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1. Im März 2020 wird der Service Civique 10 Jahre alt. Welche wichtigen Momente haben dieses Jahrzehnt des Engagements junger Menschen geprägt?

Von Beginn an war der Service Civique als ein Lebensabschnitt im Zeichen der sozialen und kulturellen Durchmischung gedacht. Er soll jedem jungen Menschen in Frankreich ein Bewusstsein dafür vermitteln, wie vielfältig unsere Gesellschaft ist und wie viel jede*r Einzelne bewegen kann. Der Service Civique ist nicht aus dem Nichts entstanden. Ihm kamen die Erfahrungen vielfältiger zivilgesellschaftlicher Initiativen und, was den Freiwilligendienst in Vereinen betrifft, die Kenntnisse des Vereins Unis Cités zugute: Freiwilligendienst in Vereinen, in gemeinnützigen Stiftungen, in Gebietskörperschaften oder im öffentlichen Dienst, der europäische Freiwilligendienst, der internationale Solidaritätsfreiwilligendienst, der internationale Freiwilligendienst in Unternehmen oder in der Verwaltung. Mit dem Gesetz vom 10. Mai 2010 wurde der Service Civique schließlich verabschiedet. Der Beschluss war nahezu einstimmig. Mittlerweile ist das Gesetz Teil des Gesetzes zum Nationaldienst (code du service national), das aus der Abschaffung der Wehrpflicht hervorgegangen ist. Über den Service Civique bestand breiter politischer Konsens über Parteigrenzen hinaus. Er bildet einen formalen und gesetzlichen Rahmen für freiwilliges Engagement in neun übergeordneten Aktionsfeldern. Zwei Folgegesetze haben die Bedeutung des Service Civique gefestigt. 2015 wurde eine Ausnahmeregelung beschlossen, dank der junge Menschen mit Behinderung einen Freiwilligendienst bis zu einem Alter von 30 Jahren absolvieren können. Eine wichtige Maßnahme für Barrierefreiheit und Zeichen dafür, dass der Service Civique wirklich für alle zugänglich ist. In Folge der Attentate auf die Redaktion von Charlie Hebdo wurden im gleichen Jahr die zugewiesenen Mittel deutlich erhöht. Zugleich wurde beschlossen, dass auch der öffentliche Sektor Freiwillige aufnehmen darf. Das Gesetz „Gleichheit und Staatsbürgerschaft“ aus dem Jahr 2017 hat dazu geführt, dass mehr Einrichtungen eine*n Freiwilligen beschäftigen. Außerdem verfügen Freiwillige nun über den Studierendenstatus. Noch heute erhält der Service Civique starke Unterstützung aus der Politik, insbesondere von Bildungs- und Jugendminister Jean-Michel Blanquer und seinem Staatssekretär Gabriel Attal.

2. Deutschland ist das beliebteste Ziel für französische Freiwillige im Ausland. Worin liegt der Unterschied zwischen den Erfahrungen, die Freiwillige in Deutschland sammeln und den Erfahrungen als Freiwillige*r in Frankreich?

Genau, Deutschland ist das beliebteste Ziel. Zum Glück! Denn das zeigt, welche Bedeutung die Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern hat. Auf Deutschland folgen übrigens Israel, Senegal und Tunesien. Ein Freiwilligendienst in Deutschland bzw. in einem deutsch-französischen Rahmen ist eine einmalige Gelegenheit, Sensibilität für Interkulturalität und europäische Begegnungen zu entwickeln. Es ist auch eine vorzügliches Gelegenheit, um zu zeigen, wie anpassungs- und lernfähig man ist, etwa beim Erwerb von neuen Kompetenzen wie einer Fremdsprache. All das ist umso wichtiger für junge Menschen, die in Zeiten der Globalisierung und in einer Welt mit permanenten Veränderungen aufwachsen. Der Pluspunkt des Deutsch-Französischen Freiwilligendienstes (DFFD) ist zudem, dass er sowohl in Frankreich als Service Civique anerkannt wird als auch in Deutschland als Freiwilligendienst. Außerdem bietet der DFFD umfassende Fortbildungen für die jungen Menschen und eine Begleitung, die mit dem QWIFT-Gütesiegel ausgezeichnet wurde.  Da der DFFD auf Gegenseitigkeit beruht – jede Aufnahme-Organisation entsendet auch einen jungen Erwachsenen ins Partnerland – erreicht er auch Jugendliche, die sonst vielleicht wenig Zugang zu Mobilitätsprogrammen haben. Gleichzeitig hat dieses Prinzip der Gegenseitigkeit eine nachhaltige Wirkung, wie die neueste Evaluierung deutlich zeigt. Ich freue mich, an der Spitze des DFJW zur Einrichtung und Weiterentwicklung des DFFD beigetragen zu haben. Diese Erfahrung ist für mich auch heute noch, als Präsidentin der französischen Freiwilligenagentur, eine Inspirationsquelle. 

3. Und dennoch: Trotz eines starken Anstiegs seit 2017 bleiben internationale Freiwilligeneinsätze die Ausnahme. Wie wollen Sie die internationale Ausrichtung des Service Civique stärken?

Seit 2010 gibt es immer mehr internationale Angebote. Internationale Einsätze sind bei jungen Menschen auch sehr gefragt, so dass Einrichtungen mit motivierten Freiwilligen rechnen können. Die Zahl der Freiwilligeneinsätze steigt von Jahr zu Jahr kontinuierlich an. Mit 1.721 Freiwilligen im Jahr 2019 verzeichnen wir einen Anstieg an Engagierten im Ausland um 11 % in 2 Jahren. Diese Entwicklung bestätigt einen grundsätzlichen Trend. Letztes Jahr waren unsere Freiwilligen in 95 Ländern auf allen Kontinenten vertreten. Allerdings ist ein Einsatz im Ausland mit all seinen Bedingungen anspruchsvoll, gewisse Betreuungsbedingungen müssen eingehalten werden. Das betrifft die Sicherheit der jungen Menschen, partnerschaftliche Zusammenarbeit, gute Bedingungen vor Ort, Begleitung und die Ausstattung der Akteure. Man muss also Wissen, Fertigkeiten und Selbstkompetenzen mitbringen und sich auf ein gewisses Risiko einlassen.  Um das Angebot auszubauen, hält die Freiwilligenagentur an diesem Dreiklang fest: Know-how der Akteur*innen, gute Soft-Skills der jungen Menschen (im DFJW nennt ihr das „interkulturelle Kompetenzen“!) und Lust am Aufbau von nachhaltigen, sinnstiftenden Kooperationen. Es ist umso wichtiger, die Rahmenbedingungen zu stärken, weil wir wollen, dass junge Menschen mit unterschiedlichsten Profilen Zugang zu internationalen Freiwilligendiensten haben. Unser Ziel ist mehr soziale Vielfalt, die in den internationalen Einsätzen heute noch unzureichend abgebildet ist. Und wir wollen auch, dass Frankreich mehr junge Menschen aus dem Ausland im Rahmen des Service Civique aufnimmt.

4. Der Umweltschutz zählt zu den größten Sorgen der Jugend. Was wollen Sie unternehmen, um dieses Engagement zu unterstützen und auszubauen?

Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung sind wesentliche Fragen, mit denen sich junge Menschen auf der ganzen Welt immer mehr beschäftigen. Bis vor Kurzem war das Thema, das gebe ich zu, noch keine Priorität für die Freiwilligenagentur war.  Das Thema Umwelt kommt lediglich an fünfter Stelle, wenn man sich die Aufteilung von Freiwilligen nach Bereichen anschaut – auch wenn diese Auflistung mit Vorsicht zu genießen ist, weil sie keine Aussage über „gemischte“ Themen oder die „grüne“ Ausrichtung einiger Einsätze macht. Wir müssen die Aufnahmeeinrichtungen unbedingt darin begleiten, mehr Aufgaben in diesem Feld anzubieten, zumal es ja bereits sehr erfolgreiche Projekte gibt: Sensibilisierung für Herausforderungen rund um den Schutz der Biodiversität, Entwicklung von kooperativen und partizipativen Supermärkten, berufliche Wiedereingliederung durch pädagogische Bauernhöfe, Organisation eines Klima-Camps, Unterstützung auf lokaler Ebene bei Abfallentsorgung und Mülltrennung, Schutz des Naturerbes ... Mit unserer Befragung zu diesen wichtigen Fragen unserer Zeit möchte ich alle Betroffenen dabei einbinden. Das entspricht meinem Ziel, den Service Civique zu einer öffentlichen Maßnahme „für, von und mit jungen Menschen“ zu machen. Die Erasmus+-Programme und das Europäische Solidaritätskorps, wofür die Freiwilligenagentur ebenfalls zuständig ist, bieten jungen Erwachsenen die Möglichkeit, internationale Projekte zu diesen Fragen umzusetzen und auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene etwas zu bewegen. Das Seminar, das wir vom 15. bis 19. Juni 2020 parallel zum Weltnaturkongress der l’UICN in Marseille organisieren, ist dafür ein Beispiel: 20 Teilnehmende aus ganz Europa und dem südlichen Mittelmeerraum kommen dort zusammen, um ihre Kenntnisse über Planung und Entwicklung von Umweltschutz- und Nachhaltigkeitsprojekten für die europäische Jugend zu erweitern. Ich hoffe, dass ich dort auch viele junge Menschen treffen werde, die bereits bei DFJW-Projekten aktiv sind.