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Was bedeutet Engagement für Sie?

Sich engagieren heißt, dass man das Wertvollste teilt, was man hat: Zeit…und zwar um sie in den Dienst einer Sache zu stellen, an die man glaubt. Das ist grundlegend wichtig für das Allgemeinwohl, die Gesellschaft, für die Mitmenschen. Viele junge Menschen engagieren sich deshalb tagtäglich in Sportvereinen, für schutzbedürftige Personen oder für andere Kinder und Jugendliche, die Schwierigkeiten in der Schule haben. Sie stehen damit für Werte ein. Sie suchen die Begegnung mit anderen. Sie lassen sich auf Abenteuer ein, um ein Projekt zu starten, eine Aktion durchzuführen und um das zu verteidigen, wovon sie überzeugt sind.

Warum ist es heute wichtig, dass sich junge Menschen engagieren? 

Engagierte junge Menschen entwickeln Kompetenzen. Sie stellen sich Fragen zur Zukunft und emanzipieren sich. Ich bin überzeugt, dass alle jungen Menschen bereit sind sich zu engagieren. Teilweise bestehen jedoch psychologische, soziale oder geografische Blockaden, die ich beseitigen will. Wir müssen auch dafür sorgen, dass die soziale Tragweite von Engagement stärker anerkannt wird.  
Das ist die Herausforderung, die wir mit dem allgemeinen Zivildienst (Service National Universel/SNU) angehen wollen: Der Dienst soll die zahlreichen Möglichkeiten für persönliches Engagement zeigen. Dort können sich alle einbringen und einen gesellschaftlichen Beitrag leisten. Der SNU besteht aus drei Phasen: Die erste Phase in dem Jahr nach der 3e (9. Klasse im deutschen Schulsystem) dauert zwei Wochen. Dabei sind die jungen Menschen in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht und setzen sich mit unterschiedlichen Themen auseinander (Verteidigung, nachhaltige Entwicklung, Sport, kulturelles Erbe, Kultur allgemein usw.). Auf diesen Teil folgt eine weitere 14-tägige Phase (ggf. mit einem zeitlichen Abstand zwischen den beiden Phasen), bei der eine Aufgabe für das Allgemeinwohl im Mittelpunkt steht. Ziel ist es, jungen Menschen die unterschiedlichen Formen von Engagement zu vermitteln. Der SNU endet mit einer optionalen Phase. Sie ist für junge Menschen ab 18 Jahren gedacht und dauert mindestens drei Monate.
Ab Juni ist eine erste „Kohäsionsphase“ für 2.000 bis 3.000 Freiwillige im Alter von 15 bzw.16 Jahren in 13 Pilot-Departements geplant.

 

Was sind Ihrer Meinung nach die großen Baustellen, wenn es darum geht, die Mobilität zwischen jungen Menschen aus Deutschland, Frankreich und ganz Europa zu fördern? 

Jugendmobilität ist ein wichtiges Thema, das sowohl auf nationaler als auch europäischer Ebene behandelt werden muss. Weiter gefasst und abhängig von den jeweiligen Regionen zählt Mobilität zu den Bedingungen, die Zugang zu Freizeit, Bildung und Beschäftigung bieten.
Reisen ist mit Kosten verbunden. Diese Kosten stellen häufig ein Hindernis dar, wobei es sich jedoch nicht um das einzige handelt: Information, Integration der Schwächsten, Digitalisierung und ihre Möglichkeiten, die nicht immer alle beherrschen, gehören auch dazu. Vertrauen spielt auch eine große Rolle. Man muss an sich und seine Fähigkeiten glauben, um auf andere und auf ein Umfeld zugehen zu können, das man nicht kennt. Und das Ganze nimmt noch einmal andere Dimensionen an, wenn man Grenzen überschreitet und sich mit einer anderen Sprache oder Kultur auseinandersetzen muss.
Deshalb hat der französische Staatspräsident ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Bis 2024 soll die Hälfte eines Jahrgangs vor der Vollendung des 25. Lebensjahres eine Mobilitätserfahrung machen. Deutschland und Frankreich setzen sich bereits seit vielen Jahren für die Begleitung von jungen Menschen bei Mobilitätsprojekten ein. Dabei handelt es sich auch um eine der zentralen Aufgaben des DFJW.

Ich möchte hier betonen, dass wir uns an einem historischen Zeitpunkt befinden, an dem Mittel in einer bisher nicht dagewesenen Höhe zur Verfügung gestellt werden. Deutschland und Frankreich setzen sich gemeinsam dafür ein, dass die finanziellen Mittel für ERASMUS+ verdoppelt werden. Zudem wurde der Haushalt des DFJW in diesem Jahr mit weiteren rund 4 Millionen Euro aufgestockt. Nicht zuletzt ist der Vertrag von Aachen am 22. Januar der beste Beweis dafür, dass wir Instrumente im Dienst eines deutsch-französischen Tandems brauchen. Unsere Länder sind mehr denn je Motor für eine ehrgeizige europäische Dynamik, in deren Zentrum die Jugend steht.

Ich denke, dass die konkrete Herausforderung darin besteht, allen jungen Menschen Zugang zu Mobilität zu verschaffen. Wir müssen diese Herausforderung meistern. Gleichzeitig ist sie sehr vielschichtig, denn es bedarf mehr Informationen, einfacherer Prozesse und der Begleitung derjenigen, die denken, dass sie nicht betroffen seien. Zudem müssen die Kompetenzen, die sich junge Menschen im Rahmen von Mobilitätsmaßnahmen aneignen, auch anerkannt werden.

Gerade der letzte Punkt ist entscheidend. Egal, ob in der Schulzeit, an der Universität oder darüber hinaus: Zivilgesellschaftliches Engagement muss aufgewertet werden. An dieser Stelle danke ich dem DFJW für die Entwicklung der AKI-App, die genau in diese Richtung geht und junge Menschen dabei unterstützt, die Kompetenzen, die sie bei Mobilitätserfahrungen und im Rahmen von zivilgesellschaftlichem Engagement erworben haben, auch gewinnbringend einzusetzen.   

 

Was sollte unternommen werden, um alle jungen Menschen zu ereichen und Mobilitätsangebote allen zugänglich zu machen?

Wenn es darum geht, Hürden zu überwinden, lauten die zentralen Schlagwörter „begleiten und vereinfachen“.
Zunächst müssen vor allem junge Menschen begleitet werden, die denken, dass sie nicht betroffen sind. Dabei müssen Schule und Vereine zusammenarbeiten und mit gutem Beispiel vorangehen. Ich habe das DFJW gebeten, auch in diese Richtung zu arbeiten und seine Strategie dahingehend auszurichten. Lehrkräfte, alle anderen Akteure sowie Teamerinnen und Teamer müssen über die entsprechenden Ressourcen verfügen, um überzeugen zu können. Hier dürfen Sprachkenntnisse nicht zu einer Bremse werden, sondern ganz im Gegenteil: Die Intensivierung des Sprachunterrichts (einschließlich des Deutschunterrichts) während der gesamten Schulzeit sollte auch zu diesem Ziel beitragen. Wir müssen uns auch stärker dafür einsetzen, dass Mobilität nicht nur Schülerinnen und Schülern oder Studierenden vorbehalten ist. Wir müssen auch mehr Auszubildende, Schulabbrecherinnen und -abbrecher erreichen. 
Und dann müssen wir vereinfachen, und zwar den Zugang zu Informationen über Mobilitätsangebote und zu den finanziellen Hilfen. Das Jugendinformationsnetzwerk und Instrumente wie das Portal „Découvrir le Monde“ sollten besser genutzt und systematisch eingesetzt werden. In diesen unterschiedlichen Strukturen – seien sie nun real oder virtuell – befinden sich alle Informationen zu unterschiedlichen Mobilitätsformaten, zu Ansprechpersonen und Finanzierungsmöglichkeiten. Der Fokus liegt selbstverständlich auf den DFJW-Programmen, die Website des DFJW ist eine echte Fundgrube für wertvolle Informationen.

Manche junge Menschen haben auch Angst davor, an einer europäischen Mobilitätmaßnahme teilzunehmen. Deshalb ist der Erfahrungsaustausch unter jungen Menschen die beste Möglichkeit, diese Befürchtungen abzubauen. Alle Regionen sind betroffen. Die Regionalausschüsse für europäische und internationale Jugendmobilität (Comités régionaux de la mobilité européenne et internationale des jeunes/COREMOB) haben die Aufgabe, die Umsetzung von spezifischen Projekten zu unterstützen und junge Menschen zu begleiten. Alle staatlichen Akteure, die Gebietskörperschaften und das Vereinswesen arbeiten an passenden Lösungen und machen sie anderen zugänglich. Wir werden diese Arbeit noch weiter verstärken.

 

Im Mai 2019 finden die Europawahlen statt. In Europa sind momentan Populismus und Nationalismus auf dem Vormarsch. 71 % der Gymnasiastinnen, Gymnasiasten und Studierenden haben 2014 nicht gewählt. Wie können junge Menschen vermehrt in das europäische Projekt eingebunden werden? Wie kann ihr Zugehörigkeitsgefühl zu Europa gestärkt werden?

Zunächst muss sich Europa sich mit den Herausforderungen auseinandersetzen, die vor allem junge Menschen beschäftigen. Dabei denke ich natürlich an das Klima. Warum sollte man sich an einer Wahl beteiligen, wenn man das Gefühl hat, dass die Institution ihrer Verantwortung nicht gerecht wird! 
Dann müssen Engagement und Solidarität zu zentralen Pfeilern unserer Gesellschaft werden. Das gilt für die nationale und die europäische Ebene gleichermaßen. Wir müssen den Bezug zwischen Europa und den jungen Menschen (wieder)herstellen. Dank gelebter oder erzählter Kriegserfahrungen und Gedenkarbeit konnten wir diese Verbindung lange Zeit aufrechthalten. Jetzt müssen wir neue Mittel und Wege finden. Meiner Meinung nach spielt hier Mobilität eine große Rolle. Geschichte kann man zwar aus Büchern lernen, aber ein Zusammengehörigkeitsgefühl muss gelebt werden. Das gilt auch für die Zukunft der Europäischen Union.

Wer an einem Mobilitätsprojekt teilnimmt, engagiert sich bereits. Mit der Einrichtung eines Staatssekretariats, das sich innerhalb des französischen Bildungs- und Jugendministeriums speziell um die Belange der Jugend und des Vereinswesens kümmert, wollte die französische Regierung zeigen, dass zivilgesellschaftliches Engagement zentraler Bestandteil unserer Gesellschaft ist und entsprechend gestärkt werden müsse. Dabei hilft uns die deutsch-französische Zusammenarbeit. Dank des DFJW arbeiten wir mit unseren deutschen Nachbarn aus der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) zusammen, um Instrumente für politische Bildung für alle Fachkräfte im Bereich Jugendbildung zu entwickeln und zu fördern.

 

Wie kann es gelingen, dass die Meinung junger Menschen in politischen und öffentlichen Debatten mehr Gehör findet?

Junge Menschen haben heute unterschiedliche Möglichkeiten, um sich Gehör zu verschaffen. Die moderne Jugend ist sehr vielschichtig. Dabei denke ich an den strukturierten Dialog auf europäischer oder regionaler Ebene oder auch an bestimmte lokale Jugendpolitikinstanzen der Gebietskörperschaften. Hier werden junge Menschen auf demokratische Debatten und die Werte der Republik vorbereitet.
Europa ist dabei der Motor. Die EU-Jugendstrategie, die im November 2018 von allen europäischen Ministerinnen und Ministern für Jugendfragen verabschiedet wurde und bis 2027 in Kraft bleibt, ist das Ergebnis des Dialogs zwischen jungen Menschen, europäischen Regierungen und der Europäischen Kommission. 
Die Voraussetzung für mehr Mitspracherecht junger Menschen in der öffentlichen Debatte sind aktive und interkulturelle Methoden zur politischen Bildung. Die Tatsache, Bürgerin oder Bürger zu sein und sich am öffentlichen Leben zu beteiligen, beruht auf sehr konkreten Handlungen: wählen gehen, Vereinsmitglied sein, sich für eine Sache einsetzen. Politische Bildung kann mit Sport verglichen werden: Gute Sportlerinnen und Sportler kennen die Regeln. Wenn sie die Regeln nicht anwendet und nicht trainiert, können keine Fortschritte gemacht werden. Dasselbe gilt für das Erlernen von Partizipation und Staatsbürgerschaft. Wenn man sich engagierte, verantwortungsbewusste Erwachsene wünscht, dann müssen diese bereits in jungem Alter durch aktive Pädagogik gefördert werden, ergänzend zu theoretischen Inhalten. Das fängt mit Übungen rund um demokratische Debatten an, geht mit kontroversen Auseinandersetzungen weiter und reicht bis hin zum respektvollen Umgang mit Unterschieden. All das beruht auf konkreten und sinnvollen Erfahrungen. Das ist einer der Aspekte, der vom Service National Universel erfüllt werden kann. 
Schließlich ist der französische Orientierungsrat für Jugendpolitik (Conseil d’orientation des politiques de jeunesse/COJ) eine Institution, in der man sich über Themen auseinandersetzt und austauscht, die sich mit den zentralen Herausforderungen der Jugend betreffen. Der COJ setzt sich primär aus Jugendvertreterinnen, Jugendvertretern und Mitgliedern von Jugendorganisationen zusammen. Hier können Behörden und Regierungsstellen die Anliegen junger Menschen in öffentliche, greifbare Maßnahmen umsetzen, die wiederrum mit konkreten Vorteilen für junge Menschen verbunden sind.  
Jugendliche sind von allen Themen betroffen. Es gibt nicht, wie in manchen Restaurants, eine spezielle „Jugendkarte“, die nur für sie gilt. Umwelt, Sicherheit, Beschäftigung, Mobilität, Institutionen sind die zentralen Themen, die junge Menschen beschäftigen. Aus diesem Grund hat sich der französische Staatspräsident im Rahmen der großen nationalen Debatte (Grand Débat National) auch vor allem an junge Menschen gerichtet. Ich setze mich dafür ein, dass ihre Stimme ins Zentrum der Verträge und Lösungen der großen nationalen Debatte rückt. Ich appelliere an alle jungen Menschen, sich hier einzubringen.