, dass Lehrer*innen digitale Plattformen nutzen. Zu diesem Zweck stellten die akademischen Dienste im Rahmen von nationalen oder grenzüberschreitenden Fortbildungsmaßnahmen Weiterbildungsprogramme zur Verfügung. Auch das DFJW unterstützte die Lehrerschaft mit entsprechenden Angeboten.

Schon vor der Pandemie hatte die Region Grand Est im September 2019 alle Schüler*innen an Lycées mit Computern ausgestattet. So war die virtuelle Kommunikation mit Schulklassen in Deutschland einfacher, sobald die Lehrer*innen für die Nutzung der Plattformen geschult waren. Aber auch Lehrkräfte an Collèges und Grundschulen stellten interaktive Projekte auf die Beine.

Die vermehrte Nutzung digitaler Werkzeuge wird sich zweifellos auf künftige Mobilitätsprojekte auswirken. Die Qualität des Austauschs und der Begegnungen kann durch die Kombination von virtuellen Kontakten vor und nach dem persönlichen Treffen verbessert werden. So lässt sich das „Sprachbad“ über die gemeinsam verbrachte Zeit hinaus verlängern.