Das Deutsche Studentenwerk vereint 57 Studenten- und Studierendenwerke mit mehr als 2,5 Millionen Studierenden und kümmert sich dabei um die soziale, wirtschaftliche, kulturelle und gesundheitliche Förderung. Besonders die eingeschränkten Begegnungsmöglichkeiten in der Corona-Krise belasten die jungen Menschen momentan. Wie geht das Deutsche Studentenwerk mit dieser schwierigen Zeit um? Und haben Sie besondere Maßnahmen zur Unterstützung der Studierenden ergriffen?

Achim Meyer auf der Heyde: Wir haben bereits wenige Wochen nach Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 einen Online-Crashkurs für die Beschäftigten der Studenten- und Studierendenwerke aufgesetzt, um sie in der Betreuung der Studierenden zu unterstützen. Die Studenten- und Studierendenwerke haben ihrerseits die Online-Angebote und Online-Kommunikations-Formate massiv ausgebaut, insbesondere in der Beratung, aber auch im Bereich Kultur und bei der Betreuung internationaler Studierender. Seit Juni 2020 setzen die Studenten- und Studierendenwerke außerdem die Überbrückungshilfe des Bundesministeriums für Bildung und Forschung für Studierende in pandemiebedingter Notlage um. Das geschieht über ein bundesweites Online-Antragssystem, das wir in Rekordzeit im Frühjahr 2020 entwickelt haben. Über inzwischen 244.000 Anträgen von Studierenden wurde entsprochen, es wurden bisher rund 107 Millionen Euro nicht rückzahlbare Zuschüsse ausgeschüttet. Zu mehr als 30 % haben internationale Studierende bislang von der Überbrückungshilfe profitiert.

Die Deutsch-Französische Hochschule (DFH) hat rund 6.400 Studierende in Deutschland und Frankreich und fördert binationale Studiengänge. Aktuell ist die Mobilität zwischen unseren beiden Ländern zum Erliegen gekommen, die Gesundheitskrise stellt eine große Herausforderung für junge Menschen dar. Wie erleben Sie diese besondere Zeit? Haben Sie Maßnahmen zur Unterstützung der Studierenden ergriffen?

Marjorie Berthomier: Die DFH hat sich schon sehr früh dafür eingesetzt, dass die Studierenden ihr Studium fortsetzen können und Zugang zu unseren Hilfsangeboten haben. Wir konnten uns auf das Verständnis beider Länder, das starke Engagement der Dozent*innen, die Ausdauer und Solidarität der Studierenden und auf das Engagement unserer Verwaltungsteams verlassen. Auch heute kommunizieren wir mit allen und halten den Kontakt aufrecht, um den unterschiedlichen Situationen vor Ort gerecht zu werden. Die Anzahl der Studierenden, die zu Beginn des Hochschuljahres 2020 in unseren Studiengängen eingeschrieben sind, ähnelt denen des Hochschuljahres 2019 und bestätigt, wie wichtig dieser enge Kontakt ist.

In der Zusammenarbeit mit dem DFJW organisiert das Deutsche Studentenwerk mit den Centres regionaux des oeuvres universitaires et scolaires (CROUS) deutsch-Französische Studierendenbegegnungen. Können Sie uns sagen, wie die europäische und internationale Kooperation der Universitäten während der Krise stattfindet?

Achim Meyer auf der Heyde: Aus unserer Sicht läuft das weitgehend digital ab. Interessant ist: Überall dort, wo es bereits bestehende Partnerschaften gab, sind die Kontakte durch Online-Austausche bisweilen sogar vertieft worden. Schwierig ist es dort, wo nur sporadische Kontakte bestehen oder in der Krise die Personen wechseln, die sich um den internationalen Austausch bemühen. Ein schönes Beispiel ist das Online-Projekt gegen Rassismus und Rechtspopulismus des Studierendenwerks Freiburgs mit Beteiligung von Partnern von beiden Seiten des Rheins. Das Projekt hat Studierende zu diesem Thema in Form von Filmen und einem Blog erfolgreich mobilisiert.

Mit der Schließung kultureller Einrichtungen im März 2020 wurden auch viele Kunstprojekte eingestellt. Die DFH hat dann das Projekt nautile ins Leben gerufen. Dabei handelt es sich um ein künstlerisches, demokratisches Online-Magazin, das in Zusammenarbeit mit dem DFJW, dem Deutsch-Französischen Kulturrat und mit Unterstützung von ARTE entstanden ist. Können Sie uns sagen, was seitdem passiert ist? Wie wurde dieses Magazin von jungen Leuten und von Kunst- und Kulturschaffenden aufgenommen?

Marjorie Berthomier: Mit nautile.cc wollten wir eine Plattform schaffen, die Fenster zu unserer Fantasie öffnet. Ob nun Erwachsene, Teenager, Kinder, ob Jung oder Alt, ob Studierende, Musiker*innen, intellektuelle Persönlichkeiten oder Weltbürger*innen: Alle sollen ihre Produktionen mit anderen teilen und dem Wunsch nach Offenheit und Kontakt eine Form geben können – ungeachtet der Umstände. Das Besondere des Magazins liegt vor allem in dieser Vielfalt, die von Barbara Müller, Mark André, Karlheinz Stierle oder der Gruppe Zweierpasch, den Schüler*innen des Lycée Galilée in Gennevilliers und den Bewohner*innen des Seniorenheims Am Kreuzberg aufgegriffen wurde. Oder nehmen wir unsere Studierenden, die sich dies- und jenseits der Grenze im Lockdown befinden, und sich nun als Fotograf*in, Schriftsteller*in, Regisseur*in, Karikaturist*in neu entdecken ... Wir wollen Interaktion stärken – vielleicht, indem wir den Kunstschulen in beiden Ländern eine aktivere Rolle einräumen?

Was werden die neuen Projekte des Deutschen Studentenwerks im Jahr 2021 sein?  Und was erhoffen Sie sich vom 41. Deutsch-Französischen Kolloquium im August?

Achim Meyer auf der Heyde: Wir gehen davon aus, dass auch das Jahr 2021 bis weit in den Herbst hinein von der Pandemie geprägt sein wird. Deshalb haben wir in Absprache mit unseren Partnern das Kolloquium auf August 2022 verschoben. Wir unterstützen aber die Studenten- und Studierendenwerke weiterhin in ihren Begegnungsprojekten mit Frankreich, führen den Deutsch-Französischen Fotowettbewerb zum Thema „Abstände/Distances“ digital durch und engagieren uns auch für den Deutsch-Französischen Freiwilligendienst.

Welche neuen Projekte plant die DFH 2021, also in einem Jahr, in dem die grenzüberschreitende Mobilität von Unsicherheit geprägt ist?

Marjorie Berthomier: Wir stehen hinter dem Prinzip einer globalen, nachhaltigen und begleitenden Mobilität im Partnerland, die physisch stattfindet und junge Menschen zu einem Abschluss führt. Dieses Format ist mit den derzeitigen Beschränkungen in unseren beiden Ländern vereinbar. Die meisten wissenschaftlichen Veranstaltungen für Nachwuchswissenschaftler*innen, die 2020 nicht stattfinden konnten, wurden auf 2021 verschoben; neue Projekte sind hinzugekommen. Der Wunsch und die Verfügbarkeit sind da, die Kapazitäten und die Energie auch: Wir bleiben also auf Kurs – sei es, indem wir Studienfächer weiter diversifizieren, das deutsch-französische Expertentreffen zu Klimafragen mit der Zivilgesellschaft organisieren, die Entwicklung von dualen Studiengängen, das binationale Lehramtsstudium und Doppelpromotionen voranbringen oder die Mehrsprachigkeit an europäischen Hochschulen noch weiter ausbauen ... All dies soll in engeren Partnerschaften, insbesondere mit der Wirtschaft, geschehen. Denn die Zeiten erfordern, dass wir zusammenhalten und den Studierenden motivierende Perspektiven für ihre berufliche Zukunft geben.

In den Medien ist oft von einer „Generation Corona" die Rede. Welche Zukunft sehen Sie für diese Generation? 

Achim Meyer auf der Heyde: Es ist sicher nicht leicht, in diesen Zeiten jung zu sein, da die ganzen Freiheiten eines Studiums wegfallen, die gerade am Anfang des Studiums für den Einstieg in das akademische Leben, die sozialen Kontakte, und damit auch für die Persönlichkeitsentwicklung so wichtig sind. Die junge Generation wird aber auch im Schlaf mit digitalen Kommunikationsformen klarkommen und sich dadurch vielleicht – und hoffentlich – anders und auch besser vernetzen können als jemals zuvor.

Marjorie Berthomier: Die Zukunft dieser Generation wird schrittweise in der Gegenwart gebaut, die junge Generation wird sich nach und nach, Tag für Tag und langfristig ihre Zukunft selbst schaffen. Unsere Aufgabe ist es, ihr zur Seite zu stehen, ihr diesen Aufbau zu erleichtern, wo wir nur können, ihr den Raum zu geben, den sie für ihre Entwicklung braucht, und ihre langfristigen Ambitionen zu wahren. Das Engagement der jungen Menschen von heute, ihre Achtsamkeit gegenüber anderen, ihre Klarheit, ihre Liebe zum Leben, ihre Sorge um den Planeten und unser gemeinsames Schicksal gebieten Respekt. Wir haben noch viel zu lernen.