Das Jugendtanzensemble Ohne Stimme präsentiert
„Passagen in Portbou“

Auf Schlauchboten übers Mittelmeer, zu Fuß über meterhohe Stachelzäune, in Bussen und Sonderzügen fliehen Tausende auf lebensgefährlichen Passagen in Richtung Westeuropa. Sie retten sich vor Krieg, Armut, Verfolgung oder der ökologischen Verwüstung ihrer Heimatländer. Diese Menschen suchen und brauchen Schutz. Doch in vielen Teilen Europas erfahren sie Haft, Hunger, Verelendung und eine heftige, nationalistisch gefärbte Abwehrhaltung.

Im Rahmen des diesjährigen deutsch-französischen Festivals Perspectives findet am 05. Juni die Premiere des Tanzstücks „Passagen in Portbou – Walter Benjamin und das Gedächtnis der Namenlosen“ statt. Über 60 Jugendliche und junge Erwachsene aus Deutschland, Frankreich, Bosnien, Rumänien und Spanien bilden das sogenannte offene Jugendtanzensemble Ohne Stimme.
Mit Mitteln des urbanen Tanzes stellen sie sich gemeinsam der aktuellen Situation in Europa und damit der Frage: „Was geschieht, wenn die eigene Existenz in Frage gestellt wird?“ Hierzu werden die jungen Tänzer*innen vom
30.05 bis 09.06.2019 in Spicheren (Frankreich) in einem Zeltlager leben, trainieren, diskutieren, proben und tanzen. Betreut werden sie dabei von einem internationalen Team aus pädagogischen Betreuer*innen, Choreografinnen, sowie Musikproduzenten, Musikern, Lyrikern und Medienschaffenden.

Entwickelt wurde das Stück im Juli 2018 in Portbou (Spanien), wo die Jugendlichen das Stück erstmals erstmals uraufgeführt haben.

Walter Benjamin und Portbou

Der Entstehungsort des Stücks spielt eine besondere Rolle: War doch die an der spanisch-französischen Grenze liegende Gemeinde Portbou in den 1930/40er Jahren eine Exilstation, die Vielen entweder zur Rettung verhalf oder zur Sackgasse wurde.

Letzteres gilt für Walter Benjamin, berühmter deutscher Philosoph und Kulturkritiker der Moderne. Nach einem kilometerlangen Fußmarsch über die Pyrenäen in dem kleinen Küstenstädtchen ankommend, verweigern ihm spanische Grenzwächter aufgrund eines fehlenden Stempels die lebensrettende Durchreise. Aus Angst, abgeschoben und an das Nazi-Regime ausgeliefert zu werden, wählt er den Freitod.

Um an dieses sowie an alle anderen tragischen Schicksale der massenhaft Vertriebenen zu erinnern, errichtete der israelische Künstler Dani Karavan 1994 die begehbare Denkmalanlage Passagen in Portbou.

Schwerer ist es, das Gedächtnis des Namenlosen zu ehren als das der Berühmten. Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.“ – Walter Benjamin

Begleitet von Benjamins Gedankenreich tanzen, singen und kämpfen die Jugendlichen ohne Stimme eindrucksvoll dagegen an, dass unzählige Menschen auf der Flucht vergessen werden. Ihre Bewegungen schreien NEIN zu nationalistisch gefärbten Abwehrhaltungen und JA zu einer humanen Gesellschaft, in der es Platz für einen offenen und respektvollen Umgang
unterschiedlicher Kulturen gibt. Das Projekt, 2019 ausgezeichnet mit dem Bundespreis des Bündnisses für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt, verleiht so all jenen eine Stimme, die in der Geschichte stumm bleiben mussten. Ein wahrhaft sehenswertes Tanztheaterstück, das für Zusammenhalt und eine offene Gesellschaft plädiert.

Projektreihe Passagen

Die Projektreihe PASSAGEN wurde 2013 unter der Leitung von Heiner Buchen, Dekanat Saarbrücken ins Leben gerufen.

Einmal im Jahr wird ein zweiwöchiges Tanzcamp veranstaltet, bei dem junge

Menschen die Möglichkeit erhalten, unter Anleitung internationaler Choreograf*innen gemeinsam ein Tanztheaterstück zu entwickeln.
Wichtige Grundgedanken des Projekts sind es, einen Ort der
interkulturellen Begegnung zu kreieren, der europäischen Vergangenheit zu gedenken, die Gegenwart kritisch zu reflektieren und für eine gemeinsame europäische Zukunft zu begeistern. Dabei dient urbaner Tanz als Medium und als universelle Sprache, die Menschen über Ländergrenzen und sprachliche Barrieren hinweg verbindet. Die Tanzcamps finden jährlich wechselnd an wichtigen Orten europäischer Geschichte statt. Die dabei entstehenden Tanztheaterstücke sind demnach eng mit der Geschichte ihrer Entstehungsorte verwoben. Hier findet auch die Uraufführung statt. Eine Wiederaufnahme im deutsch-französischen Rahmen findet in der Regel im darauffolgenden Jahr im Rahmen des Festivals der Bühnenkunst Perspectives statt.

Tanzensemble Ohne Stimme

Im Laufe der Jahre haben zahlreiche junge Menschen als Tänzer*innen bei den PASSAGEN-Projekten mitgewirkt. Davon sind einige von Beginn an bis zu aktuellen Produktion mit dabei, andere ehemalige Teilnehmer*innen sind mittlerweile selber Choreograf*innen der Tanzstücke oder unterstützen die Projektreihe im Hintergrund.

Sie alle jedoch – ehemalige, wie neu dazugestoßene Teilnehmer*innen – sind und bleiben Teil des internationalen Jugendtanzensembles Ohne Stimme.

Kontakt

https://www.ohnestimme.com

Anprechpartner:
Projektleitung:
Heiner Buchen (0681/700618)
dekanat-saarbruecken@freenet.com

Öffentlichkeitsarbeit:
passagen.tanz@gmail.com
Ida Kammerloch (01 57 35 53 49 47)
Mara Wagner (01 51 61 05 43 67)

05. (19:30) + 07. (10:00) JUNI 2019 SPICHERER HÖHEN (SPORTPLATZ), SPICHERN

PROJEKTLEITUNG HEINER BUCHEN, DEKANAT SAARBRÜCKEN PÄDAGOGISCHES TEAM UND ORGANISATION HERMANN SCHELL, DANIELA CICCOLINI, VICTORIA STEINMETZ, FELICITAS OFFERGELD, BIANKA WOLLBOLD, ADNAN ALLOUCH, BETTINA SOREL
REGIE DANIELA RODRIGUEZ
ASSISTENZ REGIE NECRO (CHRISTIAN ENREQUE OBERTO GUERRA), INES ARNONE, HEINER BUCHEN
CHOREOGRAFIE YELIZ PAZAR, SAFET MISTELE, HANNAH CHANDRA MAHLER, WAITHERA SCHREYECK
DRAMATURGIE DANIELA RODRIGUEZ, HEINER BUCHEN MUSIKKOMPOSITION CARSTEN THIELE ÖFFENTLICHKEITSARBEIT IDA KAMMERLOCH, MARA WAGNER LYRIK ESTHER ROCA VILA
GESANG NECRO

EMPFOHLEN AB 12 JAHREN OHNE WORTE
DAUER 65MIN
HISTORIE

  • 2013 Spichern, Frankreich „Ohne Grenzen – Sans Frontières“
  • 2014 Sarajevo, Bosnien „P.O.S.T.#14“
    2015 Wiederaufnahme im Rahmen des Perspectives Festival
  • 2016 Targu Jiu, Rumänien „Fara Voce – Ohne Stimme“
    2017 Wiederaufnahme im Rahmen des Perspectives Festival
  • 2018 Portbou, Spanien „PASSAGEN IN PORTBOU – Walter Benjamin und das Gedächtnis der Namenlosen“
    2019 Wiederaufnahme im Rahmen des Perspectives Festival