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Europas Jugend will mehr – mehr Mitsprache, mehr Engagement und mehr Tempo beim Zusammenwachsen des Kontinents. Hundert beziehungsweise 75 Jahre nach dem Beginn der Weltkriege und 25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ist die europäische Einheit in den Herzen und Köpfen der jungen Menschen verankert wie nie zuvor. Dass nahezu der gesamte Kontinent am 25. Mai dazu aufgerufen ist, das inzwischen achte Europaparlament zu wählen, ist für sie ein stärkerer Ausdruck des großen Friedensprojekts als für manch älteren Mitbürger.

Wenige Wochen vor der Wahl verbreitet das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) im Internet 95 Forderungen, die mehr als tausend junge Menschen im Alter von 13 bis 30 Jahren online erarbeiteten. Das Projekt „Europa ist unsere Zukunft, wenn…“ zeigt vor allem, dass sie optimistisch und mit vielen guten Ideen in die Zukunft blicken, aber die europäische Integration von Lissabon bis Tallinn auch erheblich weiter vorantreiben wollen, als dies bislang mitunter möglich erscheint.

Die Jugend will für alle Institutionen umfassend die Wahl haben: Nicht nur das Straßburger Parlament, auch der Rats- und der Kommissionspräsident sollen direkt gewählt werden. Zudem wird eine europäische Regierung gefordert, deren Minister stärker politisch agieren können als die Kommissare. Die Stimmen sollen nicht mehr für nationale Parteien, sondern für ihre europäischen Vereinigungen abgegeben werden. Auch wünschen sich die jungen Menschen mehr europaweite Volksentscheide.

Doch nicht nur die politischen Strukturen sind für die jungen Leute von großem Interesse. Für viele Bereiche ihres täglichen Lebens haben sie sehr konkrete Vorstellungen, die sie gern umgesetzt sähen. Der 50 Jahre alte Aufruf des damaligen französischen Präsidenten Charles de Gaulle, die Zukunft Europas mitzugestalten, ist damit hochaktuell – und das, obwohl die heutige Jugend nur ein weitgehend geeintes Europa kennt, großteils in der Europäischen Union und mit dem Euro aufwuchs.

Viele junge Menschen sind heute so viel und so selbstverständlich in ganz Europa unterwegs wie keine Generation vor ihnen. Dies soll aber nicht nur in den Ferien und im Urlaub so sein. Ganz besonders treibt die Jugend daher auch ihre berufliche Zukunft um. Grenzen und Unterschiede, die den europäischen Ausbildungs- und Arbeitsmarkt nach wie vor durchziehen, scheinen ihr inzwischen völlig unzeitgemäß und in vielen Fällen regelrecht schmerzhaft.

Die jungen Menschen fordern in ihrem Appell eine rasche Angleichung ihrer Schul-, Studien- und Ausbildungsabschlüsse, einheitliche und unkomplizierte Möglichkeiten für Freiwilligendienste und Praktika sowie einen Arbeitsmarkt ohne rechtliche und soziale Hürden in ganz Europa. Unbegrenzte Mobilität in der Staatenunion, die sie nicht trotz, sondern gerade wegen der sprachlichen und kulturellen Unterschiede als interessante und lebenswerte Heimat empfinden, soll selbstverständlich sein.

Sehr konkrete Wünsche gibt es auch für den Kultur- und Medienbereich. Ausdrücklich gewünscht werden etwa eine Zeitung und einen Fernsehsender für ganz Europa. Einen kulturellen Einheitsbrei soll es aber ausdrücklich nicht geben. Ziel ist vielmehr, zugleich nationale Besonderheiten zu bewahren und eine europäische Identität zu entwickeln. Dazu wird etwa vorgeschlagen, dass in den Schulen die Europahymne gelernt wird und es mehr gemeinsame Feiertage gibt.

Besonderen Nachholbedarf in einigen Staaten Europas sieht die junge Generation in der Familienpolitik. Gefordert werden mehr günstige Betreuungsangebote für Kinder, eine stärkere Gleichstellung von Männern und Frauen sowie das Ende einer einseitigen Förderung traditioneller Familien.

Für das DFJW ist von zentraler Bedeutung, dass die Jugend eine herausragende Verantwortung bei Deutschland und Frankreich sieht. Als starke Staaten in der Europäischen Union sollen beide Länder Antrieb dafür sein, Europa zukunftsfest zu machen, für unsere gemeinsamen Werte zu werben sowie Frieden und Wohlstand zu wahren. Gerade die jüngsten Vorgänge in der Ukraine und im Verhältnis zu Russland machen wie lange nicht mehr deutlich, dass nur ein einiges Europa stark ist.

Dr. Markus Ingenlath und Béatrice Angrand

Generalsekretäre des Deutsch-Französischen Jugendwerks


Dieser Artikel ist am 6.5.2014 unter dem Titel „L'appel des jeunes avant les élections européennes“ in der französischen Ausgabe der Huffington Post erschienen.

Le Huffington Post