Gegenüber der zweiten Welle der Pandemie verstärkten Deutschland und Frankreich ihre Solidarität. Trotz aller Bestrebungen, die Grenzen offen zu halten, ist die Mobilität junger Menschen stark beeinträchtigt worden. Die Verbindungen zwischen jungen Menschen in Deutschland, Frankreich und Europa aufrechtzuerhalten ist eine große Herausforderung. Wie stellen Sie sich die Wiederaufnahme von Jugendaustauschen vor? Und welche Rolle sollte Ihrer Meinung nach dabei das DFJW spielen?

Juliane Seifert:
Gegenüber der zweiten Welle der Pandemie verstärkten Deutschland und Frankreich ihre Solidarität. Trotz aller Bestrebungen, die Grenzen offen zu halten, ist die Mobilität junger Menschen stark beeinträchtigt worden. Die Verbindungen zwischen jungen Menschen in Deutschland, Frankreich und Europa aufrechtzuerhalten ist eine große Herausforderung. Wie stellen Sie sich die Wiederaufnahme von Jugendaustauschen vor? Und welche Rolle sollte Ihrer Meinung nach dabei das DFJW spielen?

Klar ist, dass „Corona“ das Leben von den Jugendlichen überall schrecklich einschränkt. Sie können sich nicht mehr treffen, Sport machen, Hobbys nachgehen, feiern und die Welt kennenlernen. Natürlich kann es derzeit auch keinen internationalen Jugendaustausch geben. Deswegen ist für mich ganz klar: Sobald die Pandemie es wieder erlaubt, muss auch der Jugendaustausch wieder anlaufen. Seit Frühjahr wurden glücklicherweise neue digitale Wege gefunden miteinander in Kontakt zu bleiben. Beeindruckt hat mich, dass im letzten Jahr das DFJW und seine Partner mehr als 10.000 Jugendliche in digitalen Austauschen erreichen konnten. Mit Kreativität können die Beziehungen also aufrechterhalten werden - aber natürlich die Reise ins andere Land und persönliche Begegnungen nicht ersetzen. Deswegen bin ich froh, dass das DFJW auch dank der erhöhten Regierungsbeiträge an einem „Plan de Relance“ arbeitet. Auf der ersten digitalen Verwaltungsratssitzung des DFJW Ende 2020 konnten wir unter Vorsitz von Bundesministerin Franziska Giffey und Minister Jean-Michel Blanquer mit JugendvertreterInnen, ParlamentarierInnen und RegionalvertreterInnen darüber diskutieren, wie der Jugendaustausch schnell wieder belebt werden kann.

Sarah El Haïry: Physische Austauschprojekte sind gegenwärtig stark eingeschränkt. Damit junge Menschen in dieser schwierigen Zeit trotzdem an interkulturellen Begegnungen teilnehmen können, wurden die Ausnahmeregelungen zu den DFJW-Richtlinien bis zum 13. September 2021 verlängert. So bleibt das DFJW an der Seite seiner Partner.

Der Aktionsplan 2021 wurde einstimmig bei der ersten digitalen Sitzung des Verwaltungsrates des DFJW unter Vorsitz von Bundesministerin Franziska Giffey und Minister Jean-Michel Blanquer angenommen. Der Aktionsplan soll junge Menschen für Europa, Umweltfragen oder Bürgerrechte mobilisieren, wie die Diskussionsreihe „Miteinander leben. Die Jugend hat das Wort!“ zeigt. Sie startet am 22. Januar 2021. Und schließlich wurde auch über einen Plan zur Wiederaufnahme von Jugendbegegnungen diskutiert. So sollen möglichst viele von den Vorteilen des internationalen Jugendaustausches profitieren. Wenn man bedenkt, dass besonders junge Menschen in beiden Ländern die Folgen dieser Krise spüren werden, ist das umso wichtiger. Ich begrüße ausdrücklich die Erhöhung des DFJW-Haushaltes, die wir 2019 nach der Unterzeichnung des Aachener Vertrages beschlossen hatten.

Der 16. Kinder- und Jugendbericht zum Thema „Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter“ wurde am 11.11.2020 vorgelegt. Was sind die steigenden Herausforderungen für die Demokratie und die politische Bildung, die im Bericht auf über 600 Seiten geschildert sind?

Juliane Seifert: Der Bericht arbeitet raus, wie vielfältig Politische Bildung ist – sie findet quasi in der gesamten Kindheit und Jugend statt –  in der Familie wie in der Kita oder der Schule, in der beruflichen Bildung wie in Hochschulen, in der Kinder- und Jugendarbeit, in der parteinahen Jugendbildung oder in Freiwilligendiensten und auch in der Bundeswehr.

Gleichzeitig sieht der Bericht die Politische Bildung durch tiefgreifende Entwicklungen herausgefordert. So sind bspw. die Globalisierung, die Digitalisierung und der Klimawandel komplexe Herausforderungen für die ganze Gesellschaft und gerade für die heutige junge Generation. Zudem zeigt der Bericht auf, dass es immer mehr Gruppen gibt, die der Demokratie mit Skepsis begegnen oder teils sogar offen angreifen (z. B. gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit sowie Rechtsextremismus und -populismus). Das macht einen entscheidenden Aspekt von politischer Bildung nochmal wichtiger: Nämlich nicht „nur“ Wissen beizubringen, sondern auch demokratische Werte zu vermitteln wie Gleichheit, Pluralismus, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und Minderheitenschutz. Politische Bildung soll doch nicht nur Wissen über politische und gesellschaftliche Institutionen vermitteln. Vielmehr soll sie jungen Menschen die Möglichkeit geben, selbst politisch zu handeln, eigene Meinungen zu formulieren und zu artikulieren. Der 16. Kinder- und Jugendbericht schaut deswegen auch darauf, wie demokratisch die Bildungsorte selbst sind und welche Beteiligungsmöglichkeiten sie eröffnen.

Am 24. November sagten Sie in einem Gespräch mit Sud Radio, dass „die Jugend von heute keine geopferte Generation sei, da eine geopferte Generation eine tote Generation sei, die untätig ist [...]. Diese Generation steht aber für Lösungen. Sie wird uns helfen, die Gesundheitskrise zu überstehen.“ Welche Maßnahmen wurden getroffen, um junge Menschen im aktuellen Kontext zu begleiten und zu unterstützen?

Sarah El Haïry: Die jungen Menschen sind in sozialer, wirtschaftlicher und psychologischer Hinsicht die ersten Opfer der Corona-Krise. Sie hat Deutschland und Frankreich mit voller Wucht getroffen. Mir ist es wichtig, der jungen Generation meine politische und persönliche Unterstützung in dieser schwierigen Zeit zu versichern. Ich lehne jedoch diese Idee einer geopferten Generation ab. Denn die Jugend ist eine Generation der Lösungen, und unsere Aufgabe ist es, sie bei diesen Lösungen zu begleiten.

Vor diesem Hintergrund hat die französische Regierung am 23. Juli 2020 den Plan „1 junger Mensch, 1 Lösung“ auf den Weg gebracht. Er bietet Lösungen und Instrumente für alle jungen Menschen: Einstellungshilfen, Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten, Begleitung, finanzielle Hilfen für junge Menschen in schwierigen Lebenslagen usw. So können wir auf alle Situationen reagieren. Wir wollen mit diesem Programm den 750.000 jungen Menschen, die im September 2020 neu auf den Arbeitsmarkt gekommen sind, und jungen Menschen ohne Erwerbstätigkeit oder in Ausbildung helfen. Die Regierung hat ein Budget von 6,5 Milliarden Euro bereitgestellt. Das entspricht einer Verdreifachung der Mittel, die für die Jugend eigentlich vorgesehenen waren.

Anlässlich des deutsch-französischen Jugendforums #Ensemble, das vom Europäischen Jugendparlament mit Unterstützung des DFJW vom 27. bis 29. November organisiert wurde, haben Sie sich mit 75 jungen Menschen aus Deutschland und Frankreich über die Auswirkungen der COVID-19-Krise auf die Jugend ausgetauscht. Was haben Sie aus der Diskussion mit den Teilnehmenden mitgenommen?

Juliane Seifert: Es hat viel Freude gemacht, gemeinsam mit meiner französischen Kollegin Sarah El Haïry mit den Teilnehmenden zu diskutieren. Schließlich wollen wir als Jugendministerium nicht über Jugendliche sprechen, sondern vor allem mit ihnen. Mit Freude habe ich das hohe Maß an Begeisterung aber auch Verantwortung der jungen Menschen für die Deutsch-Französische Freundschaft und die Idee eines vereinten Europas wahrgenommen. Ihr Interesse an grenzübergreifender Zusammenarbeit ist auch in Zeiten der Krise groß. Diese hohe Motivation und Willen zur Zusammenarbeit müssen wir auch in Zukunft durch geeignete Unterstützungsformate fördern. Es ist an uns, die notwendigen Rahmenbedingungen ständig weiterzuentwickeln, um das Engagement junger Menschen mit jeder neuen Generation weiter zu begleiten.

Beim Deutsch-Französischen Jugendforum #Ensemble, das vom Europäischen Jugendparlament (EJP) mit Unterstützung des DFJW vom 27. bis 29. November organisiert wurde, tauschten Sie sich mit 75 jungen Menschen aus Deutschland und Frankreich über die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Jugend aus. Was behalten Sie vom Gespräch mit den Teilnehmenden?

Sarah El Haïry: Der Austausch mit jungen Menschen ist von zentraler Bedeutung. Nur so kennen wir ihre Lebensrealität, nur so kommen wir sie bei ihren Projekten begleiten. Mir geht es darum, Standpunkte zu teilen und gemeinsam eine bessere und friedlichere Zukunft aufzubauen. Ich bin übrigens zutiefst davon überzeugt, dass das deutsch-französische Tandem in doppelter Weise eine treibende Kraft für den europäischen Einigungsprozess ist, wenn es von jungen und älteren Menschen getragen wird. In den letzten Monaten haben sich junge Menschen viel zu ihrer schwierigen Situation geäußert. Ich verstehe das und höre ihnen zu. Aber vor allem haben sie mit Nachdruck Vorschläge gemacht. Und viele vom DFJW geförderten Jugendprojekte haben trotz der Pandemie stattgefunden. Sie zeigen ganz konkret, wie stark die Jugend ist und welches immense Potenzial in ihr steckt. Mit ihrem Engagement und mit den Institutionen können junge Menschen die Welt von morgen mitgestalten.

Die Jahreswende ist geschafft. Was sind Ihre Wünsche für die Jugend und die deutsch-französischen sowie trilateralen Jugendbegegnungen im Jahr 2021?

Juliane Seifert: Mein Wunsch und meine Hoffnung ist, dass wir bald die Pandemie eindämmen und überwinden können – in Deutschland, Frankreich, Europa und der ganzen Welt. Dass wir bald zu einem Leben möglichst ohne Einschränkungen zurückkehren können. Gerade Kinder und junge Menschen sind besonders von den Folgen der Pandemie betroffen und das muss sich schnell ändern. Gerade für sie sind gute Bildung und Möglichkeiten, sich zu entfalten, Neues zu lernen und den Blick über den Tellerrand zu richten, so wichtig. Dazu gehört auch der internationale Jugendaustausch. Auch wenn Alternativen entwickelt wurden, ist die persönliche Begegnung zentral – und wird in diesem Jahr auch hoffentlich wieder die Normalität.

Das Jahr 2021 hat gerade erst begonnen, was wünschen Sie sich für die Jugend und die Mobilität im Jahr 2021?

Sarah El Haïry:
Auch wenn neue Formate wie digitale Mobilitätsprogramme entwickelt wurden, ob nun als Ergänzung oder als eigenständiges Projekt: Sie ersetzen niemals die physische und reale Begegnung, bei der junge Menschen ganz konkrete Fähigkeiten entwickeln.
Jugend, das bedeutet vor allem Bewegung. Die Corona-Krise nimmt jungen Menschen ihre Mobilität.
Ich wünsche mir, dass 2021 das Jahr der physischen Grenzübertritte wird und dass die Grenzen in den Köpfen, die der Lockdown manchmal verfestigt hat, fallen. Ich verlasse mich auch auf das DFJW und seine Partner, damit sich dieser Wunsch erfüllt, sobald wir wieder reisen können.