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Amélie de Montchalin, Sie sind Staatssekretärin für europäische Angelegenheiten beim französischen Minister für Europa. Michael Roth, Sie sind Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt. Welche Vision haben Sie für Europa?

Michael Roth: Nationalisten und Populisten machen uns verführerisch einfache Angebote: Man könne Europa ja einfach abwickeln und die Nationalstaaten ihre Probleme selber lösen lassen. Alles Gute komme aus Berlin oder Paris, das Schlechte habe dagegen die EU-Bürokratie in Brüssel zu verantworten. Und wenn Europa nicht mehr liefere, dann könne man ja austreten. 

Das ist ganz und gar nicht mein Verständnis von Europa!

Amélie de Montchalin: Ich denke, dass Europa konkret mit Leben gefüllt werden muss. Europa ist der einzige Ort auf der Welt, wo die individuelle Freiheit und soziale Gerechtigkeit gleichermaßen für die Bürgerinnen und Bürger der 28 Mitgliedsstaaten Beachtung finden. Europa ist der Kontinent der Menschenrechte. Die Grundfreiheiten und der historische Zusammenhalt zwischen den Menschen sind der Nährboden, auf dem das europäische Ideal gewachsen ist. Die Europäische Union (EU) ist der einzige Ort, wo die Todesstrafe abgeschafft wurde und ein Kriterium für die Mitgliedschaft in der EU darstellt. Europa ist aber auch ein Sozialmodell. Deshalb wollen wir die Angleichung der sozialen Rechte deutlich in den Mittelpunkt Europas stellen: In Europa darf es weder Wettbewerb zwischen Mitgliedsstaaten noch Sozialdumping geben. Europa steht für Umweltbewusstsein. Wir sind mit der größten Herausforderung des 21. Jahrhunderts konfrontiert. Die europäischen Staaten müssen endlich gemeinsam handeln und ihrer enormen kollektiven Verantwortung gerecht werden. Kurz gesagt: Es geht darum, dass sich Europa vorwärtsbewegt. Denn was Europa ausmacht, sind nicht die großen Reden, sondern konkrete Taten. Damit 500 Millionen Bürgerinnen und Bürger in Frieden leben können und man nicht einen Krieg führt, in dem jeder gegen jeden kämpft.

Wie kann Europa gestärkt werden?

Michael Roth: Wir brauchen nicht weniger, sondern ein besseres Europa: Ein Europa, das international handlungsfähig ist, um Lösungen für die Bewährungsproben dieser Zeit wie Klimawandel, Digitalisierung oder Migration zu finden. Ein Europa, in dem wir vertrauensvoll und solidarisch zusammenstehen, weil wir gemeinsam stärker sind als alleine. Und vor allem brauchen wir ein sozialeres Europa, das allen Europäerinnen und Europäern die gleichen Chancen auf Bildung, Arbeit und Wohlstand bietet.

Dafür setze ich mich mit ganzer Kraft ein. Und ich bin froh, dass es zum Beispiel mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron mutige Staatsmänner gibt, die couragierte Vorschläge für die notwendige Reform Europas in die aktuelle Debatte einbringen. Und auch aus Deutschland gibt es viele gute Ideen, wie es in der EU künftig besser laufen könnte. Deutschland und Frankreich haben sich Anfang des Jahres mit dem Aachener Vertrag gemeinsam zu einem starken, zukunftsfähigen und souveränen Europa bekannt. Unsere Länder wollen die europapolitische Debatte gemeinsam gestalten.

Amélie de Montchalin: Die größten Herausforderungen unserer Zeit sind das Klima und die Migration. Um Europa zu stärken, müssen wir diese Themen aktiv angehen. Sie sind für alle Europäerinnen und Europäer äußerst wichtig. Und es liegt in unserer Verantwortung, konkrete Lösungen für diese beiden dringenden Fragen finden. Wir müssen auch die Brexit-Übergangsphase erfolgreich für Europa gestalten. Denn in Europa muss es weitergehen. Auch wenn die Trennung schmerzhaft ist - schließlich haben wir die EU gemeinsam mit den Briten aufgebaut -, so handelt es sich beim Brexit um eine Entscheidung des Volkes, und die müssen wir respektieren. Europa kann nun unter Beweis stellen, wie wichtig uns demokratische Prinzipien sind. Wenn wir die EU nachhaltig stärken wollen, müssen wir die Institutionen noch demokratischer und transparenter machen. Damit hat die EU in den Augen der europäischen Bürgerinnen und Bürger auch eine größere Legitimität. Als Motor dieses politischen Fortschrittsprojektes müssen wir das deutsch-französische Tandem stets weiter ausbauen und die Zusammenarbeit vertiefen. Wir haben Europa schließlich gemeinsam geprägt.

71 % der Schülerinnen, Schüler und Studierenden in Frankreich, und 60% der jungen Deutschen haben bei den Europawahlen 2014 nicht gewählt. Wie können junge Menschen mehr in das europäische Projekt eingebunden werden, und wie kann ihr Zugehörigkeitsgefühl zu Europa gestärkt werden?

Amélie de Montchalin: Junge Menschen sind Schlüsselfiguren für die Europäische Union. Sie verkörpern unsere Zukunft. Es ist daher unerlässlich, dass sie sich Europa genauso, wenn nicht gar noch mehr, verbunden fühlen wie die ältere Generation. Darum müssen sie stärker an konkreten europäischen Projekten beteiligt werden, die für sie von Bedeutung sind. Nach dem verheerenden Brand der Kathedrale von Notre-Dame hat Emmanuel Macron den Staats- und Regierungschefs der EU-Mitgliedsstaaten vorgeschlagen, einen europäischen Kooperations-Mechanismus zum Schutz des Kulturerbes ins Leben zu rufen. Der jungen Generation soll dabei eine besondere Rolle zukommen. Wenn wir von jungen Menschen in der EU sprechen, dürfen wir ERASMUS nicht vergessen. Das Programm ist ein großer Erfolg der europäischen Integration und muss mehr denn je unterstützt werden. Das DFJW verkörpert die Beziehungen zwischen der deutschen und französischen Jugend im Herzen Europas. Am 13. Mai werde ich übrigens Nachwuchsdiplomatinnen und -diplomaten aus Deutschland und Frankreich treffen, denen eine Jugend, die für europäischen Werte steht, ein genauso großes Anliegen ist wie mir.

Michael Roth: Diese Debatte braucht aber vor allem engagierte Europäerinnen und Europäer. Diese Debatte über Europa braucht Sie! Mir ist es wichtig, dass wir gerade jetzt über Europa reden und, wo nötig, auch streiten. Wenn wir in Europa weiter eine starke, engagierte Zivilgesellschaft haben, die bereit ist, sich einzusetzen – für unsere Werte, für Klimaschutz, für sozialen Zusammenhalt – dann ist mir um unser Europa nicht bange. Ich bin mir sicher: Europas Jugend weiß, was sie an Europa hat! Gerade ihre Stimme muss in Europa gehört werden. Gerade jetzt dürfen wir die europapolitische Arena nicht den Nationalisten und Populisten überlassen. Deshalb: Übernehmen Sie bitte Verantwortung für unser Europa und nutzen Sie Ihre Chance: „Diesmal wähle ich“ – „Cette fois je vote“.