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Erfahrungsbericht von Odile Benahya-Kouider

An welchem Programm, welchem Austausch oder welcher Begegnung haben Sie teilgenommen? Ich habe am Austauschprogramm der Presse teilgenommen. Durch Ludwig Siegele, einen Freund, der in in Köln die Journalistenschule besucht hat und heute einer der verantwortlichen für „The Economist“ in London ist, habe ich einen Monat Praktikum im Wirtschaftsbereich der „Zeit“ in Hamburg machen können.

In welchem Jahr/ welchen Jahren? 1992

Was ist Ihre beste Erinnerung? Ich hatte seit zwei Jahren bei „Libération“, in einer Garage,die als Openspace Büro organisiert worden war, gearbeitet. Von der Terrasse aus hatten wir eine fantastische Aussicht, aber die Büros waren so beengt und es war manchmal so schwer, sich dort zu konzentrieren, dass man uns Bauhelme zur Verfügung stellte um uns zu isolieren. Als ich bei der „Zeit“ anfing, hatte jeder ein eigenes Büro der gleichen Größe, sogar ich, die kleine französische Praktikantin. Ich wurde außerdem direkt zum Mittagessen mit meinen Kollegen eingeladen. Als ich im Jahr 1990 die Journalistenschule in Lille beendet hatte und Praktikantin bei der „Liberation“ wurde, musste ich neun Monate, die gesamte Probezeit, abwarten, um mit einem festangestellten Kollegen essen zu gehen.

Was hat Sie am meisten überrascht? Man hat mich eine Reportage in Köln machen lassen, ohne sich im Geringsten zu versichern, ob ich die deutsche Sprache ausreichend beherrschte um danach ein Papier abliefern zu können. Es wurde alles gemacht, um einem Vertrauen zu schenken. Man hat meine Texte nachgelesen und korrigiert, ohne dabei auf die zusätzliche Arbeit, die dadurch entstand, zu achten.

Sind Sie immer noch in Kontakt mit anderen Teilnehmern? Ja, alle Kollegen aus dem Wirtschaftsbereich der „Zeit“ haben Karriere gemacht. Ludwig Siegele war Wirtschaftskorrespondent der „Zeit“ in Paris, dann in der Sillicon valley, bis er schließlich von „The Economist“ eingestellt wurde. Dirk Kurbjuweit ist Bürochef des „Spiegel“ in Berlin geworden und ist als Romanautor bekannt. Uwe Heuser leitet heute den Wirtschaftsbereich der „Zeit“, einer Zeitung, der man damals den Beinamen „Die alte Tante“ gab und die heute junge Leser begeistert.

Welche Vorteile sehen Sie im Aufbau einer Gemeinschaft von Ehemaligen? Erfahrungen austauschen und ein Netzwerk aufbauen zu können.

Was hat Ihnen die Teilnahme privat und beruflich gebracht? Auf beiden Ebenen sehr viel. Zunächst einmal Freunde. Aber diese Erfahrung hat mich auch dazu motiviert, später einmal in Deutschland als Korrespondentin zu arbeiten, was ich dann von 2001 bis 2006 bei der „Libération“ auch getan habe. Einige meiner Kollegen der „Libération“ haben sich über mein Interesse für dieses angeblich so langweilige Land lustig gemacht. Aus meiner Sicht gab es eine große Diskrepanz zwischen dem Bild, das die Franzosen von Deutschland haben, und der Realität. Außerdem kannte ich nur den Süden Deutschlands und das Ruhrgebiet, in dem ein Teil meiner Familie. Aber ich habe Hamburg geliebt, seinen Hafen und seine hanseatische Atmosphäre. Und ich bin auch bis heute noch ein großer Fan von Bremen, Hamburg, Rostock und Lübeck.

Würden Sie sagen, dass die Erfahrung(en) einen Einfluss auf Ihr Engagement oder Ihre Staatsbürgerschaft hatte(n)? Ich habe das Gefühl, einen starken Drang entwickelt zu haben, den Franzosen Deutschland näher zu bringen. Ich möchte sie dazu bewegen, sich nicht auf Vorurteilen und Klischees auszuruhen, sondern selbst herauszufinden, was sich auf der anderen Seite des Rheins abspielt. Und ich würde ihnen gerne deutlich machen, dass das deutsche System sich nicht allein auf die Wirtschaft stützt. Meiner Meinung nach liegt die Kraft der Deutschen in der Fähigkeit, Dinge genau zu diskutieren.