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Am 8. Juli 2012 begegneten sich François Hollande und Angela Merkel in Reims, um den Auftakt des Deutsch-Französischen Jahres zum 50. Jahrestag der Aussöhnung der beiden Länder einzuläuten. In weniger als zwei Monaten haben sie sich damit bereits sechs Mal getroffen. Vom Blitzbesuch am 15. Mai über die Vorbereitung des Europäischen Rates bis hin zu den Spannungen am Rande des G8-Gipfels gibt es zahlreiche Signale, die ganz unterschiedlich interpretiert werden können. Der französische Präsident und die deutsche Kanzlerin sind darum bemüht, Einvernehmen zu erzielen. Offenbar liegt beiden daran, ihre Meinungsverschiedenheiten auszuräumen. In der Tat erscheint Einigkeit heute als eine Art Verpflichtung, um die Einheit Europas zu retten.

Warum sollte angesichts dieser Umstände nun ein Jahrestag gefeiert werden? Zunächst, weil es gilt, sich zu erinnern und sich auf Schumann, de Gaulle und Adenauer zurückzubesinnen. Es gilt sich daran zu erinnern, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg nicht einmal zwanzig Jahre dauerte, die ebenso erforderliche wie weltweit einzigartige Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich mit einem Vertrag zu besiegeln und zugleich die europäische Integration Konturen annahm. Es gilt sich auch daran zu erinnern, dass es vieler Persönlichkeiten brauchte, Frauen und Männer – nicht nur Politikerinnen und Politiker –, die sich oft auch entgegen dem vorherrschenden Trend dafür einsetzten, dass diese Freundschaft Gestalt annehmen konnte.

Während des nun beginnenden Deutsch-Französischen Jahres soll gewiss der Vergangenheit gedacht werden. Dies wird vor allem in Reims, Ludwigsburg und Berlin geschehen. Allerdings dient die Erinnerung dazu, die Zukunft besser zu gestalten. Die Zukunft der deutsch-französischen Beziehungen gestalten bedeutet zunächst, auf die Jugend zu setzen, dafür Sorge zu tragen, dass sie nicht über Klischees, sondern vielmehr durch Sprachkurse Zugang zum Partnerland findet. Indem beispielsweise alles dafür getan wird, um einen gemeinsamen Status für deutsche und französische Praktikanten sowie für Vereine zu schaffen, damit deren Arbeit auf beiden Seiten des Rheins erleichtert wird, oder um die systematische Anerkennung der Bildungsabschlüsse zu gewährleisten. Denn die deutsch-französischen Beziehungen werden in der Zivilgesellschaft gelebt. Wir verdanken den Beginn der Annäherung kreativen engagierten Persönlichkeiten aus der Bürgergesellschaft. Dieser Prozess setzt sich bis heute fort, davon zeugen 2200 Städtepartnerschaften, 130 deutsch-französische Vereine, eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen den Universitäten sowie die 200 000 Jugendlichen, die jedes Jahr an einem vom DFJW geförderten Austauschprogramm teilnehmen.

Während wir uns gegenwärtig in einer Phase großer Veränderungen befinden, sind all diese Mobilitätserfahrungen von grundlegender Bedeutung für ein Europa mit menschlichem Antlitz, das nicht nur den Finanzmärkten, sondern auch dem Wohlergehen seiner Bürger dient. Zudem tragen diese Erfahrungen dazu bei, einen Raum für Maßstäbe, Erinnerungen, Bilder und gemeinsame Werte zu schaffen.

Zu Beginn des deutsch-französischen Jahres haben wir für das Tandem unserer beiden Länder einen dreifachen Wunsch: dass es seine bisher etablierten Beziehungen konsolidieren und weiterentwickeln kann, dass es mehr als lediglich ein Symbol sei, und dass es die Gesellschaft stärker durchdringen möge. Alles in allem wünschen wir, das deutsch-französische Tandem möge die Balance zwischen greifbarer Realität und ebenso notwendiger Symbolik finden.

Dr. Markus Ingenlath und Béatrice Angrand

Generalsekretäre des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW)

Das DFJW, im Jahr 1963 durch den Elyseevertrag gegründet, ist eine internationale Organisation im Dienste der Kooperation zwischen der deutschen und französischen Jugend. Es ermöglichte seit 1963 mehr als 8 Millionen jungen Franzosen und Deutschen die Teilnahme an 300 000 Austauschprogrammen.