1. Weshalb haben Sie am EUSTORY-Geschichtswettbewerb teilgenommen? Und warum in einem deutsch-französischen Tandem?

Katja Gerhardi: Unser Wettbewerbsbeitrag ist im Kontext eines Schüleraustauschs zu sehen, der über 1600 km hinweg initiiert und seit 1996 am Leben gehalten wird. Etliche Schülerinnen und Schülern konnten bislang das Nachbarland kennenlernen und Erfahrungen mit den Menschen und ihrem Leben vor Ort machen. Einige haben die Partnerschule auch schon im Rahmen des Brigitte Sauzay-Programms für mehrere Monate besucht. Es sind diese Begegnungen, die die deutsch-französische Freundschaft mit Leben erfüllen. Die Idee Europas, deren Kern doch die deutsch- französische Freundschaft ist, wird so für die junge Generation erlebbar. Sie ist mehr als die Theorie in den Lehrbüchern; sie ist echte Verbundenheit. Wir haben mit dieser gemeinsamen Arbeit am Wettbewerb ja nicht nur in die Vergangenheit geblickt, sondern auch zukunftsgewandt gearbeitet. Wie könnten junge Menschen besser für die großartige Idee eines friedlichen und demokratischen Europas begeistert werden als zusammen an einem solchen, wenn auch kleinen Projekt in ihrem persönlichen Umfeld zu arbeiten? Hier wird die europäische Idee gelebt!

2. Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit der Schule im Partnerland? 

Hervé Corcuff: Nun, die größte Herausforderung dieses Tandem-Projektes war, über die Distanz hinweg ein gemeinsames Endergebnis zu erzielen. Ein digitaler Beitrag sollte diese Hindernisse überwinden. 
Wir hielten einen Fotoroman aufgrund seiner Originalität und der Möglichkeit, eine Computersoftware zu nutzen, für sinnvoll. Für das Szenario haben Deutsche und Franzosen zunächst jeweils für sich gearbeitet und sich ein Skript ausgedacht. Dann haben wir unsere Ideen im Januar über Skype ausgetauscht. Die Franzosen haben ihre Arbeit auf Deutsch erklärt und umgekehrt. Am Ende der Stunde haben wir uns auf ein Szenario geeinigt.

3. Was war Ihrer Meinung nach besonders spannend an dieser Zusammenarbeit?

Katja Gerhardi: Natürlich waren die lokale Aspekte für unsere Schülerinnen und Schüler besonders interessant. Biographierecherchen sind in diesem Maße während des „normalen“ Geschichtsunterrichts nicht möglich. Auch die Zusammenarbeit mit Einrichtungen - wie dem Sorbischen Institut und dem Stadtmuseum in Bautzen - und deren Fachleuten war eine sehr bereichernde Erfahrung für die Schülerinnen und Schüler. Sie stellten Fragen und konnten Originalquellen einsehen, die ganz neue Themenfelder jenseits der Lehrpläne berühren. Interessant war natürlich auch die französische Sicht auf Geschichte, ihr Arbeitsansatz, ihre Rechercheergebnisse. Das hätten wir in Deutschland alles so nie kennengelernt. Besonders spannend war auch die Zweisprachigkeit im Projektverlauf. Sprachunterricht findet ja normalerweise in künstlich geschaffenen Situationen statt. Hier waren die Aufgabenstellungen real: Wie vermitteln wir unseren französischen Partnern unsere Ideen? Wie können wir uns verständlich machen? Können wir skypen? Werden wir uns verstehen? Diese Fragen haben wir uns immer wieder gestellt. Das Ergebnis und die Auszeichnung sind natürlich eine wunderbare Antwort auf all unsere Fragen!

4. Welche pädagogischen Ziele haben Sie mit diesem Projekt verfolgt? 

Hervé Corcuff: Zunächst war die Zusammenarbeit im Team von grundlegender Bedeutung. Es gab eine richtige Komplizenschaft zwischen Lehrerkräften, Schülerinnen und Schülern. Im Geschichts- und Erdkundeunterricht wollte ich sie anhand von Rohquellen (Aussagen, Zeichnungen usw.) an die historische Recherchearbeit heranführen und die verschiedenen Sichtweisen auf ein Ereignis untersuchen. Die Schülerinnen und Schüler haben sich anhand unterschiedlicher Texte mit dem Konzept des Friedens auseinandergesetzt; andere Lehrkräfte haben sie an den Aufbau narrativer Muster herangeführt. Ziel war auch, den Teilnehmenden Fachvokabular zu vermitteln und damit ihren mündlichen Ausdruck zu verbessern. Außerdem haben sie mehr über dokumentarisches Arbeiten, den professionellen Umgang mit Daten, die Überprüfung von Quellen - vor allem Internet - und die Erarbeitung von Bibliographien gelernt. 

Katja Gerhardi: Neben den vielen methodischen Zielen war vor allem auch der pädagogische Ansatz sehr reizvoll. In der heutigen Arbeitswelt werden die so genannten „soft skills“ immer wichtiger. Bei solch' einem Schulprojekt, das sowohl jahrgangs- als auch länderübergreifend angelegt ist, spielen Teamfähigkeit, Empathie und wertschätzende Kommunikation eine große Rolle; natürlich gilt das auch für soziale Kompetenzen und Werte wie Verlässlichkeit, Pünktlichkeit und Verantwortungsbewusstsein. Man erlebt sich und seine Arbeit als Baustein eines großen Ganzen. Das Interesse an der Sache und der Spaß sollten bei dem Projekt aber auch nicht zu kurz kommen. Wenn man bedenkt, dass die Schülerinnen und Schüler all das neben dem Unterricht in großer Eigenverantwortung und in ihrer Freizeit zusätzlich zur Schule und zu ihren Hobbys geleistet haben, kann man nur sagen: Chapeau!

5. 2018 finden die Feierlichkeiten anlässlich des Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren statt. Inwiefern ist es für Jugendliche, die Krieg nie erlebt haben und für die Frieden etwas Selbstverständliches ist, wichtig, ein Geschichtsverständnis zu entwickeln?

Hervé Corcuff : Diesen Punkt habe ich besonders hervorgehoben, wenn es um den Ersten Weltkrieg, den Zweiten Weltkrieg und die so genannte "Endlösung" ging. Die Bedeutung von Erinnerungsarbeit ist riesig! Die Schülerinnen und Schüler haben den Krieg in der Tat nicht erlebt -  ebenso wenig wie wir. Es reicht nicht aus, ihnen von Geschichte zu erzählen. Sie müssen sich bewusst werden, dass Europa verschiedenen Phasen durchlebt hat, bevor es zu einem Raum des Friedens und der Solidarität wurde. Sie müssen sich auch mit Archiven befassen und erkennen, dass der Weg lang, schmerzhaft, aber auch von Momenten der Freude geprägt war.
Im aktuellen europäischen Kontext macht das noch mehr Sinn. Ich denke, dass den Schülerinnen und Schülern klar geworden ist, dass sie als europäische Bürgerinnen und Bürger eine wichtige Rolle für den Frieden und die Einheit unter den Völkern spielen, damit die Europäische Union derzeitige und zukünftige Schwierigkeiten meistern kann.

Der Austausch und die Freundschaft zwischen unseren beiden Schulen sind das Ergebnis unserer Arbeit und unseres Engagements für die deutsch-französische Freundschaft und für den europäischen Einheitsgedanken.