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Der verbissen sparsame Deutsche und der lebenslustig verschwenderische Franzose: Dieses Bild geistert derzeit wieder durch die Medien. Deutschland sei regelversessen und knauserig, zischt es von der einen Seite. Die andere kontert, in Frankreich herrschten Misswirtschaft und eine lähmende Angst der Politik vor den Wählern. Es ist daher höchste Zeit, sich wieder auf Gemeinsamkeiten zu besinnen und gerade den jungen Menschen Perspektiven aufzuzeigen. Das Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem französischen Premierminister Manuel Valls am kommenden Montag kann ein guter Auftakt dafür werden, längst überholt geglaubten Vorurteilen mit neuer Kraft entgegenzuwirken.

Das Deutsch-Französische Jugendwerk appelliert an die Akteure der öffentlich ausgetragenen Streitigkeiten, sich die möglichen Konsequenzen ihrer Äußerungen vor Augen zu führen und sich auch deren Ursachen bewusst zu machen. Zum Großteil sind die Gründe für übermäßig scharfe Töne aus Frankreich und nahezu herablassende Antworten aus Deutschland nach wie vor in den unterschiedlichen Lebens- und Debattenkulturen beider Länder zu suchen. Immer noch beruht mancher Schlagabtausch auf Missverständnissen, die auf mangelnde Kenntnisse des Nachbarn zurückzuführen sind. Dies führt zur Störung von Vertrauen und langfristig zu einem Ende der Gemeinsamkeiten.

Der Streit entzündet sich vor allem am Umgang mit den Staatsfinanzen sowie den unterschiedlichen Vorstellungen zur Stabilitäts- und Wachstumspolitik in der Eurozone. Es ist wichtig, dass dabei die verschiedenen Ausgangspositionen im Blick behalten werden. Für die deutsche Seite muss eine seit fast hundert Jahren genährte und tief sitzende Angst vor Inflation immer mit bedacht werden. Die Altersvorsorge baut ganz überwiegend auf Sparvermögen, was eine Furcht vor Niedrigzinsen bedingt. In Frankreich hingegen spielt der Immobilienbesitz eine größere Rolle. Zudem ist für die französische Seite von zentraler Bedeutung, dass der Staat ein entscheidender und direkter Akteur in der Wirtschaft ist.

Gerade in einem Jahr, in dem mit spürbarer Ergriffenheit und auch großem Aufwand der beiden zerstörerischen Weltkriege und des Mauerfalls gedacht wird, muss klar werden, dass die Finanz- und Wirtschaftspolitik zwar bedeutsam ist, die Thematik jedoch überschätzt wird, wenn verbal zum Äußersten gegangen und das Klima nachhaltig vergiftet wird. Über bestimmte kulturelle Unterschiede muss Klarheit herrschen, und sie sind zu akzeptieren. So ist der Staat in Frankreich zentral organisiert, die Wirtschaft setzt vor allem auf Generalisten. In Deutschland hingegen herrschen Föderalismus und Spezialisierung. Beides hat Vor- und Nachteile, eine Annäherung ist aber nur mit langem Atem möglich.

Nur wenn dies immer bedacht wird, kann die Politik den jungen Menschen Mut machen und sie zur Mobilität ermuntern, damit sie sich beruflich und kulturell entfalten können. Die grenzüberschreitende Mobilität ist für Europa der Schlüssel zur Zukunft. Sie ermöglicht es, die Welt mit anderen Augen zu sehen, eigene Einstellungen zu überprüfen und sich selbst in Frage zu stellen. Wer die Erfahrung macht, als Fremder in einem anderen Land zu leben, verhält sich auch gegenüber Fremden in der Heimat ganz anders. Ziel muss sein, dass junge Menschen ganz Europa als ihren Lebens- und Handlungsraum begreifen.

Deutschland und Frankreich müssen hier ihrer Vorreiterfunktion in Europa gerecht werden – als wirtschaftliche Schwergewichte, die zugleich eine führende kulturelle Rolle spielen und die kulturellen Grenzen in Europa abbilden können. Dringend notwendig ist etwa, in anderen Ländern erworbene Ausbildungsabschlüsse anzuerkennen und ein gemeinsames System der beruflichen und sozialen Unterstützung zu schaffen. Spannungen zwischen Berlin und Paris sind solchen Zielen so abträglich wie kein anderes Phänomen. Denn die erreichte Aussöhnung zwischen beiden Ländern gilt weit über die Europäische Union hinaus als beispielhaft – vom Balkan bis nach Fernost. Dies sollte so bleiben.

Dr. Markus Ingenlath und Béatrice Angrand

Generalsekretäre des Deutsch-Französischen Jugendwerks


Dieser Artikel ist am 22.9.2014 unter dem Titel „France - Allemagne : les dérapages verbaux des politiques fragilisent cette relation“ in der Rubrik „Le Plus“ von Le nouvel Observateur und unter dem Titel „France-Allemagne : alerte aux dérapages“ in Ouest France erschienen.

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