1. Sie waren von 1996 bis 2011 Deutschlehrer in Frankreich. Häufig wird behauptet, dass nur die besten Schüler*innen Deutsch als erste Fremdsprache wählen. Wie kann man diesem immer noch (zu) weit verbreiteten elitären Bild von der deutschen Sprache entgegnen?

Das ist eine langwierige Aufgabe, da auf unterschiedlichen institutionellen Ebenen gehandelt werden muss. Die große Mehrheit der Deutschlehrkräfte arbeitet folgendermaßen: Zunächst sensibilisieren sie Grundschüler*innen für Deutsch. Alle Kinder können am Unterricht teilnehmen. Zugleich muss der Unterricht derart gestaltet sein, dass die jungen Menschen gern Deutsch lernen. Und das funktioniert am besten, wenn sie in ein deutschsprachiges Land reisen, Sprachzertifikate erwerben und schnellstmöglich Ausflüge machen. So merken die Schüler*innen und ihre Familien, dass etwas passiert und dass es dazu noch interessant ist. Eine Garantie für volle Schulklassen gibt es nicht, aber es lässt sich beobachten, dass die Familien im Laufe der Zeit zu uns in die zweisprachigen Züge in der 6. Klasse kommen. Dies ist, wenn auch in geringerem Maße, bei der Wahl der zweiten Fremdsprache in der 7. Klasse auch der Fall. Diese Tendenz zeichnet sich in ganz Frankreich ab. 

 

2. Wie kann ganz konkret der Deutschunterricht in Frankreich verbessert werden?

Zunächst können wir auf engagierte und begabte Lehrkräfte zählen. Aber es geht natürlich immer noch besser. Der Spaß am Lernen ist meiner Meinung nach die Grundvoraussetzung. Und das geht nur, wenn man sich der Kultur und der Lebenswirklichkeit deutschsprachiger Länder gegenüber öffnet und die Lehrgeschwindigkeit an alle Schüler*innen anpasst. Wenn Schüler*innen den Eindruck haben, dass der Lehrstoff interessant ist und sie dem Unterricht folgen können, dann haben sie auch Spaß und machen mit. Das gilt selbstverständlich auch für den Französischunterricht in Deutschland.

Ein weiterer Punkt: Die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Fächern halte ich für sehr wichtig. Im Fremdsprachenunterricht haben wir das Glück, einen sehr freien Lehrplan zu haben, der uns viel Flexibilität bei der Themenwahl lässt. Wenn Schüler*innen an Projekten in unterschiedlichen Fächern teilnehmen, können sie den Dingen stärker auf den Grund gehen. Ich finde vor allem die Arbeit mit den Französischlehrkräften für sehr bereichernd. 

3. Sie sind ein Kenner beider Systeme. Was kann das Bildungs- und/oder Schulsystem in Deutschland von Frankreich lernen und was kann Frankreich von Deutschland lernen?

Zunächst können wir voneinander lernen. Das gelingt uns, in dem wir versuchen, die Rationalität des anderen zu verstehen. Wir sollten erkennen, welche Schwerpunkte wir teilen und welche gemeinsamen Projekte wir entwickeln können.

Ganz konkret heißt das: Ich finde, dass Schulen in Deutschland keine geschlossenen Räume sind. Die Schüler*innen haben dort mehr Freiheiten und Möglichkeiten, Initiative zu ergreifen. Zu meiner Schulzeit war ich Sprecher der „Schülermitverantwortung“. Ich denke, dass ich viel mehr Spielraum für Projekte hatte als unsere Schüler*innen-Vertretungen an weiterführenden Schulen heute. Ich finde auch, dass Lehrkräfte in Deutschland häufiger zusammenarbeiten. Das liegt vielleicht auch daran, dass sie mehrere Fächer unterrichten.

Was ich in Frankreich mag, ist die intellektuelle Disziplin der Lehrkräfte, die gedankliche Klarheit, die sich häufig in den nachvollziehbaren und expliziten Lernfortschritten widerspiegelt. Und das Wichtigste: Es gibt einen Gemeinschaftssinn, der auf den Werten der Republik aufbaut. 

4. Welche Tipps würden Sie einem jungen Menschen geben, der Sprachen unterrichten will?

Zunächst soll die Person nicht auf die „Älteren“ hören, sondern für sich herausfinden, was sie will und was ihr gefällt.

Wenn die Person dann immer noch meine Empfehlungen hören will, würde ich ihr sagen: Du wirst dich in diesem Beruf mit Schwierigkeiten konfrontiert sehen, wie es in allen komplexen Organisationen der Fall ist. Das können strukturelle Probleme sein, aber auch der Mangel an Mitteln oder Gewohnheiten usw. Aber du hast das Glück, einen wichtigen und sehr sinnhaften Beruf auszuüben. Du kannst jeden Tag mit jungen Leuten sprechen, die dir ihr Vertrauen schenken, solange sie das Gefühl haben, dass du für sie da bist. Du gibst den Kurs vor und kannst, ob nun allein oder mit Kolleg*innen, viele spannende Themen bearbeiten. Du bleibst in engem Kontakt mit Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Du kannst deine Schüler*innen mitnehmen und sehen, wie sie sich dem Anderen gegenüber öffnen. Und ehrlich gesagt gibt es kaum eine erfüllendere Erfahrung als zu sehen, welche Fortschritte Schüler*innen machen.