Stellungnahme der Forschungsgruppe „100 Jahre Erster Weltkrieg - 100 Projekte für den Frieden in Europa“ des Deutsch-Französischen Jugendwerkes zur aktuellen politischen Situation

100 Jahre sind seit dem Ersten Weltkrieg vergangen und das deutsch-französische Jugendwerk (DFJW) hat aus diesem Anlass das Programm "100 Jahre Erster Weltkrieg - 100 Projekte für den Frieden in Europa" eingerichtet.

Mit dieser besonderen Form der Projektförderung sollen junge Menschen in beiden Ländern ermutigt werden, gemeinsam Projekte zu entwickeln, um die europäischen Werte und deren Bedeutung durch gemeinschaftliche Gedenk- und Erinnerungsarbeit zu reflektieren. Die Begleitforschung zu diesen Projekten wird von einer deutsch-französischen, interdisziplinären Forschungsgruppe der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (htw saar) und der Université de Lorraine, Nancy, durchgeführt.

Zunehmend wird in den Ländern Europas die öffentliche Diskussion von Fremden-feindlichkeit und Forderungen nach Abschottung des jeweiligen Landes beeinflusst. Rechtspopulistische Parteien haben Erfolg mit völkisch-nationalen Parolen und der Forderung nach dem Austritt aus der Europäischen Union.

Gleichzeitig werden die Erinnerung an die Millionen von Toten des Ersten und Zweiten Weltkriegs sowie die Notwendigkeit eines Raums der Verständigung und des Friedens in Europa durch z.B. den Front National (FN) in Frankreich und die Alternative für Deutschland (AfD) in Deutschland infrage gestellt.

Ausgehend von dieser politischen Situation in Europa, können unsere aktuellen Forschungsergebnisse der Evaluation der Projekte des DFJW „100 Jahre Erster Weltkrieg – 100 Projekte für den Frieden in Europa“ einen Beitrag zur politischen Diskussion um gestiegene Unsicherheit innerhalb Europas leisten. Im Rahmen dieser interkulturellen Begegnungen wird die Bedeutung des pädagogisch angeleiteten Kulturkontaktes zum Abbau wechselseitiger Unsicherheiten besonders deutlich. Erste Forschungsergebnisse qualitativer Analysen sowie unserer quantitativen Umfragen zeigen, dass Jugendliche durch politische Bildung zur Reflexion der europäischen Geschichte und zur kritischen Auseinandersetzung motiviert werden. Dies unterstützt die „Erziehung zur Mündigkeit“1 der jungen europäischen Bürger, die für ein modernes, offenes Europa Bedingung ist.

Unseren Umfrageergebnissen zufolge engagieren sich die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mehrheitlich freiwillig in den internationalen Projekten zum Thema Erster Weltkrieg. Viele nahmen auch im Rahmen ihres Klassen-, Vereins- oder Gemeindeverbandes teil. Dabei beurteilen über 80% der befragten Teilnehmenden – dies sind deutsche und französische junge Menschen gleichermaßen – die Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg auch heute noch als relevant und als wichtig für die Entwicklung Europas.

Ihre Motivation für die Beteiligung an den jeweiligen Projekten begründet ein Großteil von ihnen mit ihrer Kontaktfreude und Offenheit anderen Menschen gegenüber sowie mit dem Wunsch nach dem eigenen Einsatz für eine friedliche (europäische) Zukunft. Diese jungen Menschen sind mehrheitlich der Meinung, dass mit (politischem) Engagement etwas erreicht werden kann und dass das Mitwirken an der Gesellschaft zu einer Demokratie dazu gehört.

Auch wenn das Interesse und die Notwendigkeit des eigenen Mitwirkens in/an der eigenen Gesellschaft durch diese Ergebnisse klar angezeigt werden und viele Teilnehmende angeben, eine (eher) genaue Vorstellung von der Zukunft ihrer Gesellschaft zu haben, lassen weitere Befragungsresultate Unsicherheiten deutlich werden, wie diese politischen Interessen umgesetzt werden können. Ein Teil der Befragten hat den Eindruck eher wenig Einfluss auf den Zustand von Krieg und Frieden zu haben.

Erste Ergebnisse der qualitativen Forschung können allerdings aufzeigen, dass die Teilnehmenden in den interkulturellen Projekten im kulturübergreifenden, freundschaftlichen Kontakt ein klareres Bewusstsein für die eigenen kulturellen Besonderheiten erlangen. Ausgehend von diesen Prozessen der Selbsterkenntnis scheint es ihnen möglich zu sein, auch fremde Kulturen besser verstehen zu können und bestehende Unsicherheiten gegenüber der anderen Kultur abzubauen. Dies könnte die Basis für eine friedliche Völkerverständigung darstellen.

In Zeiten, in denen sich manche Differenzlinien zu verhärten scheinen, engagiert sich das DFJW, um grenzüberschreitende Begegnungen und Aktivitäten fortzusetzen, die interkulturellen Austausch und offenes Aufeinander-Zugehen ermöglichen und jungen Menschen die Chance geben, ihre eigenen Potentiale zur Gestaltung ihrer Zukunft zu entdecken. Ziel europäischer Politik muss der Abbau sozialer, kultureller und sprachlicher Barrieren sein, indem allen jungen Menschen vermehrt Zugang zu Austausch- und Mobilitätsprogrammen gewährt wird.


Diemut König, Diplom-Pädagogin (Dipl. Päd.) FITT - Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Technologietransfer an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes gGmbH

Prof. Dr. Simone Odierna, Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, Fakultät für Sozialwissenschaften, Department Soziale Arbeit und Pädagogik der Kindheit, Saarbrücken
 


1 Vgl. Kant, I. (1784) "Was ist Aufklärung?" sowie Adorno, T.W. (1971) "Erziehung zur Mündigkeit".

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