Welches Signal möchten Sie in diesem Sommer an junge Menschen senden und was sind Ihre Pläne für die kommenden Monate?

Prof Dr. Jens Schubert
: Selbstverständlich wünschen wir uns, dass junge Menschen nach monatelangen Einschränkungen wieder reisen und in der Begegnung mit anderen jungen Menschen aus Frankreich sowie anderen Ländern neue, inspirierende Erfahrungen machen können. Die Pandemie hat uns gelehrt, dass es in Krisensituationen einen kreativen und innovativen Geist braucht, um gesellschaftlichen Herausforderungen erfolgreich zu begegnen. Auch der Jugendaustausch öffnet diesen Raum, in dem junge Menschen in einem geschützten Rahmen Neues ausprobieren und ihre eigenen Grenzen überwinden können. Die AWO und die Jugendwerke der AWO möchten jungen Menschen in diesem Jahr ermöglichen, dort wo es die pandemische Lage zulässt, wieder an deutsch-französischen und trilateralen Jugendbegegnungen teilzunehmen. Wir möchten aber auch zeigen, dass die Begegnung mit jungen Menschen aus anderen Ländern auf viele Arten möglich ist. Daher ermutigen wir sie, auch Angebote für digitale und hybride Projekte wahrzunehmen. In diesen Formaten treffen sich die Teilnehmenden im Rahmen eines reinen Online-Treffens oder alternativ in jeweils nationalen Gruppen über Videokonferenzen mit der Partnergruppe aus Frankreich. Auch dieser digitale Jugendaustausch kann interaktiv, kreativ und persönlich sein! Denn er verbindet junge Menschen, die durch Corona voneinander getrennt sind. Wir wollen also dort, wo direkte Begegnungen wieder möglich sind, junge Menschen zusammenbringen. Zugleich wollen wir digitale Formate schaffen, in denen die Jugendlichen erfahren, dass sie das Trennende virtuell überwinden können, wenn sie persönliche Erfahrungen miteinander teilen.

Eric Favey: Die Jugend ist von der Krise besonders betroffen. Nach Monaten der Isolation, der Schulschließungen und der Prekarität für die meisten Kinder und Jugendlichen, suchen junge Menschen nun nach Sinn und Offenheit in der „Post-Covid-Welt“. Während des gesamten Lockdowns hat La Ligue de l'enseignement jungen Menschen Bildungskontinuität und Möglichkeiten zu Engagement angeboten, insbesondere mit der Einrichtung von digitalen Plattformen und Online-Aktivitäten (Spiele, Podcasts ...). Unser Signal an die Jugend: Ihr seid nicht allein, Solidarität muss weitergehen. Die Welt von morgen liegt in ihren Händen! Für die nächsten Monate hoffen wir, dass Mobilitätsprogramme wiederaufgenommen werden, damit sich junge Menschen aus verschiedenen Ländern wieder treffen und andere Kulturen erleben können.

Wie sind Sie mit den Herausforderungen des letzten Jahres umgegangen und welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Jugendaustausch zwischen Deutschland und Frankreich?

Prof. Dr. Jens Schubert
: Die Corona-Pandemie hat den gesellschaftlichen Zusammenhalt auf eine harte Probe gestellt, nicht nur in Deutschland, auch in Frankreich, in Europa und in der Welt. Der deutsch-französische Jugendaustausch ist für uns als AWO Ausdruck gelebter Freiheit, Toleranz und Solidarität und daher gerade in Zeiten der Krise von größter Bedeutung. In den Projekten entdecken junge Menschen sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten. Sie erleben im Kleinen, was europäische Identität bedeutet und welchen Mehrwert gemeinschaftliche Lösungen für gemeinsame Herausforderungen haben. Diese Themen bleiben für junge Menschen im Jugendaustausch nicht abstrakt, sondern werden konkret nachvollziehbar. Als der Jugendaustausch im letzten Jahr nahezu völlig zum Erliegen kam, haben wir diejenigen unterstützt, die diese Projekte überhaupt erst ermöglichen: die engagierten Kolleginnen und Kollegen aus den Einrichtungen der AWO und der Jugendwerke der AWO, die jedes Jahr deutsch-französische und trilaterale Jugendbegegnungen organisieren. Ohne die tiefe Freundschaft, die gemeinsamen Werte und die langjährige Kooperation, die uns mit unseren französischen Partnerverbänden wie La Ligue de l‘enseignement und Les Francas verbindet, gäbe es die Jugendbegegnungen in unserem Verband nicht und junge Menschen könnten diese Erfahrungen nicht machen. Daher haben wir die Projektträger ermutigt, den Kontakt mit ihren Partnerorganisationen in Frankreich zu halten: um ihre Freundschaft zu pflegen und ihre Erfahrungen in der Krise zu teilen. Aber auch um die Austauschprojekte wieder aufzugreifen, sobald die Lage es zulassen würde.

Weil die deutsch-französische Freundschaft für uns so wichtig ist, sind wir neue Wege gegangen: Wir haben die Chancen und Grenzen des digitalen und hybriden Jugendaustausches geprüft, neue Arbeitshilfen für die Projektträger entwickelt und zu den Corona-bedingten Förderregularien des Deutsch-Französischen Jugendwerks beraten. Die deutsch-französische Zusammenarbeit war und ist für uns weiterhin ein wichtiger Motor für kreative Ideen und innovative Lösungen.

Eric Favey: Das letzte Jahr war geprägt von Anpassungen, aber auch von Innovationen. Wir mussten uns vielen Herausforderungen stellen, die mit der Schließung von Schulen und unseren Ferienzentren verbunden waren. Gleichzeitig wurden viele Aktivitäten in Kunst, Kultur und Sport heruntergefahren oder ausgesetzt ... Außerdem hat sich der digitale Wandel, der in unserem Netzwerk bereits begonnen hatte, aufgrund der Corona-Krise 2020 zu einem Schwerpunkt entwickelt. Dieser Wandel hat sich auch auf unsere deutsch-französische Arbeit ausgewirkt, da wir uns teilweise für digitale oder hybride Begegnungen entschieden haben. Dieses Format mag in Bezug auf Inklusion an seine Grenzen stoßen, aber es hat auch einen echten Mehrwert: Wir können so Alternativen schaffen und die Kontakte zwischen unseren Jugendlichen und Organisationen aufrechthalten.

In Zeiten geschlossener Grenzen in Europa – eine Entscheidung, die insbesondere den Rückzug auf sich selbst und zunehmenden Nationalismus begünstigt – ist der deutsch-französische Austausch von ganz besonderer Bedeutung. Er sensibilisiert junge Menschen für Interkulturalität und Begegnung mit dem Anderen. Außerdem vermittelt der Austausch die Vision eines solidarischen und offenen Europas. Die deutsch-französische Freundschaft ist eine treibende Kraft, wenn es um eine dynamische Zusammenarbeit im Jugendbereich geht. La Ligue de l'enseignement pflegt zudem enge Verbindungen zu deutschen Organisationen wie der AWO, dem Centre Français de Berlin, den Internationalen Jugendgemeinschaftsdiensten, der Brandenburgischen Sportjugend und der Deutschen Sportjugend.

Bei La Ligue de l'enseignement selbst haben wir daher die notwendigen Mittel bereitgestellt, um eine deutsch-französische Dynamik aufrechtzuerhalten – und das trotz eines plötzlichen und anhaltenden Stopps von Mobilitätsprogrammen. Unsere Bilanz für 2020 bleibt positiv. Trotz der kontextbedingt geringen Anzahl an umgesetzten Projekten konnten wir – dank des regelmäßigen Kontakts mit dem DFJW – laufende Projekte anpassen und gleichzeitig finanzielle Einbußen begrenzen, die uns aufgrund von teilweise oder kompletten Projektausfällen entstanden sind.

Wie kann außerschulische Jugendarbeit in Europa eine „Generation Corona“ vermeiden?

Prof. Dr. Jens Schubert
: Die Corona-Pandemie hat gerade bei Kindern und Jugendlichen Spuren hinterlassen. Expertinnen und Experten bestätigen, dass bei Kindern und Jugendlichen die Gefühle von Einsamkeit und Hilflosigkeit zugenommen haben und psychische Erkrankungen vermehrt auftreten. Die außerschulische Jugendarbeit ist ein Ort der non-formalen Bildung, der junge Menschen in ihrer persönlichen Entwicklung stärkt, ihre Fähigkeiten fördert und Freiräume für ihre Interessen und Partizipation gibt. Daher ist die außerschulische Jugendarbeit gerade jetzt von großer Bedeutung für das Wohlbefinden junger Menschen. Ein Auslandsaufenthalt ist für sie häufig ein besonderer Meilenstein auf ihrem Lebensweg. Alle jungen Menschen sollten die Chance auf eine solche Erfahrung haben. Dafür setzen wir uns als AWO ein! Jugendbegegnungen sind ein wichtiger Lernort für die interkulturelle und sprachliche Bildung, weil die Erlebnisse und das dort Gelernte emotional stark verankert werden. Studien haben bereits gezeigt, dass diese Erfahrungen sich bei vielen Jugendlichen wesentlich auf ihr weiteres Leben auswirken. Um eine „Generation Corona“ zu vermeiden, braucht es für junge Menschen daher zusätzliche Angebote an kurz- und mittelfristigen Frankreichaufenthalten, die sich gut in ihren weiteren Bildungs- und Berufsweg integrieren lassen, damit sie die verpassten Gelegenheiten zum Jugendaustausch wieder ausgleichen können. 

Eric Favey: In einer Zeit, in der junge Menschen von der Pandemie und ihren direkten Folgen wie wirtschaftlicher und sozialer Unsicherheit, Isolation usw. gezeichnet sind, ist die außerschulische Jugendarbeit in Europa ein wesentlicher Faktor für politische Bildung und für das Zusammenleben.

Die Lehrerschaft und Eltern haben alles darangesetzt, damit allen Schüler*innen eine Form von Bildungskontinuität zugutekommt. Dennoch konnten viele von ihnen diese dringend notwendige Hilfe nicht in Anspruch nehmen, andere haben die Verbindung zur Schule verloren. Zahlreiche Vereine sind aktiv geworden, haben innovative Initiativen ins Leben gerufen und junge Menschen unterstützt. La Ligue de l'enseignement hat daher zusätzliche Bildungsressourcen in Ergänzung zum Homeschooling angeboten. Die Inhalte sind öffentlich auf der Website confinezutile.laligue.org zugänglich.

Darüber hinaus spielen Jugendmobilitätsprogramme eine wichtige Rolle bei außerschulischen Bildungsangeboten für junge Menschen. Sie tragen dazu bei, ein Bewusstsein für Fragen der Solidarität, des interkulturellen Verständnisses und der europäischen Bürgerschaft zu wecken. So können jungen Menschen auch viele formelle und informelle Fähigkeiten erwerben, die sie für ihr Engagement und ihre berufliche Laufbahn nutzen können.

La Ligue de l'enseignement setzt sich mit aller Kraft dafür ein, dass junge Menschen diese Krise überwinden und ihr Engagement für wichtige gesellschaftliche Themen wie der ökologische Wandel und sozialer Zusammenhalt gestärkt wird.