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1. Ihre Prämisse lautet: „Gute Politik beginnt für mich immer beim Betrachten der Wirklichkeit." Jean-Michel Blanquer erklärte, dass es einer gerechten Analyse bedarf, um angemessene Maßnahmen treffen zu können. Inwiefern ist es wichtig für Sie als Politikerin, in regelmäßigem Austausch mit der Bevölkerung zu stehen?

Das ist sehr wichtig für mich. Ins Gespräch zu kommen, zuzuhören und dann Lösungen für Probleme zu finden. Natürlich geht es nicht ohne die Wissenschaft, ohne Zahlen und Fakten. Aber gute Politik braucht auch praktische Erfahrung.

2. Sowohl als Bezirksstadträtin für Bildung, Schule, Kultur und Sport des Bezirks Neukölln von Berlin, als auch als Bürgermeisterin und jetzige Bundesministerin engagierten bzw. engagieren Sie sich verstärkt im Bereich Schule und Bildung. Wie sieht die ideale Schule für Sie aus?

Eine gute Schule braucht gute Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher, Schulsozialarbeiterinnen und -sozialarbeiter. Gerade an Schulen in schwierigen Vierteln schafft es niemand alleine. Es geht nur mit ausreichend Personal und den besten Leuten dort, wo die Probleme am größten sind. Auch die Gebäude und Räume sind wichtig. Eine gute Schule muss auch ein Lebensraum für Kinder sein, den sie wertschätzen können. Viele Kinder bekommen zuhause nicht die nötige Unterstützung. Darum finde ich es wichtig, dass wir das Ganztagsangebot ausbauen. Damit eben nicht nachmittags um halb zwei der Fernseher angesagt ist, sondern die Zeit sinnvoll für Hausaufgaben, Spiel und Sport genutzt wird. Und natürlich geht es nie ohne die Familien. Darum müssen Schulen eng mit den Eltern zusammenarbeiten. Alle Kinder haben Talente. Es gibt keine falschen Kinder. Unser Ziel muss sein, dass Schulen diese Potenziale erkennen und Kindern dabei helfen, eigenständige Persönlichkeiten zu werden.

 3. Es besteht kein Zweifel, dass sich Mobilitätserfahrungen positiv auf den Lebensweg junger Menschen auswirken können. Wie würden Sie einen Jugendlichen davon überzeugen, eine Zeit im Ausland zu verbringen?

Es tut allen gut, den eigenen Horizont zu erweitern und mal etwas ganz anderes zu sehen. Eine Zeit im Ausland ist für viele ein sehr prägendes Erlebnis. Schon der Volksmund sagt: Reisen bildet! Positiv stimmt mich, dass rund zwei Drittel der jungen Menschen in Deutschland grundsätzlich Interesse am Jugendaustausch haben. Es mangelt also nicht an Motivation. Wichtig ist, dass wir Angebote machen, die zur Lebenssituation der Jugendlichen passen. Da müssen wir gemeinsam noch besser werden.

4. Viele Jugendliche nutzen heute schon internationale Austauschangebote. Dennoch werden längst nicht alle jungen Menschen erreicht. Wie können ALLE Jugendlichen Zugang zu Auslandsaufenthalten haben? Ist das ein realistisches Ziel?

Das muss doch unser Ziel sein. Gerade die, die heute noch zu selten Auslandsaufenthalte machen, würden besonders davon profitieren. Zwar stehen die meisten Programme allen jungen Menschen offen, aber faktisch sind noch immer viele ausgeschlossen. Das BMFSFJ hat jüngst eine Studie gefördert, die genau das untersucht hat. Das Ergebnis: Viele junge Menschen erreicht das Angebot noch nicht. Die zweite große Hürde ist die Finanzierbarkeit. Beide Fragen müssen wir angehen. Gemeinsam mit dem DFJW und den übrigen Fach- und Förderstellen der internationalen Jugendarbeit werde ich mich dafür einsetzen, dass mehr Personal und Geld bereitgestellt wird, damit der Jugendaustausch zu einem Angebot und einer Chance für viele junge Menschen wird.

5. Sie haben zusammen mit Ihrem Amtskollegen Jean-Michel Blanquer den Vorsitz des DFJW-Verwaltungsrats inne. Wofür steht Ihrer Ansicht nach das DFJW?

Das DFJW ist seit über einem halben Jahrhundert ein Garant für die Begegnung junger Menschen aus Deutschland und Frankreich. Im Zeichen der Versöhnung gegründet, hat sich das DFJW als größter Akteur der internationalen Jugendarbeit in beiden Ländern und als Vorbild auch über Europa hinaus etabliert. Es geht um Partnerschaftlichkeit, um Austausch und darum, die Sprache des Nachbarlandes kennen zu lernen. Das ist ein großer Schatz, den wir unbedingt bewahren und wo nötig weiterentwickeln müssen. Besonders gefällt mir die europäische Dimension, die sich vor allem in den trilateralen Programmen entfaltet.

6. Am 5. Juli 1963 wurde das DFJW gegründet. Was wünschen Sie dem DFJW für die nächsten 55 Jahre?

Zunächst einmal möchte ich die großartige Leistung festhalten, dass in diesen 55 Jahren weit mehr als 8 Millionen junge Menschen in Deutschland und Frankreich an den vom DFJW geförderten Programmen teilgenommen haben. Ein Erfolg, der auch den Partnern des DFJW gilt und die Messlatte für die Zukunft hoch legt!


Ich wünsche dem DFJW, dass es auch in den kommenden Jahren die Fähigkeit behält, neue Impulse zu setzen und sich regelmäßig zu erneuern. Nur so wird es uns gelingen, auch den nachwachsenden Generationen sinnstiftende Begegnungen über nationale Grenzen hinweg zu ermöglichen. Und genau das werden wir in Zukunft brauchen. Denn gerade in Zeiten, in denen der Nationalismus wieder um sich greift, brauchen wir Menschen, die dem etwas entgegensetzen und die sich für unsere Demokratie und die europäische Einheit stark machen.