Deutschland wählt in wenigen Tagen: Wie beurteilt die bpb im Kontext der Bundestagswahl die Herausforderungen der politischen Bildungsarbeit in Deutschland?

Thomas Krüger: In diesem Superwahljahr konnten wir vor allem zu Wahlkampfzeiten immer wieder gezielte Desinformationskampagnen und die Verbreitung von Fake News beobachten. Daher ist es in der politischen Bildungsarbeit unabdingbar, Informationen bereitzustellen und zu zeigen, wie man Fake News erkennt und mit ihnen umgeht. Aber um die Verbreitung zu bekämpfen, müssen wir alle Teile der Gesellschaft erreichen und sie mit passenden Informationsangeboten ausstatten. Dabei ist auch wichtig: Zu politischer Bildung gehört nicht nur, Inhalte zu vermitteln. Es geht auch darum, den Menschen das Handwerkzeug zu reichen, damit sie selber zu Akteuren werden. Das kann bedeuten, dass jemand eine dubiose WhatsApp-Nachricht löscht anstatt sie weiter zu leiten. Aber auch, sich zu entscheiden am 26. September ins Wahllokal zu gehen.

Die Regionalwahlen im Juni waren gekennzeichnet von einer Stimmenthaltung auf Rekordniveau, gleichzeitig hat der Wahlkampf für die Präsidentschaftswahlen begonnen. Wie bewerten Sie beim Verein EVEIL die politische Bildung von jungen Menschen in Frankreich?

Andrée Sfeir: Politische Bildung findet zunächst in der Familie statt. In Frankreich übernehmen die Schulen diese ganz wesentliche Aufgabe. Junge Menschen erfahren politische Bildung auch in ihrem dritten Lebensabschnitt, in Städten, Jugend- und Sportvereinen usw.

Allerdings leben wir heute in einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft. Und während wir Zeugen eines Autoritätsverlusts von Eltern und Institutionen sind, ist Kommunikation im Leben von Kindern und Jugendlichen allgegenwärtig und nimmt im beispiellosen Maße zu. In diesem Kontext wird politische Bildung natürlich noch komplexer.

Eltern haben es nicht leicht. Viele brauchen Hilfe, wie der Bericht „Les 1000 premiers jours“ (Die ersten 1000 Tage) vom September 2020 zeigt. Es ist wichtig, darauf zu reagieren und über bestehende Erziehungshilfen zu informieren, damit Eltern ihre Rolle wieder wahrnehmen und ihrer Verantwortung gerecht werden können. Sie sind die ersten, die Kindern und Jugendlichen politische Bildung vermitteln. In der Familie formt das Kind seine soziale und kulturelle Identität. Dort werden die Grundlagen für Umgangsformen und für das Zusammenleben gelegt.

In der Schule geht es um das Leben in der Gemeinschaft und um eine gemeinsame Basis. Lehrer*innen erklären – aufbauend auf verschiedenen kulturellen Traditionen – die Regeln der Republik Frankreich und die Grundsätze, die unsere Gesellschaft zusammenhalten. So begleiten sie junge Menschen beim Aufbau ihres staatsbürgerlichen Bewusstseins.
Aufgabe von EVEIL ist es, junge Menschen für ihre Rolle als Bürger*in zu sensibilisieren. In der Schule ersetzen unsere Referent*innen weder Eltern noch Lehrer*innen. Es handelt sich um außenstehende Personen und Fachleute, die ein offenes Ohr für junge Menschen haben und Räume für Diskussionen und Debatten schaffen. Im Unterricht helfen sie ihnen, Alltagssituationen zu entschlüsseln und ihre Gefühle besser zu benennen, wie zum Beispiel auf die Frage „Habe ich Ungerechtigkeit oder Diskriminierung erlebt?“ Sie zeigen junge Menschen auch Möglichkeiten für freiwilliges Engagement in der Schule oder in ihrer Stadt auf, etwa als Umweltbeauftragte*r, Mitglied in einem Verein oder in Jugendräten usw. Wir wollen das Konzept der aktiven Bürgerschaft konkret und lebbar machen. Dieses Konzept wird vor allem von den europäischen Instanzen und vom Europarat getragen, um die Demokratie in Europa mit Leben zu füllen. Aktive Bürgerschaft bedeutet, die Einzelperson dazu zu bringen, sich selbst zu hinterfragen, analytische und kritische Ansätze zu verfolgen, die Menschen zu informieren und sie an allen Themen, über die sie selbst bestimmen können, zu beteiligen und ihr Engagement zu fördern.

In Frankreich wollen sich viele junge Menschen engagieren. Ihre Wahlbeteiligung ist jedoch gering. Das ist eine große Herausforderung. Deshalb braucht es eine nationale Anstrengung für politische Bildung junger Menschen, an der sich die Jugend, die Zivilgesellschaft und die Medien beteiligen.

Die bpb und das DFJW haben im Sommer 2021 ein gemeinsames deutsch-französisches Förderprogramm für politische Bildungsarbeit entwickelt. Was erhoffen Sie sich von diesem Angebot für die Trägerlandschaft in Deutschland, Frankreich und Europa?

Thomas Krüger: Die dreijährige länderübergreifende Kooperation zwischen uns, der bpb, und dem Deutsch-Französischem Jugendwerk soll nicht nur die politische Partizipation in Deutschland und Frankreich erhöhen, sondern die gesamteuropäische Demokratie stärken. Insbesondere im Kontext der Bundestagswahl 2021 und der Präsidentschaftswahl 2022 in Frankreich wollen wir junge Menschen aktiv ins politische Geschehen holen. Die europäische Zukunft wird von dieser Gesellschaftsgruppe bestimmt. Ihre Teilhabe und ihr Engagement tragen die europäische Demokratie über Grenzen hinweg.

Wie lässt sich die politische Bildung junger Menschen in Europa mit zivilgesellschaftlichen Projekten fördern?

Andrée Sfeir: EVEIL organisiert Workshops und Vorträge in Schulen zum Thema nachhaltige Entwicklung und Umweltbewusstsein. In der Schule tragen spielerische, dynamische Workshops dazu bei, Kinder von klein auf an kritisches Denken heranzuführen und dies zu entwickeln. Kunst und Experimente bieten sich hier besonders an. Die Kinder denken über ihre Entscheidungen nach, sie entwickeln umweltfreundliche Verhaltensweisen und ein ökologisches Bewusstsein.

Der Arbeitsschwerpunkt von EVEIL ist die Bildung zur europäischen Staatsbürgerschaft. Wir organisieren Begegnungen zwischen jungen Europäer*innen aus verschiedenen Ländern. Ihre Neugierde und ihr gegenseitiges Zuhören zeigen bereits den Wert dieser zivilgesellschaftlichen Projekte. Bei den Begegnungen werden Stereotype widerlegt. Der Austausch unter Gleichgesinnten ist spannend und vertrauensvoll; er lässt alle Teilnehmenden träumen und stellt sie gleichzeitig vor Herausforderungen.

Seit 2015 und den Anschlägen auf Charlie Hebdo organisiert EVEIL jährlich einen Videowettbewerb zum Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung. Die Fähigkeit junger Menschen, sich in diesem Medium auszudrücken, ist überwältigend. Ihre Videos treffen den Nagel auf den Kopf. Sie zeigen, wie sehr jungen Menschen die Demokratie am Herzen liegt. 2021 spiegeln die von ihnen gewählten Themen diese enge Verbundenheit wider. Einige Beispiele: Anprangerung von Hassreden, Computer-Hacking und journalistische Meinungs- und Ausdrucksfreiheit, poetische Hommage an die Freiheit und an Paul Eluard usw.

Wie können junge Menschen noch stärker in die demokratische Teilhabe eingebunden werden und welches Angebot richtet die Bundeszentrale direkt an junge Menschen?

Thomas Krüger: Um junge Menschen aktiv in politische Prozesse einzubinden, muss der Fokus der politischen Bildungsarbeit auf der Ebene der jungen Erwachsenen selbst liegen. Welche Themen beschäftigen sie momentan? Welche Formate und Kanäle sind beliebt und warum? Wir wollen unser Angebot in Zusammenarbeit mit ihnen erarbeiten. Darum arbeiten wir mit aktuellen Trends und Social-Media-Creator/-innen zusammen. Durch diese Zusammenarbeit können wir flexibel und authentisch bleiben und niedrigschwellig über politische Inhalte informieren. Insbesondere im diesjährigen Superwahljahr haben wir viele unserer Angebote direkt auf diese Zielgruppe ausgerichtet. Als Beispiele: In der YouTube-Reihe „ABDELKRATIE goes wählen“ informieren zwei Comedians spielerisch über das deutsche Wahlsystem und bei „GenZ meets Wahlen“ hat Animationsfilmer darkviktory sechs Kurzvideos zur Bundestagswahl produziert. Natürlich erreicht auch der Wahl-O-Mat, unser bekanntestes Tool, junge Menschen. Auch deswegen, weil Jungwähler/-innen bei der Entstehung des Wahl-O-Mat maßgeblich beteiligt sind!

Welche Ratschläge gibt EVEIL, damit sich mehr junge Menschen aktiv an der Zivilgesellschaft beteiligen?

Andrée Sfeir: Junge Menschen leben allzu oft in einem Klima der Gewalt. Sie fühlen sich weder ausreichend geschützt noch geschätzt. Jugendliche haben das Gefühl, dass man ihnen nicht zuhört. Und auch die Medien neigen manchmal dazu, Jugend mit Kriminalität gleichzusetzen. Erwachsene müssen wieder Vertrauen aufbauen.

Junge Menschen engagieren sich für viele gesellschaftliche Belange: für den Schutz unseres Planeten und der Biodiversität sowie für humanitäre Aufgaben. Bei Politik sind sie im Allgemeinen eher zurückhaltend. In Anwendung der Kinderrechtskonvention fordert EVEIL das Recht auf Information für junge Menschen ein. Außerdem empfehlen wir, junge Menschen stärker in das öffentliche Leben einzubeziehen und ihren Beitrag wertzuschätzen.

Die Frage, ob es uns gelingt, alle jungen Menschen auf dem Weg zu einer aktiven Bürgerschaft zu begleiten, geht uns alle an. Die Zukunft unserer Demokratien hängt davon ab.