Der Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung sieht vor, die europäische Jugendarbeit zu stärken. Was erwarten Sie für die europäische Zusammenarbeit und für das Weimarer Dreieck?

Marius Schlageter: Europäische Jugendarbeit wird zu großen Teilen von Jugendverbänden und -ringen umgesetzt und verantwortet. Sie ist eine wichtige und kompetente Vermittlerin und Akteurin, weil sie unabhängig von staatlichen Stellen agiert und bei den Beteiligten zur eigenen Meinungsbildung und kritischen Auseinandersetzung beiträgt – insbesondere in Ländern, in denen die politischen Rahmenbedingungen für zivilgesellschaftliche Akteure schwierig sind. Dementsprechend begrüßen wir die Absichten der neuen Bundesregierung und erwarten von ihr, dass sie sich konkret für die europäische Jugendarbeit engagiert. Indem Jugendverbände und Jugendringe entscheidende Beiträge zu Jugendbegegnungen und Jugendarbeit leisten, sind sie seit vielen Jahrzehnten Herzstück von Versöhnungsprozessen und stärken damit die europäische Integration entscheidend. Entsprechend sollte die neue Bundesregierung sich für die europaweite Stärkung von Jugendverbänden und Jugendringen einsetzen. Auch mit Blick auf das Weimarer Dreieck spielt Jugendarbeit eine wesentliche Rolle. In die Zukunft gerichtete Europapolitik braucht über die bilateralen Beziehungen hinaus auch die Förderung multilateraler Kooperationen.

Pascale Joannin: Der Koalitionsvertrag erwähnt an mehreren Stellen, dass die Jugend für die Arbeit der neuen Bundesregierung wichtig sei. Die Ampelkoalition betont auch, wie notwendig der Ausbau der Digitalisierung sei. Damit greift sie die Sorgen der jungen Menschen auf, deren Stimmen bei den Bundestagswahlen vom 26. September mehrheitlich an die FDP und Bündnis 90/Die Grünen gingen. Die Bundesregierung orientiert sich auch am Europawahlrecht und will das Wahlalter auf 16 Jahre absenken, um der Stimme der Jugend in der Europäischen Union (EU) mehr Gewicht zu verleihen. Besonderen Wert legt der Koalitionsvertrag auf die Annäherung der Zivilgesellschaften, die mithilfe des Deutsch-Polnischen und Deutsch-Französischen Jugendwerks intensiviert werden soll.

Im weiteren Sinne ruft die Koalition aus SPD, Grüne und FDP dazu auf, die Bildungs- und Jugendpolitik auf europäischer Ebene anzugleichen. Deutschland ist ein einflussreiches EU-Mitglied. Wenn Deutschland bereit ist, die europaweite Zusammenarbeit im Bildungsbereich zu stärken, könnten andere Staaten nachziehen und es ihm gleichtun. Bisher liegen Bildung und Jugend nach wie vor im Zuständigkeitsbereich der einzelnen Länder, deren Recht Vorrang vor der EU hat. Sie spielt hier nur eine unterstützende Funktion. Wenn man sich aber den Erfolg des Erasmus-Programms anschaut, könnte man davon ausgehen, dass sich eine intensivere Bildungszusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten und der EU positiv auswirken könnte. In diesem Sinne hat die Europäische Kommission das Jahr 2022 zum Jahr der Jugend gemacht. Die Ausrichtung der Konferenz über die Zukunft Europas ist ein Beweis dafür. Sie könnte zu neuen Initiativen führen, um junge Menschen stärker in Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Darüber hinaus hat die EU in ihrem Aufbauplan „NextGenerationEU“ den Haushalt für das Programm Erasmus+ auf 28 Milliarden Euro für den Zeitraum von 2021 bis 2027 erhöht. Dieses Programm ist von ganz zentraler Bedeutung. Wenn Deutschland den interkulturellen Austausch zwischen jungen Menschen aus ganz Europa fördert, dann ist das für die EU ein weiterer Grund, sich für die Annäherung der Menschen in Europa einzusetzen.

Dieses Jahr wurde das 30. Jubiläum des Weimarer Dreiecks gefeiert. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück, was hat Sie an der europäischen Zusammenarbeit zwischen Deutschland, Polen und Frankreich besonders beeindruckt?

Marius Schlageter: Das Weimarer Dreieck ist ein besonderes Zeugnis eines andauernden europäischen Aussöhnungsprozesses und ein Bekenntnis zur gemeinsamen europäischen Zukunft. Als Gruppenleiter bei der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG) habe ich 2017 an einer vom Deutsch-Französischen und Deutsch-Polnischen Jugendwerk unterstützten trilateralen Jugendbegegnung mit Pfadfinder*innen aus Frankreich und Polen in Brüssel teilgenommen. Dort haben wir gemeinsam unsere Vision von der Zukunft Europas formuliert. Das besondere hierbei war für mich, dass diese Vision eben nicht aus einer nationalen Brille heraus entstanden ist, sondern die Lebensrealitäten junger Menschen aus den drei Ländern des Weimarer Dreiecks widergespiegelt hat. Diese konkrete Erfahrung motiviert mich bis heute: Wo junge Menschen miteinander über Europa ins Gespräch kommen, wird sehr schnell deutlich, dass wir uns um die Errungenschaften eines geeinten, friedlichen Europas sehr bewusst sind. Für uns ist Europa kein Projekt mehr, sondern eine Lebensrealität. Und deshalb kann die Zusammenarbeit im Weimarer Dreieck ein erster Schritt dabei sein, gesamteuropäische Perspektiven zu gewinnen und gemeinsame Visionen zu verwirklichen!

Pascale Joannin: Das Weimarer Dreieck besteht aus zwei EU-Gründerstaaten (Deutschland und Frankreich) und dem größten Mitgliedstaat in Mittel- und Osteuropa (Polen). Seit 30 Jahren ist es Ausdruck der wirtschaftlichen, territorialen und demografischen Zusammenarbeit zwischen diesen drei Ländern, die sich in der Vergangenheit gegenseitig bekämpft haben. Das spricht für ein stärkeres und geeinteres Europa.

Im Jahr 1991 begann die Entwicklung der Partnerschaft zwischen den drei Staaten des Weimarer Dreiecks. Man wollte Polen damit näher an die EU heranführen. Deutschland und Polen sollten sich mit Unterstützung Frankreichs versöhnen.

Diese dreiseitige Partnerschaft, deren Erfolg bislang mehr als mäßig ist, sollte durch greifbare Gemeinschaftsprojekte umgesetzt werden. Im Verteidigungsbereich könnte Polen zum Beispiel in das deutsch-französische Projekt zur Entwicklung des Kampfpanzers der Zukunft einbezogen werden. Alles in allem sollten Deutschland, Frankreich und Polen konkrete Schritte festlegen, die sie gemeinsam nach und nach unternehmen. Dann käme auch wieder Bewegung in diese manchmal eingeschlafene und ungleiche Partnerschaft. Um das Weimarer Dreieck stärker mit Leben zu füllen, sollte man für eine Annäherung der Zivilgesellschaften und insbesondere der Jugend dieser drei Länder sorgen. Regelmäßige Treffen und Diskussionen wären da sicherlich der richtige Weg. Genau das verfolgt Deutschland in seinem Koalitionsvertrag, wenn es sagt, die deutsch-polnische Freundschaft durch das Weimarer Dreieck stärken zu wollen.

Wie sehen Sie die Zukunft der trilateralen Zusammenarbeit für junge Menschen, während in Deutschland eine neue Regierung gebildet wird und Frankreich den „Quirinalsvertrag“ mit Italien unterzeichnet?

Marius Schlageter: In Zeiten, in denen nationalistisches Denken wieder stärker hervortritt, sind Initiativen der Zusammenarbeit wichtig. Sie stärken das gegenseitige Verständnis, das Vertrauen und die Kooperation. Dafür ist bilaterale Zusammenarbeit unersetzlich. Gleichzeitig ist Europa aber immer mehr als nur die Perspektiven einzelner, weniger Länder. Deshalb sollten und müssen Formate der Zusammenarbeit, die eine Vielzahl von Akteur*innen berücksichtigen, zunehmend an Bedeutung gewinnen. Durch multilaterale europäische Jugendarbeit können historisch gewachsene Beziehungen vertieft und gleichzeitig auch Räume für ergänzende Formate und zusätzliche Perspektiven geschaffen werden. Beispielsweise mit Blick auf den Westbalkan und die Östliche Partnerschaft kann über multilaterale Jugendarbeit der Weg der Versöhnung und des Friedensstiftens, wie ihn Deutschland, Frankreich und Polen begangen haben, über gemeinsame Formate übersetzt werden und somit als Anstoß dienen.

Pascale Joannin: Die Unterzeichnung neuer Partnerschaften stellt bereits bestehende Kooperationen in keiner Weise in Frage. Diese verschiedenen Partnerschaften ergänzen sich eher, als dass sie miteinander konkurrieren. Ziel ist es, ein verbindendes europäisches Projekt zu schaffen. Dennoch ist die Unterzeichnung des Quirinalvertrags ein großer Schritt, denn nach dem Élysée-Vertrag und dem Vertrag von Aachen mit Deutschland handelt es sich erst um den zweiten bilateralen Vertrag dieser Art, den Frankreich unterzeichnet hat.

Angesichts der zahlreichen Initiativen, die in den letzten Jahrzehnten ins Leben gerufen wurden, sehe ich der Zukunft der Jugendzusammenarbeit hoffnungsvoll entgegen. Deshalb müssen europäische Partnerschaften für Jugendbegegnungen weiter ausgebaut werden – sei es im Rahmen des Weimarer Dreiecks, des Quirinalvertrags, des Élysée-Vertrags oder des Programms Erasmus+. All diese Initiativen schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern ergänzen einander. Nun gilt es, diese Verbindungen aufrechtzuerhalten, neue zu schaffen und dafür zu sorgen, dass mehr Menschen daran teilhaben können.