Virginia Schmidt, als DFJW-Juniorbotschafterin haben Sie dieses Jahr zusammen mit Lea Boukroum, ehemalige DFJW-Juniorbotschafterin, den deutsch-französischen Klima-Podcast „Wann beginnt die Revolution?“ produziert. Basierend auf dem Buch des Klimaaktivisten Cyril Dion haben Sie mit mehreren Protagonist*innen aus Deutschland und Frankreich diskutiert. Was nehmen Sie aus den Diskussionen mit?

Virginia Schmidt : Zusammenfassend kann man nach all diesen Interviews mit Fachleuten, Politiker*innen, Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen aus den unterschiedlichsten Bereichen und Recherchen für den Podcast feststellen, dass ressourcenschonende, weniger Treibhausgas und Schadstoff emittierende und wirtschaftlich attraktive Konzepte nicht ausreichen. Es braucht vor allem Konzepte, die von der ganzen Gesellschaft generations- und länderübergreifend akzeptiert und umgesetzt werden können. Der Klimawandel und die Auswirkungen auf unser Leben sind sehr komplex, egal ob man dies von der natur- oder geisteswissenschaftlichen Seite beleuchtet. Zwei wichtige, alarmierende und nicht zu verharmlosende Fakten sind dabei: Die Auswirkungen des Klimawandels sind an vielen Orten der Welt bereits mehr als sichtbar. Diese Auswirkungen machen nicht an Landes- oder Kontinentsgrenzen Halt. Wir stehen also auch als Europäer*innen in der Verantwortung, globale Lösungen für dieses Problem zu finden. Für mich heißt das nicht, die damit verbundenen Probleme auf Andere abzuwälzen. Deutschland und Frankreich haben in der Umwelt- und Klimapolitik natürlich eine entscheidende Rolle innerhalb Europas, sie sitzen quasi „in einem Boot“. Wenn nur einer rudert, dreht sich das Boot im Kreis …

Hugo Leclerc, im April haben Sie gemeinsam mit anderen jungen Menschen aus Deutschland und Frankreich die DenkFabrik, das deutsch-französische Programm des französischen Think Tanks „Génération d‘Avenir“, gestartet. Welches Ziel verfolgt dieses Programm?

Hugo Leclerc : Wir haben zwei klare Ziele: Zum einen wollen wir die deutsch-französische Zusammenarbeit und ihre Herausforderungen bekannter machen und gleichzeitig Ideen und Vorschläge zu verschiedenen Themen einbringen, die sich aus unseren Überlegungen und Beratungen ergeben. Wir sagen, dass es in der deutsch-französischen Gemeinschaft einen starken Willen zur Veränderung gibt, besonders in unserer Generation. Gegründet wurde die DenkFabrik in erster Linie von deutsch-französischen Studierenden unterschiedlicher Herkunft. Allesamt haben sie eine persönliche Bindung zum Nachbarland entwickelt. Meistens leben und erleben sie tagtäglich die deutsch-französische Freundschaft. Sie engagieren sich für das, was sie antreibt. Wir haben nicht den Anspruch, eine Art „Frohe Botschaft“ zu verkünden, aber wir verstehen die DenkFabrik als eine Schnittstelle, die Menschen zusammenbringt und mit der wir einen langfristigen, vertieften Dialog mit denjenigen initiieren können, die offen für unsere Arbeit sind und mit uns zusammenarbeiten wollen.

Wie beurteilen Sie das Interesse junger Menschen an der deutsch-französischen Freundschaft?

Virginia Schmidt : Ich persönlich habe die Erfahrung während meines nun schon dreijährigen Ehrenamtes beim DFJW gemacht, dass ein generelles Interesse für die deutsch-französische Freundschaft besonders bei den jungen Menschen festzustellen ist, die aktiv mit dem Partnerland in Kontakt gekommen sind. Auch politisch interessierten jungen Menschen in Deutschland und Frankreich ist die Bedeutung dieser Freundschaft im europäischen Kontext sicherlich bewusst. Allerdings müssen wir uns weiter als Aufgabe setzen, das Interesse für diese binationale Freundschaft vor allem auch bei denjenigen jungen Menschen zu wecken, die sich weniger für Politik interessieren und die noch keine persönlichen Erfahrungen im Partnerland und mit der Partnerkultur gemacht haben. Dabei spielt auch das Erlernen der Sprache eine Rolle. Dies kann aber meiner Meinung nach keine persönlichen Austausche und Erfahrungen ersetzen, sie aber unterstützend begleiten. Ich halte es daher für sehr wichtig, dass im nächsten Jahr wieder viele dieser persönlichen Austausche, ob  individuell, in Gruppen oder auch gerne trilateral organisiert werden.

Wie beurteilen Sie das Interesse junger Menschen an der deutsch-französischen Freundschaft?

Hugo Leclerc : Wir glauben oft, dass das Interesse für das Deutsch-Französische bei jungen Menschen häufig kurzlebig ist und dass es im Laufe der Jahre verschwindet. Das stimmt, zumal nicht alle Schüler*innen Deutsch oder Französisch lernen. Viele sind weit davon entfernt zu wissen, was es heißt, deutsch-französisch zu sein. Das hat mit Unwissen und auch mit einer gewissen Undurchsichtigkeit zu tun, was ich das deutsch-französische „Ökosystem“ nenne. Aus diesem Grund betonen wir die europäische Dimension der deutsch-französischen Zusammenarbeit. Denn so entzaubern wir dieses Duo, das tendenziell als ein geschlossener Club wahrgenommen wird und das nur von Dingen spricht, die es selbst betreffen. Wenn wir immer stärker auf die europäische Dimension des Deutsch-Französischen setzen, dann machen wir es auch zugänglicher und weniger geheimnisvoll, als es heute ist. Ich bin davon überzeugt, dass im Deutsch-Französischen ein unterschätztes Potenzial schlummert, das allerdings immer mehr Menschen erkennen und das wir hervorheben und sogar ausbauen müssen. Schauen Sie sich mal die DenkFabrik oder andere Vereine im deutsch-französischen Ökosystem an: Junge Menschen engagieren sich, sie tragen diesen Ehrgeiz in sich, das, was ihren Weg einzigartig gemacht hat, sichtbarer zu machen. Das ist eine greifbare Realität.
 

In diesem Jahr liegt der Fokus des Mandates unserer Juniorbotschafter*innen auf dem Thema Umwelt. Welche Rolle kann das Netzwerk bei der Sensibilisierung für Ökologie auf deutsch-französischer Ebene spielen?

Virginia Schmidt : Das DFJW-Juniorbotschafter*innen-Netzwerk bietet eine einmalige Möglichkeit auf deutsch-französischer Ebene, junge Menschen für dieses schon seit einigen Jahren aktuelle Thema zu sensibilisieren und aktiv werden zu lassen. Dafür ist zunächst einmal entscheidend, dass unser Netzwerk sehr vielfältig und innovativ ist und mittlerweile eine gute Reichweite hat. Dank dieser Vielfalt entstehen immer wieder neue Ideen für Aktionen und Projekte von jungen Menschen für junge Menschen. Wenn man sich als Juniorbotschafter*in für die deutsch-französische Freundschaft einsetzt und damit verbunden auch für ein funktionierendes, friedliches, gerechtes Europa von morgen, dann scheint es für mich naheliegend, dass eng daran auch der Natur- und Umweltschutz geknüpft sind. Der Klimawandel sorgt bereits heute weltweit für sehr starke Spannungen und Konflikte. Umso wichtiger ist es daher, dass wir hier in Europa und auf deutsch-französischer Ebene nicht nur über Umweltschutz und Klimawandel reden, sondern auch selbst aktiv werden und gemeinsam Lösungen finden. Wir Juniorbotschafter*innen tragen mit unseren Aktionen dazu bei, grenzüberschreitende Lösungen für diese Herausforderungen zu finden.

Bei Ihrer Umfrage „DenkMit" zur Zukunft der deutsch-französischen Jugend, für die der französische Minister für Bildung, Jugend und Sport übrigens Schirmherr war, sind mehr als 500 Beiträge von Schüler*innen, Studierenden und jungen Berufstätigen aus beiden Ländern eingegangen. Die Ergebnisse haben Sie in 20 Punkten zusammengefasst und am 8. Dezember vorgestellt. Welche Ideen haben Sie für die Zukunft der deutsch-französischen Jugend in Bezug auf Europa?

Hugo Leclerc : Wir haben unsere Arbeit um drei Säulen und ein Schlüsselkonzept herum strukturiert: Zugänglichkeit. Wir betonen, dass vor allem ein flächendeckender Zugang zu einem deutsch-französischen Bildungsangebot (Spracherwerb, sections européennes und AbiBac), aber auch im Kulturbereich geschaffen werden muss. Ziel ist es, das Deutsch-Französische in greifbare Nähe möglichst aller Menschen zu bringen. Und wer mit 18 oder 20 Jahren in Frankreich bzw. Deutschland ein Studium aufnimmt, der*die kann den beruflichen und persönlichen Werdegang nachhaltig beeinflussen und bereichern. Wir wollen an der Vielfalt des Studienangebots der Deutsch-Französischen Hochschule und an ihren Zielgruppen arbeiten. Wenn neue Berufszweige und der Europäische Freiwilligendienst in das deutsch-französische Angebotsspektrum aufgenommen werden, können immer mehr junge Menschen das Deutsch-Französische (er)leben. Zuallerletzt geht es auch darum, junge Menschen früher an den Reichtum einer binationalen Kultur heranzuführen: Wir wollen die Kleinsten spielerisch für frühes Fremdsprachenlernen begeistern und neue Kommunikationsmittel nutzen, um mehr zielgruppengerechte Formate für junge Menschen entwickeln. Wir denken dabei besonders an ARTE.
Wir wollen wirklich raus aus diesem Bild eines engen und manchmal zu elitären Kreises, das dem Deutsch-Französischen nachgesagt wird. Wir denken, dass gerade die europäische Dimension der deutsch-französischen Freundschaft ein Weg ist, sie universeller zu machen. Die deutsch-französische Jugend, ihre Bedeutung für Europa und ihre Rolle, die sie bei der Definition der europäischen Staatsbürgerschaft spielen könnte, wird unterschätzt. Wer von Deutschland und Frankreich spricht, spricht von Europa!

Was wünschen Sie sich  für die deutsch französische Jugend für das Jahr 2021?

Virginia Schmidt : Zuerst einmal wünsche ich mir wie sicher viele, dass wir uns wieder viel mehr auch persönlich begegnen können, uns treffen, uns umarmen, uns ohne Bildschirme austauschen. Sicher waren angesichts der aktuellen Umstände auch andere Formen der Begegnung möglich, die uns durchaus bereichert und zu kreativen Lösungen geführt haben, aber der persönliche Austausch und die gelebte Erfahrung im anderen Land sind dadurch nicht ersetzbar. Dieses persönliche Erlebnis ist gerade für junge Menschen sehr wichtig. Es steht für mich auch im engen Zusammenhang mit der Sensibilisierung junger Menschen für die deutsch-französische Freundschaft. Dafür scheint es wichtig zu sein, dass wir Bürger*innen in beiden Ländern wieder mehr Verantwortung, ja vielleicht sogar Freiheiten bekommen.  Die Entscheidung für oder gegen die von so vielen Seiten als Lösung empfundene Impfung sollte auch zu diesen Freiheiten gehören und keine Grenze zwischen unseren beiden Ländern darstellen.
Momentan werden wir meiner Meinung nach zu oft und zu intensiv von Narrativen geleitet, die im Gegensatz zu einem friedvollen, toleranten und nachhaltigen Zusammenleben stehen. Diese Narrative haben eine unheimliche Kraft und steuern das Verhalten von Menschen und Gesellschaften in positiver oder negativer Weise. Mein Wunsch für das neue Jahr wäre es daher, dass wir aktiv zusammen an einem neuen Narrativ arbeiten.. Dafür werden wir komplexe Zusammenhänge erkennen und verstehen müssen, verschiedenste Meinungen anhören und auf Probleme und Herausforderungen stoßen. Gerade wir jungen Meschen haben die dafür nötige Energie und den Mut. Ich wünsche mir, dass wir 2021 weiter im deutsch-französischen Rahmen an einer solchen neuen, nachhaltigen, friedlichen Erzählung arbeiten.

Was wünschen Sie sich  für die deutsch französische Jugend für das Jahr 2021?

Hugo Leclerc : 2020 hat die deutsch-französische Freundschaft auf eine harte Probe gestellt, sowohl im Hinblick auf die Symbolkraft als auch auf die konkrete Realität: Unsere Grenzen wurden geschlossen, viele Austausche mussten abgesagt werden. Gleichwohl hat dieses Jahr neue Arbeitsformen und neue Formate hervorgebracht, die es in der deutsch-französischen Zusammenarbeit teils so noch nicht gab. Sie entsprechen genau dieser Offenheit, von der ich vorhin sprach, mit Lösungen, die für alle zugänglicher sind. Also ich wünsche mir für 2021, dass das Ende der Krise, das sich ja allmählich abzeichnet, die Rückkehr zur Normalität ermöglicht. Ich wünsche mir aber eine Normalität, in der diese neuen Lösungen gelebt werden – damit sich das Deutsch-Französische in der Öffentlichkeit entfaltet, damit Kräfte und nicht Kämpfe freigesetzt werden! Vive l’amitié franco-allemande!