Seit dem 1 Januar 2022 hat Frankreich die EU-Ratspräsidentschaft inne. Was sind Ihre Prioritäten für diese sechs Monate?

Jean-Michel Blanquer: Die EU-Ratspräsidentschaft bedeutet für uns sowohl eine Ehre als auch eine Verantwortung. Da das Jahr 2022 auch das Europäische Jahr der Jugend ist, liegt es uns besonders am Herzen, die Jugend in den Mittelpunkt unserer Arbeit zu stellen.

Im Januar feiern wir übrigens auch das 35‑jährige Bestehen des Erasmus-Programms. Das Programm ist ein Leuchtturmprogramm der Europäischen Union und sein Erfolg ist ein Beweis dafür, dass das Gefühl der europäischen Zugehörigkeit vor allem durch Bildung und Begegnungen zwischen jungen Europäern entsteht.

Gemeinsam mit den EU-Mitgliedstaaten hoffen wir, einen konkreten Beitrag zum Aufbau des europäischen Bildungsraumes zu leisten. Dafür setzen wir drei Schwerpunkte:

  • Investitionen in Bildung, die besser und an den richtigen Stellen eingesetzt werden, um die Wirksamkeit und Gerechtigkeit unserer Bildungssysteme zu verbessern;
  • Europäische Mobilität für alle jungen Menschen ermöglichen, indem die Mobilität inklusiver und anerkannter gestaltet wird. Dafür muss ein Vertrauen zwischen unseren Systemen bestehen. Schüler, Auszubildende, junge Freiwillige und junge Engagierte - sie alle sollen sich sicher sein können, dass die während ihrer Mobilität erworbenen Kompetenzen anerkannt werden. Auf der Tagung des Ministerrates im April wird eine Empfehlung zur Mobilität junger Freiwilliger in der EU in diesem Sinne verabschiedet werden;
  • Europäische Ausgestaltung der Lehrerausbildung, mit einer gemeinsamen Basis in der Ausbildung für alle Studierenden, die diesen Beruf ergreifen wollen. Außerdem sollen echte europäische Studiengänge geschaffen werden, um auf eine Gemeinschaft mit einheitlichen Praktiken in Europa hinzuarbeiten.

In den französischen Schulen haben sich die Lehrerinnen und Lehrer seit Beginn des Schuljahres im September dafür eingesetzt, dieses Schuljahr im Zeichen Europas zu gestalten. Ich wünsche mir, dass alle französischen Schulen und schulischen Einrichtungen einen europäischen Partner haben. Die deutsch-französische Zusammenarbeit muss mit Hilfe des DFJW dabei natürlich eine Vorreiterrolle einnehmen.

Als Teil des Trios, das wir im Dreiervorsitz mit der Tschechischen Republik und Schweden bilden, dürfen wir die 9. Runde des EU-Jugenddialogs eröffnen. Nachhaltige Entwicklung und Inklusion sind dabei unsere Schwerpunkte. 

Mit der französische EU-Ratspräsidentschaft haben wird die Gelegenheit, Schlussfolgerungen des Rates zum Engagement junger Menschen – als Akteure des Wandels für den Umweltschutz – zu verabschieden und vom 24. bis 26. Januar die Europäische Jugendkonferenz zu veranstalten. Alle jungen europäischen Delegierten werden am 27. Januar bei einer Ministertagung gemeinsam mit den Ministern ihrer Länder die Ergebnisse ihrer Arbeit präsentieren. Anlässlich des Rates der Minister für Bildung und Jugend Anfang April werden Empfehlungen zu diesen Herausforderungen verabschiedet.

Ganz allgemein möchten wir Überlegungen zum Engagement junger Europäer, etwa im Sinne eines europäischen Freiwilligendienstes, anstoßen. Zahlreiche Möglichkeiten dazu existieren bereits. Ich denke dabei insbesondere an Programme wie Erasmus+, das Europäische Solidaritätskorps oder auch, als Vorreiter in dem Bereich, den Deutsch-Französischen Freiwilligendienst des DFJW. Auf europäischer Ebene müssen wir aber noch mehr erreichen.

Europa steht am Beginn einer neuen Corona-Welle und junge Menschen sorgen sich, dass ihnen eine europäische Mobilitätserfahrung erneut vorenthalten wird. Was möchten Sie ihnen mitteilen?

Jean-Michel Blanquer: Während der gesamten Pandemie lag unser Hauptaugenmerk auf der Jugend.

Die junge Generation ist unsere Priorität und wir setzen alles daran, dass sie so wenig wie möglich unter den Auswirkungen der Pandemie leidet, da insbesondere die Mobilität und die sozialen Interaktionen, die doch gerade für junge Menschen so wichtig sind, eingeschränkt sind.

Ich weiß, dass die Nachfrage nach Mobilität noch nie so hoch war. Das ist ein Beleg für den Wunsch, sich in Europa zu bewegen, aber auch Europa zu bewegen.

Auch wenn die Zahl der Gruppenbegegnungen zwischen Deutschland und Frankreich zurückgegangen ist, erfreuen sich die individuellen Mobilitätsprogramme des DFJW großer Beliebtheit. Ich freue mich, dass Erasmus+, und auch das DFJW und ProTandem sich an die Pandemie anpassen konnten, indem sie bereits ab 2020 Erleichterungen angeboten haben, damit laufende Projekte fortgeführt werden konnten, und indem sie sich neue Formen der hybriden Mobilität, die digitalen mit physischem Austausch verbinden, eingeführt haben.

So standen die Pandemie und die Verlangsamung der Mobilitäten in gewisser Weise auch am Anfang einer Revolution: der digitalen Revolution. Natürlich sollte es das Ziel bleiben, sich persönlich zu treffen, aber behalten Sie auch die Möglichkeiten im Blick, die ein virtueller Austausch bietet. Für viele, die sich zuvor nicht getraut haben, ist das Digitale ein erster Schritt in Richtung einer längeren und vielleicht auch besser geplanten Mobilität.

Ich weiß auch, dass das DFJW derzeit an einem Plan für „digitale Schulpartnerschaften“ arbeitet, was wirklich eine großartige Sache ist.

Am 19. Januar werden wir auf einer europäischen Konferenz die besten Praktiken zur Förderung der Mobilität junger Menschen vergleichen. Außerdem werden wir die Überlegungen zum „Sorbonne-Prozess“ und damit der Anerkennung von europäischer Mobilität von Schülern starten.

Ich möchte die Jugendlichen dazu einladen, sich bei den französischen Netzwerken für die Jugendinformation und -orientierung [réseau Information Jeunesse und ONISEP] und natürlich auch beim DFJW zu informieren. So können sie sich mit den vielfältigen Möglichkeiten, die sich ihnen bieten, vertraut machen.

In Deutschland ist gerade eine neue Regierung im Amt. Wie wünschen Sie sich die Zusammenarbeit im Jugendbereich mit Anne Spiegel, der neuen Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend?

Jean-Michel Blanquer: Seit 1963 steht die Jugend im Zentrum unserer gemeinsamen Arbeit. Der Weg, den wir mit der Gründung des DFJW gegangen sind, ist in der Welt und in Europa einzigartig. Der 2019 verabschiedete Vertrag von Aachen hat unseren gemeinsamen Ehrgeiz, das deutsch-französische Tandem zum Antrieb eines Europas zu machen, in dem wir uns dazu bekennen, unsere Jugend zu UNSERER Priorität zu machen, sogar noch verstärkt. So haben wir auch beschlossen, den Haushalt des DFJW substanziell zu erhöhen: im Jahr 2019 um 4 Millionen Euro. Und diese Entscheidung kommt nicht von ungefähr!

Das DFJW bietet uns letztendlich ein gutes Versuchsfeld, das es uns ermöglicht hat, sehr schöne Programme zu erarbeiten und zu testen. Und ich bin mir sicher, dass wir diesen Weg mit der Ministerin Anne Spiegel weitergehen werden.

Entsprechend war ich besonders empfänglich für den Koalitionsvertrag der neuen Regierung und die explizite Erwähnung, dass die Anerkennung und Aufwertung von im Ausland erworbenen bildungsbezogenen Qualifikationen erleichtert und beschleunigt werden sollen. Deutschland und Frankreich werden sich weiterhin gemeinsam für dieses Ziel einsetzen, daran habe ich keinen Zweifel. Konkret denke ich dabei vor allem an das, was wir mit der Schaffung von deutsch-französischen Berufsausbildungszentren und von Partnerschaften in der Ausbildung von Lehrkräften erreicht haben.

Und bei all dem weiß ich, dass ich auf die Unterstützung des DFJW zählen kann.