1. DFJW an Patricia Loncle: Angesichts von Covid-19 neigt ein Teil der Gesellschaft dazu, junge Menschen aufgrund ihres für unverantwortlich erachteten Verhaltens als "gefährliche Gruppe" zu betrachten. Warum ist es so wichtig, daran zu erinnern, dass auch und vor allem junge Menschen zu den Opfern der Krise gehören?

Leider ist es ein gesellschaftlicher Klassiker in Krisenzeiten, junge Menschen als „gefährlich einzustufen. Die Suche nach Sündenböcken ist die natürliche Konsequenz dieses Prozesses. Im Laufe der Geschichte haben wir sie immer wieder gesehen: Rocker, Rabauken, Straßenpunks, Jugendliche mit Kapuzen und in jüngster Zeit junge Menschen mit radikalen Ansichten. Immer wenn es Spannungen gibt, wird eine Figur von gefährlichen jungen Menschen auserkoren. Mit der Corona-Krise ist es das kulturelle und soziale Verhalten von jungen Leuten, das in die Kritik gerät und zu Formen von moralischer Panik führt. Ihnen wird vorgeworfen, egoistisch und unverantwortlich oder taub gegenüber Präventionsbotschaften zu sein. Zwar leiden sie kaum unter den schwersten Krankheitsverläufen, aber die Auswirkungen der Krankheit treffen sie indirekt mit voller Wucht: Die Organisation der Uni-Kurse hat – auch wenn sie eine Form von "pädagogischer Kontinuität" ermöglicht hat – die enormen sozialen Ungleichheiten zutage treten lassen, mit denen junge Menschen konfrontiert sind. Viele von ihnen waren und sind immer noch in sehr schwierigen sozialen und wirtschaftlichen Situationen: Sie haben erschwerten Zugang zum Internet und sind Arbeitsbedingungen ausgesetzt, die einem Studium nicht förderlich sind; diejenigen, die studienbegleitend arbeiten müssen, verlieren Praktika und Nebenjobs. Viele von ihnen leiden unter Isolation und haben Schwierigkeiten, Freundschaften oder Liebesbeziehungen zu pflegen. Diese Realitäten lösen beim Eintritt in das Erwachsenenleben ganz offensichtlich Ängste aus und können die Zukunftsaussichten von Einzelpersonen trüben.

 

2. DFJW an Lisi Maier: Während der Kinderkommission des Bundestages haben Sie betont, dass „Viel Jugendarbeit in den digitalen Raum verlagert [wurde], Vernetzung– bis hin zu digitalen Zeltlagern [stattgefunden hat]“. Wie wichtig war es für die Einrichtungen und Organisationen den Kontakt mit jungen Menschen zu behalten, trotz deren Schließung?

Lisi Maier : Freizeitzentren und Sportvereine, Jugendgruppen und Zusammenhänge, in denen Jugendliche ihre Freizeit verbringen, waren nie komplett geschlossen. Fachkräfte vor Ort haben weitergearbeitet, teilweise auch ohne Besucherverkehr. Sie haben die Zeit genutzt, um alternative digitale Angebote und Hygienekonzepte für Präsenztreffen zu entwickeln. Die ehrenamtlichen und hauptberuflichen Fachkräfte sind mit den jungen Menschen größtenteils im Kontakt geblieben, das galt sowohl für die Jugendverbandsarbeit, als auch für die Jugendsozialarbeit. Für diese Einrichtungen und Organisationen ist der Kontakt zu jungen Menschen und das Ausrichten nach ihren Bedürfnissen Grundlage allen Handelns.

 

3. DFJW an Patricia Loncle: Hat Covid-19 die Kluft zwischen den Generationen, also zwischen jungen und weniger jungen Menschen, vertieft?

Ja, global gesehen stimmt das: Jungen Menschen wird vorgeworfen, Auslöser für die zweite Infektionswelle zu sein. In den nationalen Medien wurde unentwegt darüber berichtet, welches sorglose Verhalten junge Menschen an den Tag legten. Diese Berichte wurden oft durch Kommentare von älteren Menschen ergänzt, die diese Verhaltensweisen anprangerten. Dadurch verstärken sich natürlich die negativen Ansichten über die junge Generation, die in den westlichen Gesellschaften schon immer vorherrschend waren.

Auf lokaler Ebene ist dies viel weniger ausgeprägt. Und in der Tat haben wir landauf, landab gesehen, wie junge Menschen ihren Nachbarn helfen und sich in Vereinen engagieren, die die Bedürftigsten unserer Gesellschaft unterstützen. Darüber hinaus haben während des Lockdowns ältere Geschwister die jüngeren bei den Schulaufgaben unterstützt. Außerdem waren sie der Pandemie besonders ausgesetzt. Als Aushilfs- und Teilzeitkräfte arbeiteten viele von ihnen in „systemrelevanten“ Bereichen während der Ausgangs- und Kontaktsperre. Überall sprachen junge Leute von ihrer Angst, das Virus auf ältere Menschen zu übertragen. Heute lassen sich junge Menschen massiv testen – ein Beweis für ihre Solidarität gegenüber der übrigen Bevölkerung.

 

4. DFJW an Lisi Maier: Haben Sie das Gefühl, dass deutsche jungen Menschen sich mehr mit anderen Jugendlichen aus Frankreich und Europa durchs Internet vernetzt haben?

Lisi Maier :  In den vergangenen Wochen und Monaten blieb vielen jungen Menschen gerade im internationalen Bereich nur die Möglichkeit der Vernetzung durch Online-Formate.

Junge Menschen aus ganz Europa haben diese Chancen genutzt, auch der Deutsche Bundesjugendring mit seiner Partnerorganisation Cnajep, sowohl bilateral, als auch multilateral bei Formaten wie dem « Berlin Forum ». Gerade die deutsche EU-Ratspräsidentschaft bot dazu entsprechende Anlässe, beipielsweise im Rahmen der EU-Jugendkonferenz, die mit 250 Jugendlichen und Jugendministeriumsvertreter*innen aus 27 Mitgliedsländern der EU im digitalen Raum stattfand. Mehr digitale Vernetzung bedeutet aber leider auch weniger physische Treffen und für viele deutsch-französische Partnerschaften ist diese Zeit eine sehr schwere Belastungsprobe. 

 

5. DFJW an Patricia Loncle: Wie können die Auswirkungen der Krise auf die Zukunft der jungen Menschen minimiert werden?

Patricia Loncle : Junge Menschen werden von der Krise nachhaltig getroffen: Ob es sich um Lern- oder Arbeitsbedingungen handelt, erleben wir, wie sich soziale Ungleichheiten innerhalb einer Generation und generationsübergreifend verschärfen. Um die Auswirkungen der Krise auf die Zukunft junger Menschen zu mildern, müssen zweifelsohne unterschiedliche Antworten in mehreren Bereichen gefunden werden.

Was Schule und Studium betrifft, muss den am stärksten benachteiligten Personen besondere Aufmerksamkeit zukommen. Das sind vor allem diejenigen, für die es schwierig ist, am Fernunterricht teilzunehmen. In diesem Bereich kommen die sozialen Ungleichheiten voll zum Tragen: Schüler*innen und Studierende aus Randbezirken oder ländlichen Gebieten sind besonders betroffen. Überall im Land testen Schulen und Hochschulen neue pädagogische Methoden und versuchen, diese Schwierigkeiten zu berücksichtigen.

In Hinblick auf den Einstieg ins Berufsleben wurden viele Betriebspraktika sowie Reisen im In- und Ausland abgesagt, viele „Nebenjobs“ endeten mit der Schließung von Geschäften und Unternehmen. In diesem Bereich muss es zweifellos Sensibilisierungskampagnen für Unternehmensleitungen geben, damit vorrangig Arbeitsplätze von jungen Menschen erhalten bleiben können. Denkbar wäre auch ein institutioneller Beitrag, etwa wenn man die Zahl der jungen Menschen erhöht, die Zugang zu einem Freiwilligendienst oder einer nationalen bzw. internationalen Mobilitätsmaßnahme wie Erasmus + haben (auch wenn die Mittel von Erasmus + in den letzten Monaten deutlich erhöht wurden).

Schließlich könnte diese Krise aus sozialer Sicht eine Gelegenheit sein, die Debatte über die Organisation der öffentlichen Jugendhilfe in Frankreich neu zu führen. Die Jugendhilfe ist bekanntermaßen besonders wenig entwickelt. Sie ist zudem sehr komplex. Die Folge ist ein bedeutendes Phänomen der Nicht-Inanspruchnahme von Angeboten. Gleichzeitig nehmen die Ungleichheiten zu, von denen diese Bevölkerungsschicht betroffen ist. 

6. DFJW an Lisi Maier: Was erwarten Sie auf politischer und sozialer Ebene, um die Auswirkungen der Coronakrise auf jungen Menschen so niedrig wie möglich zu halten?

Lisi Maier : Erstens : Schulische und außerschulische Bildungsangebote müssen abgesichert sein. Mit den Schulschließungen und Schließungen von außerschulischen Einrichtungen verschlechterte sich besonders der Zugang armer Schüler zu Bildung, da ihnen das nötige Equipment und die Unterstützung aus dem Elternhaus fehlt.

Für benachteiligte Jugendliche auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz sinken die Chancen deutlich. Entlassungen und Einstellungsstopps führen dazu dass junge Menschen arbeitslos sind  – sowohl in Deutschland und Frankreich, wie auch in ganz Europa. Deshalb bedarf es zweitens einer weiterentwickelten Jugendgarantie, die auf gute qualitative Ausbildungsplätze und Arbeitsplätze setzt.

Drittens ist es wichtig, dass jungen Menschen die Möglichkeit gegeben wird, ihre Persönlichkeit zu bilden, durch Sommerlager, durch internationale Begegnungen, Freiwilligendienste, ehrenamtliches Engagement und weitere non-formale Bildungserfahrungen.